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Kinder & Jugend

«Es fehlt momentan am Essenziellen»

18. März 2021 von

Das Team der Oase stellt den Schüler*innen der Schule Lachenzelg nicht nur Mittagessen zur Verfügung, sondern ist auch Ansprechpartner bei Sorgen und Anliegen.
Foto: zvg

Das Team der Oase stellt den Schüler*innen der Schule Lachenzelg nicht nur Mittagessen zur Verfügung, sondern ist auch Ansprechpartner bei Sorgen und Anliegen.

Foto: zvg

Der «Chaschte» im Rütihof steht den Jugendlichen als Treffpunkt zur Verfügung – und wird von ihnen auch selbst gestaltet.

Foto: Dagmar Schräder

Sofia Hadjisterkoti und Ian Wunderli sind die Jugendarbeiter*innen des Gemeinschaftszentrums.

Von

Online seit
18. März 2021

Printausgabe vom
25. März 2021
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Jugendliche sind heutzutage mit Herausforderungen konfrontiert, die noch vor einer Generation nicht existierten. Die Corona-Pandemie schränkt die Jugendlichen darüber hinaus in ihren Entfaltungsmöglichkeiten stark ein. Der zweite Teil der Artikelreihe zum Thema beschäftigt sich nun nicht nur mit den Problemen, die dadurch entstehen, sondern sucht auch nach konkreten Lösungsansätzen.

Wie geht es der Jugend? Diese Frage ist momentan in aller Munde. Sie beschäftigt nicht nur die Medien intensiv, sondern auch viele Fachleute, Lehrer*innen, Jugendarbeiter*innen, Sozialpädagog*innen und nicht zuletzt natürlich die Eltern und Jugendlichen selber. Dabei geht es in erster Linie meistens um die Schwierigkeiten, die die Pandemie mit sich bringt. Doch auch schon vor Corona häuften sich nach Ansicht von Expert*innen die Anzeichen, dass es um das Wohlbefinden der Jugendlichen nicht zum Besten steht. Insbesondere die sozialen Medien und der Druck, sich vergleichen zu müssen, stellen die Jugendlichen vor enorme Herausforderungen (der Höngger berichtete). Der zweite Teil der Artikelserie zum Thema soll nun die Problematik aus Sicht von Fachleuten beleuchten, die in ihrer praktischen Arbeit täglich mit der jungen Generation zu tun haben. Dazu gehören etwa die Jugendarbeiter*innen des Gemeinschaftszentrums, Sozialarbeiter*innen der Schulen sowie Sozialpädagog*innen in der Schule Lachenzelg. Wie beurteilen sie die Situation? Und vor allem: Was sind ihre Vorschläge, um den Jugendlichen die Situation zu erleichtern?

Erwachsenwerden in Zeiten von Corona ist schwierig

In Höngg sind die beiden Jugendarbeiter*innen Sofia Hadjisterkoti und Ian Wunderli vom Gemeinschaftszentrum für die Jugendarbeit zuständig. Sie betreuen etwa den «Kasten», den Jugendtreffpunkt im Rütihof und organisieren Angebote und Veranstaltungen für die Höngger Jugend. Aktuell spüren auch die beiden Jugendarbeiter*innen vor allem die Auswirkungen der Pandemie, mit denen die heranwachsende Generation zu kämpfen hat. Die aktuelle Situation mit Corona und Lockdown bringe die Jugendlichen teilweise stark an ihre Grenzen, selbst wenn das von aussen zunächst gar nicht so erkennbar sei, erklären die beiden. Der Lockdown erschwere die Loslösung von den Eltern und führe oft zu Konflikten zu Hause, weil alle auf engem Raum zusammenhocken müssten. Auch finanzielle Sorgen der Eltern und ihre Belastungen im Beruf seien den Jugendlichen oft anzumerken. Zudem, so Wunderli und Hadjisterkoti, werde sehr deutlich, dass jegliche Freizeitangebote fehlen. Sportvereine, soziale Treffpunkte, Cafés, Restaurants und Clubs, alles ist zu, das öffentliche Leben auf Sparflamme. Und das ist für die Jungen noch gravierender als für die älteren Generationen, denn: «ein Jahr ohne nennenswerte Sozialkontakte und Freizeitmöglichkeiten ist für Erwachsene schon anspruchsvoll, für Jugendliche und Kinder jedoch ist das eine schier unüberschaubare Zeit. Und gerade in dieser Zeit würde so vieles im Prozess des Erwachsenwerdens passieren – das lässt sich nicht einfach um ein Jahr verschieben».

