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Leitartikel

Ein Vorzeigepolizist zieht weiter

1. Juni 2021 von

Nach etwas mehr als fünf Jahren ist es für Kreischef 10 Bruno Etter Zeit weiterzuziehen.
Foto: Patricia Senn

Nach etwas mehr als fünf Jahren ist es für Kreischef 10 Bruno Etter Zeit weiterzuziehen.

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1. Juni 2021

Printausgabe vom
03. Juni 2021
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Kreischef 10 Bruno Etter zieht nach fünfeinhalb Jahren Dienst für Höngg und Wipkingen eine positive Bilanz – und weiter nach Oerlikon.

Nein, ein Sheriff ist Bruno Etter wirklich nicht. In seinen dunkelblauen Stoffhosen und dem hellblauen Hemd, glattrasiert und mit Brille, würde man ihm eher den gut gekleideten Buchhalter abkaufen als einen Polizisten. «Ursprünglich bin ich ein Bauernsohn», sagt der Polizeichef des Kreis 10. Aufgewachsen im Kanton Zug auf dem Bauernhof der Eltern, ein kleiner Betrieb mit Milchkühen auf 800 Metern über Meer. «Meine Sommerferien verbrachte ich meist auf einer Leiter mit Kirschen ernten». Landwirt stand jedoch nie auf der Berufswunschliste des Zugers, stattdessen ging er mit 22 Jahren zur Polizei. Nach der Ausbildung war er lange als Verkehrspolizist auf dem Motorrad unterwegs. Bevor er vor etwas mehr als fünf Jahren Roman Thür als Kreischef 10 ablöste, coachte er sieben Jahre lang Polizist*innen auf der Ausbildungswache Seilergraben im Kreis 1. «Bruno Etter ist eine sehr differenziert denkende, offene und umgängliche Person», attestiert ihm Patrick Bolle, Leiter des Gemeinschaftszentrums Höngg. Insbesondere im Bereich Jugendarbeit haben die beiden immer wieder eng zusammengearbeitet. «Er besitzt die wirklich seltene Gabe, sich in andere hineinzuversetzen, ihre Sichtweisen zu verstehen, seien dies ältere Menschen, Familien oder Jugendliche», so Bolle. Bruno Etter arbeite still und konsequent im Hintergrund, sei fleissig und bescheiden. Nie habe er sich als Polizeichef in Szene gesetzt. «Er liess auch Kritik an der Polizeiarbeit gelten und war stets menschlich und offen». Mit seiner Persönlichkeit habe er viel zu dem guten Verhältnis im Quartier beigetragen. «Wir bedauern sehr, dass er Höngg verlässt», so der Leiter des GZ.

Kein Mann der vielen Worte – aber einer, der sein Wort hält

Auf sein ruhiges Wesen angesprochen, sagt Etter nur: «Ich war noch nie der knallharte Polizist, kein Haudegen». Seiner Ansicht nach sei das in der heutigen Zeit oft auch nicht mehr gefragt. Langanhaltende Probleme kann man miteinander und im Dialog nachhaltiger lösen. «Ich bin dennoch durch und durch Polizist und stehe auch dazu. Das schliesst jedoch nicht aus, dass man mit gesundem Menschenverstand agiert und auch mal ein Auge zudrücken kann. Das alles soll Platz haben» Bei seinem Antritt sagte er, er werde lösungsorientiert arbeiten und so war es schliesslich auch. Er verspreche nichts, was er nicht einhalten könne, meint der Kreischef.
Wiederkehrende Themen in Höngg und Wipkingen seien der Druck auf das Naherholungsgebiet, Lärmklagen und in den vergangenen Jahren vermehrt das Höngger Wehr. Seit Jahren hat sich Etter dafür eingesetzt, die gefährliche Situation vor dem Werdinseli zu verbessern. Gemeinsam mit verschiedenen Akteur*innen wie der SLRG, dem EWZ, Sportamt, Grün Stadt Zürich, Wasserschutzpolizei und der Präventionsabteilung wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, die verschiedene Massnahmen umsetzte, um die Sicherheit für die Böötler*innen an dieser Stelle zu erhöhen. «Nach dem dramatischen Unfall im vergangenen Jahr setzte ich mich stark dafür ein, dass eine neue Ausstiegsstelle geschaffen wird», erzählt Etter. Der heutige Ausstieg sei gefährlich, zu nahe am Wehr und die in Badesachen gekleideten Leute müssten über Metallteile laufen und über einen Zaun steigen.

