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Architektur

«Häusle baue» philosophisch betrachtet

6. Oktober 2021 von

Architektur soweit das Auge reicht.
Foto: Patricia Senn.

Architektur soweit das Auge reicht.

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Online seit
6. Oktober 2021

Printausgabe vom
07. Oktober 2021
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Wenn es um Architektur gehen soll, muss zunächst mal geklärt werden, was Architektur überhaupt ist. Kunst? Handwerk? Ein notwendiges Übel? Eine leicht philosophische Annäherung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Auseinandersetzung mit Bauwerken und Architektur beginnt mit einer Begriffsklärung: Was bedeutet «Architektur»? Und was beinhaltet sie? Ist jedes Gebäude Architektur? Einen ersten Hinweis auf die Bedeutung des Begriffs gibt dabei seine Herkunft: «Architektur» ist eine Zusammensetzung aus dem griechischen Begriff arché, was so viel heisst wie der Anfang, der Ursprung, das Erste und dem Begriff techné, gleichbedeutend mit Kunst oder Handwerk. Wörtlich liesse sich das Wort also mit «Erstes Handwerk» oder «Erste Kunst» übersetzen. Im Lateinischen wird der Begriff schliesslich zu «Baukunst».

Architektur als Basis

In der Literatur wird die Architektur oft nicht nur als «Erste Kunst», sondern gar als die «Mutter» der bildenden Künste bezeichnet. Denn Architektur im weitesten Sinne lässt sich schliesslich bis ganz zu den Anfängen der Menschheit zurückverfolgen. Die Baukunst bedient eines der Urbedürfnisse der Menschen: um in einer feindlichen Umwelt überleben zu können, mussten sich unsere Vorfahren eine Behausung suchen oder erschaffen, in der sie vor Umwelteinflüssen und Tieren geschützt war. Gebäude waren also zunächst Zufluchtsorte, die Schutz und Sicherheit boten – lange bevor überhaupt Zeit und Musse für Kunst und Kultur war. Erst innerhalb sicherer Behausungen konnten es sich die Menschen leisten, Kunstwerke zu erschaffen. Erst dort, wo sich die Menschen häuslich niederliessen, hatten sie Gelegenheit, ihre Emotionen und Geschichten durch Malerei, Bildhauerei oder andere Kunstformen auszudrücken.

Kunst, Wissenschaft oder Handwerk?

Dabei lässt sich sicherlich darüber streiten, von welchem Zeitpunkt an bei einer Unterkunft von «Architektur» gesprochen werden kann. Die Behausungen der Menschen in der Steinzeit waren mit Sicherheit vor allem den natürlichen Gegebenheiten angepasst und erforderten noch keine grosse «Baukunst». Doch sobald die Menschen anfingen, eigene Hütten zu erstellen und Siedlungen anzulegen, begannen sie damit auch, ihre Umwelt zu gestalten und zu formen. Schon rund 8000 Jahre vor Christus existierten beispielsweise in der Nähe des heutigen Jerichos Siedlungen mit Mauern und Türmen, erste stadtähnliche Gebilde. Und «spätestens mit der Anlage von ornamental geschmückten Kultbauten für höhere Wesen, die man verehrte und anbetete (…) entfernte man sich vom blossen Bauen für die primären Bedürfnisse», so erklärt Klaus Jan Philipp in seinem Werk zur Architektur. Mit der Errichtung von Gebetsstätten, Tempeln und Kirchen begannen die Menschen also, nicht mehr nur rein «nützliche» Gebäude zu erstellen.  Ist die sakrale Architektur demnach Kunst? Im Gegensatz zur Alltagsarchitektur? Auch hierüber lässt sich ausgiebig und wohl kaum abschliessend diskutieren.

