Quartierleben
FairAmour: Lust mit gutem Gewissen
Die Hönggerin Sinja Kessler und ihre Geschäftspartnerin Melanie Alber führen seit drei Jahren den Onlineshop FairAmour. Ihr Sortiment reicht von Intimpflege bis zu Sextoys – entscheidend sind eine faire Herstellung und ein offener Umgang mit Sexualität.
18. September 2026 — Daniel Diriwächter
Was als Idee für einen Blog begann, wurde zum Onlineshop: Melanie Alber wollte ursprünglich über nachhaltige Produkte rund um Sexualität und Intimgesundheit schreiben. Bald stellte sie jedoch fest, dass viele davon in der Schweiz kaum erhältlich waren. Weshalb also nur darüber berichten, statt sie gleich selbst anzubieten? Aus dieser Überlegung entstand FairAmour, laut den Gründerinnen der erste Schweizer Onlineshop, der sich auf nachhaltige Erotikprodukte spezialisiert hat.
Die Hönggerin Sinja Kessler war von Anfang an dabei – zunächst als tatkräftige Unterstützerin. Sie begleitete Alber an Märkte und half beim Aufbau des jungen Unternehmens. «Ich fand die Idee so cool, am liebsten hätte ich es selbst gemacht», erzählt Kessler. Allein hätte sie sich die Gründung einer GmbH allerdings nicht zugetraut. Als Alber die Arbeit für FairAmour neben ihrem Beruf nicht mehr allein bewältigen konnte, fragte sie Kessler, ob sie einsteigen wolle. Diese musste nicht lange überlegen.
Nachhaltigkeit muss sein
Heute führen die beiden Frauen das Unternehmen weiterhin nebenberuflich. Kessler bringt Erfahrung aus Marketing und Einkauf mit. Zuvor arbeitete sie in einem Betrieb, in dem Nachhaltigkeit bereits eine wichtige Rolle spielte. Bei FairAmour verbindet sich dieses berufliche Wissen mit einem Thema, über das noch immer viele nur hinter vorgehaltener Hand sprechen.
Das Sortiment umfasst unter anderem Produkte für Körper- und Intimpflege, Unterwäsche, Gleitgele, Kondome sowie Sextoys aus Silikon, Glas, Holz oder Edelstein. Nachhaltigkeit bedeutet für Kessler und Alber dabei mehr als eine ansprechende Verpackung. Sie hinterfragen Hersteller, Produktionsbedingungen, Materialien und Labels und stellen den Lieferanten viele Fragen. Bei Produkten, deren Herkunft oder Herstellung sie nicht überzeugt, verzichten sie auf den Einkauf.
Besonders wichtig ist ihnen, dass die angebotenen Artikel frei von problematischen Weichmachern und anderen Schadstoffen sind. Gerade über die Schleimhäute könnten solche Stoffe rasch aufgenommen werden, sagt Kessler. Die Glasprodukte sind beispielsweise aus deutschem Glas, das hochwertig verarbeitet wird. Und bei Naturkautschuk-Kondomen spielt neben dem Material auch die faire Entlöhnung der Bäuerinnen und Bauern eine Rolle. Andere Produkte enthalten im Kern recyceltes Ozeanplastik.
Verkauft wird nicht nur online: Kessler und Alber präsentieren ihr Sortiment auch an Märkten und Messen. Dort erleben sie, wie unterschiedlich Menschen auf ihren Stand reagieren. Manche gehen peinlich berührt weiter, andere reagieren ablehnend.
Wieder andere nutzen die Gelegenheit, Fragen zu stellen, die sie lange beschäftigt haben. An einer Messe in der Ostschweiz sei eine ältere Person auf sie zugekommen und habe erzählt, früher habe die Kirche behauptet, Selbstbefriedigung mache blind. Umso grösser sei die Freude gewesen, heute offen darüber sprechen zu können.Solche Begegnungen beeindrucken Kessler.
Ob jemand neugierig oder zurückhaltend reagiert, lasse sich nicht am Alter festmachen: «Es ist wirklich sehr durchmischt.» Die Offenheit führt mitunter auch zu berührenden Gesprächen. So kaufte ein älterer Mann ein Buch über weibliche Lust. Auf die Frage, ob es ein Geschenk sei, antwortete er, es sei für ihn selbst: Er wolle lernen, wie er seiner Frau weiterhin Freude bereiten könne.
Daneben können Alber und Kessler für private Beratungsabende gebucht werden – gewissermassen die Sextoy-Variante einer Tupperware-Party. Sie zeigen ihr Sortiment und erklären Materialien, Herstellung und Anwendung. Bisher fanden diese Abende vor allem unter Frauen statt; Kessler könnte sich das Format aber ebenso gut mit Männern oder gemischten Gruppen vorstellen. Eine separate Gebühr fällt nicht an, sofern ein Mindestumsatz von total 500 Franken erreicht wird.
Sex ist überall – Aufklärung nicht
Offenheit ist nicht nur im direkten Kontakt gefragt. Auch geschäftlich braucht es ein dickes Fell. Werbung auf sozialen Plattformen sei schwierig, weil Beiträge bereits wegen einzelner Begriffe eingeschränkt würden. Das Wort Sex müsse verfremdet geschrieben werden, um automatische Filter zu umgehen. Selbst ein Anbieter für Kartenzahlungen habe die Zusammenarbeit abgelehnt, weil er Erotikgeschäfte grundsätzlich nicht unterstütze.
Für Kessler zeigt sich darin ein Widerspruch: Sexualisierte Inhalte sind im Internet allgegenwärtig, sachliche Information über Sexualität wird jedoch häufig erschwert. Gerade Kinder und Jugendliche könnten dadurch ein verzerrtes Bild erhalten. Aufklärung dürfe nicht allein den sozialen Medien und der Pornografie überlassen werden.
Kessler will diesen Weg auch beruflich weiterverfolgen. Neben ihrem Marketingjob, dem Unternehmen und ihrer Familie plant sie ein Psychologiestudium. Langfristig möchte sie als Sexual- und Paartherapeutin arbeiten – eine Tätigkeit, die sich gut mit FairAmour verbinden liesse. Ihr Wunsch wäre, eines Tages ganz von dieser Arbeit leben zu können.





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