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Fest in Höngg verwurzelt

22. September 2021 von

Die nächsten drei Jahre mit der Klasse möchte sie noch einmal richtig geniessen: Ruth Stössel in ihrem Klassenzimmer.
Foto: Dagmar Schräder

Die nächsten drei Jahre mit der Klasse möchte sie noch einmal richtig geniessen: Ruth Stössel in ihrem Klassenzimmer.

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22. September 2021

Printausgabe vom
23. September 2021
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Ruth Stössel wohnt nicht nur bereits seit knapp 40 Jahren in Höngg, auch beruflich ist sie hier als Primarlehrerin sehr eingebunden. Ganz nebenbei engagiert sie sich ehrenamtlich im Quartier.

Es ist nun bereits 39 Jahre her, dass ich nach Höngg gekommen bin. Damals war ich erst 22 Jahre jung und gemeinsam mit meinem Lebenspartner, der heute mein Mann ist, auf der Suche nach einer eigenen Wohnung. Wir sind beide in Affoltern geboren und aufgewachsen, hatten bis dahin bei unseren Eltern gelebt und wollten zusammenziehen. An der Limmattalstrasse wurden wir fündig und bezogen eine kleine Wohnung.  Bereits zwei Jahre später stand der nächste Umzug an, allerdings nur hier im Quartier. Wir hatten das Glück, in eines der gerade neu gebauten Häuser der Gewobag-Genossenschaft im Riedhof einziehen zu können. Hier kam ein Jahr später unser erster Sohn zur Welt, zwei weitere Söhne folgten.

In guter Gesellschaft in der Genossenschaft

In der Genossenschaftssiedlung fühlten wir uns von Anfang an sehr wohl. Alle waren frisch eingezogen, man lernte sich sehr schnell kennen. Rundherum wohnten junge Familien mit Kindern im ähnlichen Alter wie unsere, die Kinder und auch die Eltern schlossen schnell Freundschaften. Wir trafen uns rund um den Sandkasten, halfen uns bei der Kinderbetreuung aus, feierten Feste – es war eine sehr schöne Zeit. In dieser Zeit habe ich einige Familien kennengelernt, zu denen die Freundschaft bis heute anhält – auch wenn mittlerweile keiner von uns mehr in der Genossenschaft lebt.

Vom Vikariat zur Klassenlehrerin

Vor der Geburt der Kinder war ich als Primarlehrerin in Affoltern tätig gewesen, und nach einer Babypause nahm ich meinen Beruf wieder auf. Ich begann mit Vikariaten, etwa bei meinem Mann, der den gleichen Beruf hat wie ich und noch mehrere WKs im Militär absolvieren musste.  1994, damals war unser jüngster Sohn vier Jahre alt, fing ich schliesslich an, am Schulhaus Riedhof zu unterrichten. Zu Beginn übernahm ich zunächst als Altersentlastung einen Nachmittag für einen Lehrer, baute mein Pensum jedoch schnell aus und war bald als Förderlehrerin in den verschiedenen Höngger Schulhäusern tätig.
Im Jahr 2000 schliesslich übernahm ich meine erste Klasse als Klassenlehrerin. Seither habe ich acht Klassenzüge begleitet. 18 Jahre lang teilte ich mir die Stelle mit meiner besten Freundin. Seit sie vor drei Jahren aufgehört hat, mache ich den Job nun alleine. Ich habe also genaugenommen eigentlich den umgekehrten Weg dessen genommen, was sonst im Beruf so üblich ist: ich habe mit einem kleinen Arbeitspensum begonnen und erst jetzt, aufs Alter, den Job auf 100 Prozent ausgebaut. Mir gefällt das und ich finde es schön, was für eine intensive Beziehung ich zu meinen Schüler*innen und den Eltern aufbauen kann, wenn ich jeden Tag in der Klasse bin und sie von A bis Z begleite.

Auch in der Freizeit nicht untätig

Auch neben dem Job bin ich im Quartier sehr verwurzelt. Ich engagiere mich ehrenamtlich seit Jahren im Turnverein. 14 Jahre lang war ich im Vorstand der Damen- und Frauenriege des Vereins, davon elf Jahre als Präsidentin dieser Riege sowie Vizepräsidentin des Gesamtvereins. Zum Ausgleich neben Beruf und Sport singen mein Mann und ich ausserdem noch im Kirchenchor der Katholischen Kirche Heilig Geist, das ist eine wunderbare Ergänzung zum sonstigen Programm. Manche meiner Freundinnen schmunzeln ein wenig über mich und sagen, mein Aktionsradius sei ein wenig eingeschränkt, weil sich eigentlich mein ganzes Leben hier im Quartier abspielt. Ich aber schätze es sehr, hier zu wohnen, einen Arbeitsweg von wenigen Minuten zu haben und gleichzeitig auch noch fürs Quartier etwas tun zu können. Vor wenigen Wochen ist nun noch meine Mutter aus Affoltern ins Alterszentrum Riedhof umgezogen, jetzt lebt auch sie nur noch ein paar Gehminuten von mir entfernt.

Aus dem Leben gerissen

Wir haben als Familie hier eine sehr glückliche Zeit geniessen dürfen, bis uns 2010 ein furchtbares Ereignis komplett den Boden unter den Füssen wegriss. Damals starb unser ältester Sohn mit 24 Jahren ganz plötzlich durch einen tragischen Unfall. Dieser Schicksalsschlag hat unser Familienglück zerstört, uns alle komplett durchgerüttelt. Halt und Trost fanden wir in der Beziehung zueinander. Ich glaube, an solchen Ereignissen zerbrechen Familien entweder oder sie wachsen noch viel fester zusammen. Uns hat es zusammengeschweisst. Beide Söhne haben danach lange zu Hause gelebt, der Mittlere ist mit 26 ausgezogen, der Jüngste lebt immer noch bei uns.

Noch einmal bewusst geniessen und dann auf zu Neuem

In jenem Jahr bin ich von meinen Vorstandstätigkeiten beim Turnverein zurückgetreten und habe mich von meinem Engagement etwas zurückgezogen. Doch jetzt bin ich seit einigen Jahren wieder im Vorstand des Vereins aktiv, selbst wenn ich, seit ich 100 Prozent arbeite, nicht mehr so oft zum Training komme.
Beruflich habe ich diesen Sommer, nach den Sommerferien, gerade wieder eine neue Klasse übernommen: 19 Erstklässler*innen, die jetzt bei mir lesen und schreiben lernen. Dies wird allerdings mein letzter Klassenzug sein, danach werde ich mich zur Ruhe setzen. Daher möchte ich die Zeit mit dieser Klasse noch einmal so richtig geniessen, noch einmal ganz bewusst diese drei Jahre durchleben, bevor ich mich vom Schulhaus Riedhof verabschiede. Der Abschied wird sicherlich nicht ganz einfach werden und ich werde mit einem lachenden und einem weinenden Auge von hier weggehen. Schliesslich bin ich mit dem Schulhaus sehr verbunden, nicht nur wegen meines Jobs, sondern auch, weil schon meine Kinder hier zur Schule gegangen sind. Doch ich freue mich auch auf den neuen Lebensabschnitt und auf die Zeit, die ich dann wieder für Hobbys zur Verfügung haben werde. Mein Mann wird kurz nach mir in den Ruhestand treten, dann können wir uns gemeinsam ganz neuen Projekten widmen.

 

In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Unscheinbaren, in Menschen «wie du und ich».
Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

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22. September 2021

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23. September 2021
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