Architektur prägt den Alltag

Sicher ist jedoch, dass Architektur heute überall und nahezu allgegenwärtig vorhanden ist. Der moderne Alltag wird von ihr geprägt, wir verbringen einen Grossteil unserer Zeit in Räumen, die von Architekten gestaltet und erbaut wurden – innerhalb der Wohnungen und Häuser ebenso wie in den öffentlichen Räumen, im Stadtbild, in der geplanten Umgebung. Umso entscheidender ist es, zu verstehen, was Architektur ist und will. «Architektur ist immer auch gebaute Philosophie», formuliert es Christian Illies in seinem philosophischen Essay zur Architektur. Die einzelnen Bauepochen und dahinterstehenden Ideologien, Philosophien und Ideale widerspiegeln sich in den Bauwerken, die zur jeweiligen Zeit entstanden. Jedes Bauwerk, so Illies weiter, drücke eine Weltsicht aus und kommuniziere diese – aber auch ein Verständnis vom Menschen und seinem gesellschaftlichen Zusammenleben. Oder, wie es der Philosoph Martin Heidegger ausdrückt: «in unserem Bauen und der Weise, wie wir den gebauten Raum beleben (wohnen) spiegelt sich, wie wir die Wirklichkeit verstehen und was wir für sinnvoll und bedeutungsvoll erachten.» Und genau aus diesem Grund ist es auch so spannend, sich Häuser und ihre Geschichten anzuschauen.

Die drei Grundpfeiler der Architektur

Wenn es darum geht, zu erklären, worauf es bei der Architektur ankommt, beruft man sich in der Architekturgeschichte und -philosophie  gerne auf den römischen Architekten Vitruv. Er verfasste um 30 bis 15 vor Christus seine zehn Bände umfassende Abhandlung «de architectura», die, wie es in der «kurzen Geschichte der Architektur» formuliert wird «als erste Schrift über Architekturtheorie gilt und mehr als tausend Jahre lang massgeblichen Einfluss auf Architekten der westlichen Welt ausübte». Während Vitruv in der Antike selber noch wenig bekannt war, erlangte sein Werk vor allem in und nach der Renaissance grosse Bedeutung.
Für ihn beruht die Architektur auf drei Grundprinzipien, der «Nützlichkeit» (Utilitas), der «Stabilität» (Firmitas), und der «Anmut/Schönheit» (Venustas). Bei der «Utilitas» handelt es sich, salopp gesagt, einfach darum, dass Häuser gebaut werden, die auch gebraucht werden können, also ihre Zwecke erfüllen. Ein Gebäude sollte sinnvollerweise die Bedürfnisse derjenigen erfüllen, die es bewohnen. Dabei ist die Nutzung der Gebäude und die Vorstellung darüber, was notwendig und nützlich ist, einem steten Wandel unterworfen.
Die Bedeutung der «Firmitas», also der Stabilität, für ein Gebäude ist ebenso offensichtlich. «Firmitas» ist «das Instrument, das sicherstellt, dass die beim Bau eingesetzten Materialien und Konstruktionen möglichst lange halten», wie Prof. Dr. Vittorio M. Lampugnani von der ETH es formuliert. Stabilität beinhaltet also die Entscheidung über das Material, das beim Bau verwendet wird – jedes Material und jede Konstruktion hat eigene spezifische Möglichkeiten und Grenzen und kann den Anforderungen entsprechend mehr oder weniger richtig und angemessen verwendet werden. In der heutigen Zeit spielt auch der Faktor Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, die ressourcenschonende Bauweise, eine gewichtige Rolle, Faktoren, die in früheren Jahren eher vernachlässigt wurden.
 «Venustas» schliesslich ist die Komponente, die für Laien zwar am einfachsten zu beurteilen scheint, aber nicht objektiv zu entscheiden ist. Was schön ist und was nicht, ändert sich nicht nur im gesamtgesellschaftlichen Kontext und ist historisch einem starken Wandel unterzogen, sondern wird auch subjektiv sehr unterschiedlich wahrgenommen. Das Kriterium der «Venustas» ist jedoch gleichzeitig für das persönliche Befinden sehr wichtig, denn: sich wohlfühlen, sich «zu Hause fühlen» kann man wohl nur in einer Umgebung, die man selber auch als schön empfindet. Wer sich bei einem Umzug für oder gegen eine Wohnung oder eine Wohnumgebung entscheidet, für den/die ist die «Venustas» wohl das entscheidende Kriterium.

Auf Entdeckungsreise durch Höngg

Die Unterteilung in diese drei Grundpfeiler ist auch heute noch Bestandteil der theoretischen Auseinandersetzung mit der Architektur, wird aber in der modernen Baukunst zunehmend auch in Frage gestellt oder anders gewichtet. All die verschiedenen Epochen und Baustile, von der griechischen Architektur bis zur Moderne, finden ihre eigene Bedeutung von «utilitas» «firmitas» und venustas». In den kommenden Ausgaben soll versucht werden, sich diesen Definitionen und den damit zusammenhängenden Fragen anhand konkreter Beispiele aus Höngg anzunähern.

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