Lärm, Verkehr und Littering

Vor allem im vergangenen Jahr seien Lärmklagen häufiger geworden – ein Phänomen, dass in ländlichen Quartieren häufiger zu beobachten sei als in urbanen Vierteln, wo man sich einen gewissen Geräuschpegel gewohnt sei. Gerade in Coronazeiten gab es vermehrt Konflikte zwischen Anwohner*innen und Jugendlichen, die sich draussen treffen wollten und auch mussten. «Wir organisierten einige runde Tische zu diesem Thema. Da musste ich auch relativieren und daran erinnern, dass alleine die Anwesenheit der Jugendlichen im öffentlichen Raum nicht verboten sei.» Wenn sich eine Gruppe junger Leute treffe, könne es auch mal lauter werden und es fehlten Orte, wo sie ungestört sein dürften. Besonders in Höngg sei auch der Verkehr und die Baustellen ein herausforderndes Thema. Wenn eine der Hauptverkehrsachsen wegen Sanierung gesperrt werden muss, gibt es fast keine Möglichkeiten, den Verkehr umzuleiten. Dann wird eine erst belächelte Idee, den 80er über die Imbisbühlstrasse laufen zu lassen, plötzlich eben doch Realität. Auch hier erfordert es viel Verhandlungsgeschick mit allen involvierten Gruppen. Man muss pragmatisch bleiben und den vielzitierten Mittelweg finden.

Wenn alle am selben Strick ziehen

«Ich habe den Kreis 10 in den letzten Jahren liebgewonnen – es sind für mich tatsächlich die beiden schönsten Quartiere der Stadt», sagt Etter, der heute im Knonauer Amt lebt. Sein Ziel war es, mit Einsatz von verhältnismässigen Ressourcen ein gutes und sicheres Quartier zu erhalten. Das hat er erreicht, es lebt sich in Höngg und Wipkingen doch im Allgemeinen recht beschaulich. Etter lobt die Zusammenarbeit mit den anderen Akteur*innen: Man war willens, gemeinsam für die Sache und das Quartier zu arbeiten, damit es für alle so gut wie möglich stimmte. Dies bestätigt auch Paul Meyer, Leiter Bezirk Höngg und Grünau bei Grün Stadt Zürich. «Es ist schade, dass er aufhört», sagt Meyer. Die Zusammenarbeit mit ihm sei immer sehr gut gewesen, Etter und sein Team hätten unter anderem dazu beigetragen, dass sich die Lage am früheren Brennpunkt Werdinsel beruhigt habe und heute soweit alles im grünen Bereich sei. Ein Prozess, der von Etters Vorgängern angestossen worden war, und den der Kreischef mit seinem Team konsequent verfolgt und weitergebracht habe. «Das ist sicherlich sein Verdienst und das Resultat davon, dass alle am selben Strick ziehen», meint Meyer. In besonders guter Erinnerung bleiben würden ihm die beiden «Wümmetfäschte», die er miterleben durfte, meint Etter. Auch die Vernetzung mit den städtischen Behörden funktionierte sehr gut und ermöglichte es oft, Probleme unkompliziert und rasch zu lösen.

Nach etwas mehr als fünf Jahren ist die Zeit reif für einen Wechsel. «Ich bin jemand, der dann weiterzieht, wenn es bequem wird, so nach fünf, sechs Jahren brauche ich eine neue Herausforderung», schmunzelt Etter. Die hofft er nun in der Position als Kreischef Oerlikon gefunden zu haben. Das Zentrum im Kreis 11 ist urbaner und mit einer 24-Stunden-Wache wieder näher am pulsierenden Leben. Der administrative Personalaufwand falle dort weg, etwas, das im Kreis 10 mit acht Mitarbeiter*innen einen grossen Teil seiner Arbeit ausgemacht habe. Es ging dann aber plötzlich doch alles ziemlich schnell: Erst vor drei Wochen hat er die Zusage bekommen, am 1. Juni geht es bereits los. «Jeder Abschied schmerzt ein bisschen», meint Etter. Es stünden in den kommenden Jahren im Kreis 10 einige grosse Projekte an, die er nun nicht mehr zu Ende begleiten könne – «dafür erwarten mich in Oerlikon aber andere, ebenfalls spannende Themen», lächelt er. Weil die Vakanz im Kreis 10 noch nicht besetzt ist, übernehmen die Kreischefin 5 und der Kreischef 4 interim die Stellvertretung.

In der Überbrückungszeit, bis eine Nachfolge für Bruno Etter bestimmt ist, stehen die Kreischefin 5 und der Kreischef 4 zur Verfügung. Für sämtliche Themen und Anliegen kann die Email stp-kreischef-10@zuerich.ch genutzt werden.

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