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Dorfleben

Eine Snowboarderin von Weltklasse

13. Mai 2019 von

Isabel Derungs vor dem Preisbesen, den sie im Januar für ihren ersten Weltcupsieg bekam.
Foto: Anne-Christine Schindler

Isabel Derungs vor dem Preisbesen, den sie im Januar für ihren ersten Weltcupsieg bekam.

Von

Online seit
13. Mai 2019

Printausgabe vom
16. Mai 2019
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Wenn sie nicht in Höngg ist, fliegt Isabel Derungs über Schanzen.

Sportbegeistert war ich schon immer. Als ich neun war, fing ich mit dem Snowboarden an. Trotzdem blieb ich oft im Unterland, wenn meine Familie übers Wochenende in die Berge fuhr, weil ich ziemlich intensiv Fussball spielte. Das schraubte ich erst zurück, als ich an der ETH Umweltnaturwissenschaften zu studieren begann. Ich konnte mich damals nicht für eine Naturwissenschaft entscheiden und in den Umweltnaturwissenschaften hat man ein bisschen von allem. Das mag ich sowieso gerne, ein bisschen von allem.
Nach dem Bachelor wollte ich snowboarden. Also schrieb ich mich in ein paar grössere Slopestyle-Contests in der Schweiz und in Österreich ein. Im Slopestyle sammelt man Punkte, indem man Tricks auf Schanzen und Rails fährt. An einem dieser Contests fuhr ich aufs Podest und so kam es, dass mich im Frühling 2011 der Trainer des Schweizer Nationalteams ansprach. Ich war 23, als ich Teil des Nationalteams wurde, also etwas älter als üblich. Aber ich erwischte eine gute Zeit. Damals war Slopestyle noch keine olympische Disziplin und das Level noch nicht so hoch wie heute – nur so war ein Quereinstieg überhaupt möglich. Als ich meinen Master anfing, gab ich meine Nebenjobs auf. So hatte ich Zeit fürs Snowboarden und dank der Preisgelder und der Unterstützung der Schweizer Sporthilfe trotzdem noch ein Einkommen.
Als Slopestyle mit den Spielen 2014 olympisch wurde, war das ein Sprung in der Entwicklung des Sports. Es war ein grossartiges Erlebnis, in Sochi dabei zu sein. Damals war ich nahe an der Spitze. Dann kam der Unfall.
Wir waren beim Gletschertraining in Saas Fee. Ich sah den Touristen nicht kommen, der über mir aus dem Bügellift fiel. Er rutschte mit hoher Geschwindigkeit das steile Trassee hinunter und prallte in mich. Mein Bein und die Rippen waren gebrochen und meine Hüfte gequetscht. Es dauerte etwa eineinhalb Jahre, bis alles so gut verheilt war, dass ich wieder fahren konnte.
Das war ein Cut, aber zu einem grossen Teil war es auch der Grund, warum ich heute noch immer in diesem Sport tätig bin. Damals dachte ich mir nämlich, jetzt höre ich doch nicht einfach auf! Um einen versöhnlichen Abschluss zu haben, wollte ich unbedingt noch eine Saison fahren. Sie wurde dann zu einem Neuanfang: während der beiden Saisons, die ich verpasst hatte, hatte sich das Freestyle-Snowboarden stark entwickelt. Ich musste einen Weg finden, an diesen Spitzensport heranzugehen, und rollte ihn technisch für mich neu auf – anders wäre er mir vielleicht schon lange verleidet. Ausserdem setzte ich mir eigene Ziele, unabhängig von den Weltranglisten. Das finde ich nach wie vor sehr schön: Obwohl ich eigentlich Wettkampf fahre, geht es mir seit dem Unfall wieder viel mehr darum, was ich für mich persönlich lernen möchte.
Während meiner Verletzung war ich oft im Garten der WG meines Freundes in Höngg. In dieser Zeit schloss ich auch meinen Master ab – da ich ja nicht snowboarden konnte, hatte ich die Zeit dazu. Vor drei Jahren bin ich dann hierhergezogen und obwohl ich eigentlich überhaupt keine Hönggerin bin, fühle ich mich hier sehr wohl. Bei uns im Haus wird Höngg auch recht zelebriert. Wir laden oft Leute «vo de Stadt une ufe id Sunnestube vo Züri» ein, zum Beispiel zu unserem Sommerfest, das wir jedes Jahr veranstalten. Meine Mitbewohner und mein Freund haben ausserdem angefangen, im Keller eigenes Bier zu brauen, das «Höngger Sunne» heisst. Wir überlegen gerade, ob wir einen Stand am Wümmetfest machen wollen. Immerhin ist die «Höngger Sunne» auch ein Stück Quartiergeschichte: Eines unserer Biere ist nach einem Höngger benannt, der der Legende nach 1969 das Stadthaus in die Luft sprengen wollte.
Trotz Bier und Festen ist der Sommer aber nicht eine snowboardfreie Zeit. Neben einem Training in Neuseeland trainieren wir wochenweise in der Schweiz, etwa auf dem Gletscher. Im Herbst beginnt dann schon die Big Air-Saison, weil es dazu ja nur eine grosse Schanze braucht und die gut aus Kunstschnee gebaut werden kann. Big Air ist meine zweite Disziplin. Dort geht es darum, einen einzelnen, möglichst trickreichen Sprung zu meistern. Die Slope-Style-Saison beginnt, wenn die Skigebiete aufgehen und dauert bis März. In dieser Zeit ist das Nationalteam viel international unterwegs, vor allem in den USA und zunehmend im asiatischen Raum – etwa an den olympischen Spielen in Südkorea.
In meiner ersten Saison nach dem Unfall begannen die Qualifikationen dafür. Es fiel mir weniger leicht als beim ersten Mal, aber ich qualifizierte mich und war 2018 schliesslich dabei. Dabei hatte ich vier Jahre zuvor in Sochi gar nicht vorgehabt, ein zweites Mal an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Ich habe nämlich von Anfang an immer nur von Saison zu Saison gedacht.
Vergangene Saison war die erste, in der ich mir sagte, es werde meine letzte. Im Januar durfte ich dann aber meinen ersten Weltcupsieg feiern und jetzt geht es im selben Stil weiter wie bisher: ich mache noch eine Saison. Allerdings reduziert, weil ich mittlerweile eine Teilzeitstelle habe. Ich arbeite an Projekten im Bereich Gesundheitsförderung, und obwohl das viel Büroarbeit ist, gefällt es mir gut. Parallel dazu lerne ich für ein Didaktikzertifikat. Nur in einem Büro zu sein, kann ich mir auf Dauer nämlich nicht vorstellen. Ich halte mir gerne alle Türen offen.
Nur eins ist sicher: Auch wenn ich irgendwann nicht mehr im Wettkampf bin, möchte ich trotzdem noch jede Saison ein paar Sprünge über grosse Schanzen machen. Das braucht nach ein paar Monaten Pause immer ein bisschen Überwindung. Dabei weiss ich genau: Nach dem ersten Sprung liebe ich es sofort wieder, dieses Gefühl vom Fliegen.

In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Unscheinbaren, in Menschen «wie du und ich».
So funktioniert’s: Die zuletzt porträtierte Person macht drei Vorschläge, an wen der Stab der Porträt-Stafette weitergereicht werden soll. Die Redaktion fragt die Personen der Reihe nach an und hofft auf deren Bereitschaft.
Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

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