Der Druck bleibt, der Ausgleich fehlt

Daniel Hänggi, Schulsozialarbeiter an der Schule Lachenzelg, beobachtet unterschiedliche Folgen der Pandemie bei den Schüler*innen: «Es gibt jene die recht gut damit klarkommen mit den Einschränkungen, weil sie Rückhalt finden zu Hause, in der Schule und bei ihren Freunden. Jene wirken nach wie vor lebendig, humorvoll, lernen und machen «ihr Ding». Doch es gibt auch andere, welche regelmässig müde, bleich und kraftlos wirken, sich zurückziehen, ihren Medienkonsum hochhalten. Diese Jugendlichen fallen dem Schulteam auf – Lehrpersonen wie Fachpersonen der Mittagsbetreuung und der Klassenassistenz. Seit dem Lockdown vom März 2020 versuchen zudem vermehrt Jugendliche alleine oder gemeinsam durch den Konsum von Cannabis, Alkohol, Tabletten und anderen Substanzen ihre Stimmung zu erhellen oder sich abzulenken. Es kommt vor, dass sie ihren Konsum in den Beratungen von sich aus ansprechen und recht offen darüber reden möchten.»
Noch deutlichere Worte finden die Mitarbeiter*innen der Oase, der Mittagsbetreuung der Schule Lachenzelg, zur gegenwärtigen Situation. In der Oase begegnen sie jeden Tag einer grossen Anzahl von Schüler*innen und sind oft Ansprechpartner*innen bei Problemen. Aus ihrer Sicht ist die Situation momentan alarmierend, wie Monisha Rajakumar, Mitarbeiterin in der Oase dem «Höngger» in einem schriftlichen Interview bestätigt: «Wir erleben die Jugendlichen seit einem Jahr deutlich überbelastet und zunehmend desillusioniert», so die Sozialpädagog*innen in einem Schreiben an den Höngger. «Einige wenden sich an uns mit Symptomen der Überbelastung, Schlaflosigkeit, Panikattacken, Depressionen, Selbstverletzung, Suizidgedanken. Es fehlt ihnen an Kontakt, ergo an Beziehung, ergo Liebe, ergo fehlt es ihnen am essenziellen: der Substanz.» Während der Leistungsdruck, der auf den Jugendlichen lastet, mit der Pandemie nicht abgenommen habe, würden sie physisch und psychisch eingeengt und müssten ihren Problemen nun eigenverantwortlich begegnen, so die Sozialpädagog*innen weiter. Während also die Erwartungen der Gesellschaft etwa bezüglich Schule und Berufswahl gleich hoch blieben, fiele gleichzeitig der Ausgleich, den Sozialkontakte, Hobbys und Sport bieten können, um dem Druck ausgleichen zu können, zu grossen Teilen weg.

Mehr Raum und Verständnis

Ein grosses Manko, das sowohl die Jugendarbeiter*innen des GZ´s als auch die Sozialpädagog*innen der Oase erkennen, ist zudem das Fehlen von eigenen Räumen, welche die Heranwachsenden für sich besetzen können. Freiräume, wo sich die Jugendlichen unbeobachtet und ungestört treffen können, sind in unseren Städten rar gesät. Mit der Pandemie werden diese jedoch wichtiger denn je. Deshalb steigt der Druck auf den Aussenraum. Doch hier sind Konflikte vorprogrammiert, weil diese Räume natürlich auch von anderen Interessensgruppierungen besetzt werden und sich Anwohner*innen etwa durch Jugendgruppen, die sich auf Spielplätzen oft auch noch zu späterer Stunde treffen, gestört fühlen. Da fehle es oftmals am gegenseitigen Verständnis, so Wunderli und Hadjisterkoti: «Der Austausch zwischen den Jugendlichen, die sich draussen treffen wollen und den sich gestört fühlenden Anwohner*innen, fehlt oft. Austausch könnte aber zu Verständnis für die jeweilige Situation des anderen führen.»

