Gemeinschaft leben

Die ehemalige «Suchtbehandlung Frankental» ist jetzt das «Jupiterhaus im Frankental». Hier leben 18 Menschen zusammen in einer grossen, unkonventionellen Wohngemeinschaft. Ein Besuch vor Ort.

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Auf der grosszügigen Terrasse mit der unbezahlbaren Aussicht über die ganze Stadt Zürich haben sich an diesem sonnigen Vormittag im Juni sieben der neuen Bewohner*innen der malerischen Villa eingefunden, um den «Höngger» zu empfangen. Eigentlich wäre an diesem Morgen ein Gartenaktionstag angesagt, wo gemeinsam an der Pflege des grossen Umschwungs gearbeitet werden soll, doch für ein Gespräch nehmen sie sich gerne ein wenig Zeit. Boudicca, die Boxerhündin, die auch mit zur Gemeinschaft gehört, kommt zur Begrüssung vorbei, wedelt freundlich mit dem Schwanz und geniesst ein paar Streicheleinheiten. Ihre Besitzer*innen sind zwar heute nicht anwesend, doch im Haus finden sich immer genug Leute, die sie betreuen, so dass sie nie alleine ist.

Zwischennutzung für mindestens sechs Jahre

Vor rund neun Monaten haben sie alle das gemeinsame Experiment hier gestartet. Im Oktober 2019 war die Suchtbehandlung Frankental hier ausgezogen und hatte als «Suchtfachklinik Zürich» an der Emil-Klöti-Strasse ihr neues Domizil bezogen. Ein Jahr lang stand die rund hundertjährige, ehemalige «Villa Simmen» daraufhin leer, bevor im vergangenen Herbst neues Leben in die Räumlichkeiten einzog. Im «Jupiterhaus im Frankental», wie das Gebäude von seinen Bewohner*innen nun genannt wird, wohnen jetzt 18 Menschen im Alter zwischen 22 und 62 Jahren und praktizieren eine nicht ganz alltägliche Form des gemeinsamen Wohnens.

Vom Hegibachplatz zum Frankental

Die meisten der Bewohner*innen haben sich erst richtig kennengelernt, seit sie hier zusammen wohnen, doch einige teilen schon eine etwas längere gemeinschaftliche Geschichte: Elana Andermatt und Bernhard Bäumle etwa leben bereits seit mehreren Jahren zusammen in Wohngemeinschaften. An der Jupiterstrasse in der Nähe des Hegibachplatzes gründeten sie mit elf anderen vor drei Jahren das erste «Jupiterhaus», eine Wohngemeinschaft, die mehr als nur den Zweck günstigen Wohnens erfüllen sollte. Sie waren es dann auch, die sich gemeinsam mit einigen weiteren nach einer neuen Bleibe umsahen, weil ihr Zwischenmietvertrag ausgelaufen war und das Haus saniert werden sollte. Ein Konzept wurde geschrieben und dieses unter anderem an verschiedene Ämter und Entscheidungsträger der Stadt Zürich geschickt, in der Hoffnung auf passenden Wohnraum. Das hat funktioniert: «Plötzlich kam ein Anruf von der Liegenschaftenverwaltung der Stadt, dass sie ein geeignetes Objekt für uns hätten», freut sich Bernhard. Nach längeren Verhandlungen und dem Warten auf Bewilligungen wurde ihnen das Haus schliesslich zur Zwischennutzung für mindestens sechs Jahre überlassen.

Frei von Dogmen

Das «Jupiterhaus im Frankental» ist dabei keine dogmatische Gesellschaft, die einer bestimmten Lebensauffassung folgt, sondern soll jedermann und jederfrau offenstehen. In ihrem Haus, so erklären die sieben Bewohner*innen, soll Gemeinschaft gelebt, einander zugehört werden, Konflikte ausgetragen werden. Elana beschreibt ihre Lebensform als «spirituelle Gemeinschaft, die Freiheit, Menschlichkeit und Achtsamkeit lebt». Wöchentlich treffen sich die Bewohner*innen mehrmals: zu Gesprächsrunden, sogenannten «Herzkreisen», in denen sie sich über ihr Befinden austauschen, zu Orga-Kreisen, in denen Organisatorisches besprochen wird und in kleinen Arbeitsgruppen, in denen spezifische Themen weiterverfolgt werden. Gekocht wird meist gemeinsam in der Grossküche der ehemaligen Suchtstation, manchmal werden auch Interessierte von aussen zur «Herzküche» eingeladen. Im Garten werden Kräuter und Gemüse angebaut, das Essen ist biologisch und stammt von Foodcooperativen und Gemüseabos, von Zeit zu Zeit machen sich Bewohner*innen auch auf, um «Lebensmittel zu retten», die nicht mehr verkauft werden können.

Konflikte ausdiskutieren

Ganz konfliktfrei geht das Zusammenleben dabei natürlich nicht vonstatten. Soll es auch gar nicht. Die 18 Bewohner*innen leben ohne fixen Putz- oder Kochplan, jede*r beteiligt sich nach seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen an den anstehenden Arbeiten. Nicht nur die Küche, auch die Badezimmer und Toiletten werden gemeinsam genutzt. Ein idealer Nährboden für unterschiedliche Meinungen, sind doch die Bedürfnisse nach Ruhe, Ordnung und Struktur so verschieden wie die Menschen selbst. Jasmin Helg erklärt: «Natürlich erleben wir hier auch viele Konflikte, die sich durch das enge Zusammenleben von so ganz unterschiedlichen Individuen ganz einfach ergeben. Ich empfinde es jedoch als grosse Bereicherung, zu lernen, dass es eine Ressource sein kann, Konflikte auszudiskutieren. Ich lerne dadurch, meine Gefühle zuzulassen, auch mal wütend oder frustriert zu sein und das zu thematisieren, ohne den anderen gleich zu verurteilen. Wenn mir ein Thema wirklich unter den Nägeln brennt, dann suche ich das Gespräch mit der betreffenden Person und lasse mich dabei wenn nötig von anderen Mitbewohner*innen unterstützen.»

Angebote fürs Quartier

Die Gruppe hat viele Pläne, wie sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen auch mit dem Quartier teilen möchten. Ab Mitte Juni soll die «Herzküche» nach längerer Pause wieder regelmässig stattfinden, als offener Abend, an dem sich alle Interessierten zum gemeinsamen Kochen, Essen und zum Austausch treffen. Auch ein kleiner Flohmarkt, an dem sie Sachen verkaufen, die nicht mehr benötigt werden, soll in Kürze wieder angeboten werden. Doch die Ideen gehen noch weiter: im ehemaligen Administrativ- und Bürogebäude möchten sie einen Seminar- sowie mehrere Praxisräume einrichten, wo Körpertherapien, Cranio-Sacral-Therapien, Yogakurse und vieles mehr angeboten werden können. Im Garten könnten Permakultur-Kurse oder gemeinsames Gärtnern, aber auch Tanzabende angeboten werden. «Im Moment sind wir jedoch noch in der Aufbauphase. Wir müssen uns selbst noch finden und einige bürokratische Hürden in Bezug auf die Umnutzung der Gebäude überwinden, bevor wir unser Angebot fix auf die Beine stellen können», erklärt Jasmin. «Doch dann sind wir jederzeit bereit für ein lebendiges Miteinander im Quartier – um das Leben ein bisschen schöner zu machen», ergänzt Elana.

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