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Höngger Fauna

Gesucht: Blindschleichen

12. August 2019 von

Morgens erscheinen Blindschleichen an der Oberfläche, um sich an einem Sonnenplatz aufzuwärmen.
Foto: Dr. Hans-Peter B. Stutz

Morgens erscheinen Blindschleichen an der Oberfläche, um sich an einem Sonnenplatz aufzuwärmen.

Von

Online seit
12. August 2019

Printausgabe vom
14. August 2019
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Beim Umschichten des Komposthaufens saust plötzlich ein schlangenförmiges Tier davon. Man erschrickt kurz, um gleich aufzuatmen, denn es ist «nur» eine Blindschleiche. Sie hat im Kompost ein optimal sicheres und warmes Versteck mit genügend Nahrung gefunden.

Blindschleichen sind keine Schlangen, sondern beinlose Echsen. Dass ihre Vorfahren Beine hatten, zeigt sich daran, dass ganz junge Blindschleichen-Embryonen noch Vorderbeinreste aufweisen und die erwachsenen Tiere Rudimente von Schulter- und Beckengürtel besitzen. Wie alle Echsen haben Blindschleichen bewegliche Augenlider, während Schlangen durchsichtige Schuppen über den Augen tragen und deshalb nicht blinzeln können. Blindschleichen sind, wenn man sie anfasst, nicht geschmeidig wie Schlangen, sondern fühlen sich eher wie ein Hartgummischlauch an. Dies rührt davon, dass sich unter den Hornschuppen in ihrer Haut feine Knochenplättchen befinden. Doch fangen sollte man Blindschleichen nicht, denn bei Lebensgefahr werfen sie ein Stück ihres Schwanzes ab. Dies widerspiegelt sich in ihrem wissenschaftlichen Namen, Aguis fragilis, fragil, zerbrechlich eben. Das abgeworfene Schwanzstück zuckt noch lange und soll Fressfeinde wie vor allem Katzen, aber auch Krähen und Füchse vom flüchtenden Tier ablenken. Der Schwanz wächst, im Gegensatz zum Eidechsenschwanz, nicht wieder nach. Mit ihrem relativ steifen, walzenförmigen Körper, an dem weder Kopf noch Schwanz abgesetzt sind, und den rundum kleinen und glatten Schuppen, können sich die Schleichen bestens unterirdisch und in der dichten Bodenvegetation fortbewegen. Blind, wie es ihr deutscher Name suggeriert, sind sie nicht, auch wenn sie keine Farben sehen.
Blindschleichen legen keine Eier wie die meisten anderen Reptilien, sondern sind lebendgebärend. Jetzt, im August und September, bringen die Weibchen nach etwa drei Monaten Tragzeit vier bis ein Dutzend etwa 8 Zentimeter lange Junge zur Welt. Diese werden erst in ihrem dritten Lebensfrühling geschlechtsreif und die Weibchen haben nur jedes zweite Jahr Junge. Dafür können sie über 40 Jahre alt werden. Deshalb und auch weil zu ihren Lieblingsspeisen kleine Nacktschnecken gehören, sollte man Blindschleichen im Garten mit Respekt begegnen und sie fördern. Sie mögen eine dichte Krautschicht mit sonnigen Lücken, Trockenmauern und Ast- und Steinhaufen. Obwohl sie vielerorts in Höngg verschwunden sind, gibt es sicher noch mehr Blindschleichen-Vorkommen als auf der Karte der Stadt abgebildet sind. Beobachtungen können unter www.zuerich.stadtwildtiere gemeldet werden und tragen zu einem grösseren Wissen über diese heimlich lebenden, beinlosen Echsen bei.

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