Dialog auf Augenhöhe

Hier setzt die Jugendarbeit an. In der aufsuchenden Jugendarbeit sind die Mitarbeiter*innen des GZ’s im Rahmen ihres neuen Angebots «JugenDialog» auf Anfrage der Quartierbevölkerung situativ in Siedlungen oder auf öffentlichen Plätzen unterwegs. Dabei treten sie mit Jugendlichen in Kontakt, schaffen Berührungspunkte und fördern den Dialog im Quartier: «Die Herausforderung ist unserer Meinung nach, den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, sie als gleichwertige Quartierbewohner*innen anzusehen, deren Bedürfnisse ebenso wahrgenommen werden müssen wie diejenigen der älteren Generationen», erklären die beiden. Ganz ähnlich formuliert es Schulsozialarbeiter Daniel Hänggi: «Handlungsbedarf sehe ich als erstes in der Auseinandersetzung mit unserer eigenen Haltung. Als Erwachsene sind wir für Jugendliche Vorbilder – als Eltern, Lehrpersonen, Erzieher, Trainer, Nachbarn, Bus- und Trampilot*innen oder eben als Sozialarbeiter*innen. Es mag vielleicht befremdlich klingen, selber entspannt, humorvoll und freundlich zu bleiben, auch wenn das Gegenüber angespannt oder genervt wirkt. Wir gewinnen dadurch Zeit. Wertschätzung und Interesse den Jugendlichen gegenüber zu zeigen, kommt bei ihnen generell gut an. Die eigene Unsicherheit mitzuteilen, offene Fragen zu stellen und Lösungsideen gemeinsam zu sammeln, schafft gegenseitiges Verständnis.»

Vernetzung

Gleichzeitig haben die verschiedenen Akteure im Quartier, zumindest im Rütihof, im Sommer 2020 begonnen, sich – erneut – zu vernetzen, um sich über die Problematiken auszutauschen. Gerade im Rütihof waren im vergangenen Jahr vermehrt Klagen über Lärm und Littering lautgeworden. In dem Gremium, das vor einigen Jahren bereits einmal auf die Beine gestellt wurde, treffen sich die Jugendarbeiter*innen des GZ´s, die Schulsozialarbeiter*innen, Vertreter*innen der hier ansässigen Genossenschaften sowie Mitarbeiter*innen von SIP und Polizei regelmässig und diskutieren, welche Massnahmen im Quartier getroffen werden sollen, um die Situation für alle Beteiligten zu verbessern.

 Schulische Initiativen für die Jugendlichen

Doch auch die Schule selbst stehe in der Pflicht, so das Team der Oase: «Uns scheint es wichtig, dass von der Institution Schule Akzeptanz und Toleranz als Grundsätze gelten, denn diese entlasten die Jugendlichen. Die Schule und ihre Akteure sind neben der Familie die einzige Struktur, die noch besteht. Mit dieser Verantwortung müssen wir achtsam umgehen. Diese Verantwortung fordert ein Extra an Engagement, für welches sensibilisiert werden muss. Dafür sind die nötigen Schulungen des Personals bereits initiiert worden.» Im Schulkreis ist das Problem also erkannt: demnächst wird nach Auskunft der Sozialpädogog*innen eine Weiterbildung zum Thema «Psychische Gesundheit Jugendlicher» stattfinden, um alle im Bildungswesen Beschäftigten für das Problem zu sensibilisieren. Wie das Tagblatt Ende Januar mitteilte, startet die Stadt zudem mit dem Programm «Heb Sorg» im Sommer auch für die Schüler*innen der Oberstufe ein Programm, in dem im Unterricht psychische Probleme thematisiert werden.

Räume bieten

In punkto «frei verfügbare Räume» existieren konkret in Höngg bereits zwei Angebote: Im «Kasten» im Rütihof können sich die Jugendlichen jeweils am Freitagabend unter der Aufsicht der Jugenarbeiter*innen treffen. Gleichzeitig kann der Raum aber auch von einzelnen Gruppen gemietet und von jungen Erwachsenen in Eigenverantwortung benutzt werden. Mit dem «Underground», dem Jugendtreff der reformierten Kirche in Kooperation mit dem GZ, steht zudem ein weiterer Raum im Generationenhaus «Sonnegg» zur Verfügung – der momentan allerdings aufgrund der Corona-Schutzmassnahmen nicht genutzt werden kann. Glücklicherweise konnte zumindest der Kasten sein Angebot auch während des Lockdowns für Jugendliche unter 16 Jahren aufrechterhalten.

Angebot ausbauen

Insgesamt will das Gemeinschaftszentrum generell sein Angebot für die Jugendlichen ausbauen und noch mehr Interessierten zugänglich machen, um das Potenzial und die Bedürfnisse besser abdecken zu können. So entsteht etwa momentan gerade im Rütihof ein neues Mittelstufenangebot, wo Kinder von der vierten bis zur sechsten Klasse jeweils am Mittwochnachmittag im Gemeinschaftszentrum gemeinsam spielen, kreativ tätig werden oder sich auch einfach nur treffen können. Damit, so die Hoffnung der Jugendarbeiter*innen, kann schon im jüngeren Alter eine Beziehung zu den Kindern aufgebaut werden, so dass das GZ auch später eine mögliche Anlaufstelle für die Jugendlichen darstellt, wenn sich Probleme ergeben oder sie auf der Suche nach Freizeitangeboten sind.

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18. März 2021

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