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Ein Grandseigneur in Höngg

10. Dezember 2019 von

Claude Starck in seiner Wohnung in Höngg, wo er seit bald sechzig Jahren zu Hause ist.
Foto: Anne-Christine Schindler

Claude Starck in seiner Wohnung in Höngg, wo er seit bald sechzig Jahren zu Hause ist.

Foto: zvg

Ein Zeitungsartikel über Claude Starcks erstes Konzert, das er 1935 in Strassburg spielte.

Von

Online seit
10. Dezember 2019

Printausgabe vom
12. Dezember 2019
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Claude Starcks Leben ist geprägt von der Musik, und von Glücksmomenten durchwoben.

In meinem Leben gab es immer wieder Glücksmomente. Zur Abschlussprüfung am Conservatoire National de Musique in Paris beispielsweise hatte ich das Konzert von Arthur Honegger als Prüfungsstück. Er sass selbst in der Jury und ich gewann den ersten Preis, und auf seinen Wunsch hin spielte ich sein Konzert im Palais de Chaillot. Das war 1951.

Zu dieser Zeit hatte mein Vater, der Organist in Strassburg war, einen Kinderchor, Les Rossignols de Strasbourg, mit dem er Geld für im Krieg zerstörte elsässische Kirchen sammelte. An diesen Konzerten spielte ich statt einer Pause Sätze aus einer Bach-Suite. Mehrere Jahre bereisten wir die Schweiz, und in Steffisburg lernte ich so meine Frau Therese kennen; sie hatte unsere Unterbringung organisiert. 1952 heirateten wir in Paris und zogen nach Steffisburg zu meinen Schwiegereltern, weil ich damals keine Arbeit hatte. Therese war Sängerin, ihr Nebenfach am Konservatorium war die Geige. So begannen wir, kleine Kinder zu unterrichten, nach der Methode meines Vaters. Diese basiert auf dem Prinzip des Geigenlernens nach Gehör; so hatte mein Vater kleine Kinder unterrichtet, und wir führten seinen Unterricht in Thun fort. Wir hatten sofort viele Schüler, weil Therese eine grosse Geduld mit kleinen Kindern hatte, und weil mein Pariser Diplom beeindruckte. Dank Therese, die den Unterricht jederzeit allein übernehmen konnte, hatte ich damals auch die Freiheit, zu reisen und zu konzertieren.
Den Weg zur Tonhalle hat sie mir freigemacht. Als ich nach Basel in ein Orchester wollte, meinte sie, das sei nicht mein Niveau. Wenig später kam die Berufung von der Tonhalle, als erster Cellist. Ich hatte damals aber gerade angefangen solistisch zu spielen und sagte ab. Erst ein paar Wochen später realisierte ich, was ich da abgesagt hatte – es war damals die Stelle in Europa. Die Tonhalle engagierte einen anderen jungen Cellisten, und ich bedauerte es. Therese aber sagte: «Wenn du die Stelle bekommen sollst, wirst du das.» Sie hatte immer einen grossen Glauben in die Zukunft. Und tatsächlich: Der junge Cellist verliess die Tonhalle nach einem Jahr, weil er Arzt werden wollte, und ich wurde ein zweites Mal angefragt. Das war 1960 – bis zu meiner Pensionierung 1993 blieb ich im Tonhalleorchester.
Seit damals lebe ich in Höngg, immer noch im selben Haus. Als ich die Stelle in Zürich bekam, suchte ich eine Wohnung in der Nähe des Waldes, mit einer direkten Linie zur Tonhalle – und irgendwo, wo man mich als Musiker annahm. Ich habe aber fast nie zu Hause geübt. Das konnte ich in der Tonhalle tun und in einem Zimmer, das mir am Konservatorium zur Verfügung stand, wo ich die Konzertklasse unterrichtete.

Natürlich hatte mich die Tonhalle nicht einfach so angefragt. 1956 war ich gerade ein halbes Jahr lang beim weltberühmten Cellisten Enrico Mainardi in Rom gewesen, als Wolfgang Schneiderhahn Mainardi fragte, ob er einen Cellisten hätte für sein Ensemble Festival Strings of Lucerne für die Musikfestwochen in Luzern. Das war dann ich. Das Ensemble wurde schlagartig berühmt. Wir tourten in den USA und in Kanada. Das alles war nur möglich, weil Therese in dieser Zeit die Kinder unterrichtete.
Dass ich im Ensemble war, gab mir einen Namen. Ich fing an, als Solist mit dem Kölner Kammerorchester zu spielen. Dort nahm ich meine erste Platte auf, Vivaldi, und weitere folgten. Das gab mir natürlich Rückhalt, als junger Cellist mehrere Platten zu haben, und es führte dazu, dass schliesslich die Tonhalle auf mich aufmerksam wurde.

Heute höre ich sehr oft CDs, am liebsten Spätromantiker, aber selten meine eigene Musik. Ich lebe im Jetzt und ich bin der, der ich jetzt bin. Trotzdem holt mich die Vergangenheit manchmal ein. Bei Tudor sind dieses Jahr die neun Sonaten von Vivaldi, die ich 1975 aufgenommen hatte, in neuer Version herausgekommen. Sie sind von der Musikkritik bereits gut aufgenommen worden mit Titeln wie «Grandseigneur» oder «erhabene Eleganz» – mehr kann man sich nicht wünschen.
In meiner Jugend hatte ich mir so sehr Schallplatten gewünscht. Das war während des Kriegs. Und Schallplatten bekam man damals nur, wenn man dafür eine alte zurückbrachte. So waren diejenigen, die ich hatte, vom vielen Hören bald ganz zerkratzt. Cello spielen habe ich mit vier Jahren begonnen. Als Vierzehnjähriger gewann ich den ersten Platz im Musikwettbewerb Baden-Elsass. Dieser Erfolg bewahrte mich gegen Kriegsende davor, ich war 16 Jahre alt, an die Ostfront eingezogen zu werden.
Nach meiner Pensionierung habe ich noch einige Zeit konzertiert. Mein letztes Konzert habe ich in der Reformierten Kirche Höngg gegeben. Weil Therese sehr gläubig und schon bald nach unserem Umzug nach Höngg in der Kirchgemeinde tätig gewesen war, hatte ich dort über die Jahre öfters gespielt, zuerst mit dem Organisten Markus Schloss und später mit Robert Schmid, beides ausgezeichnete Musiker.
Ich fühle mich in meiner Familie geborgen. Meine beiden Söhne und ihre Frauen sind eine Kraftquelle, sowie meine fünf wunderbaren Enkelinnen, die alle ihren eigenen Weg gehen. Auch meine Nachbarinnen und Nachbarn stützen mich, das ist für mich ein absolutes Geschenk. Ich reise nicht mehr, aber ich führe ein glückliches Leben. Ich bin jeden Tag im Wald, eine Notwendigkeit, oder auf dem Friedhof bei Therese. Wenn etwas schön ist, bin ich glücklich, ohne mehr zu wollen. Im Wald habe ich einen wunderbaren Weg, den ich noch hundertmal gehen kann, und jedes Mal ist er so schön wie am ersten Tag.

In diesen monatlichen Beiträgen werden Menschen aus Höngg porträtiert.
So funktioniert’s: Die zuletzt porträtierte Person macht drei Vorschläge, an wen der Stab der Porträt-Stafette weitergereicht werden soll. Die Redaktion fragt die Personen der Reihe nach an und hofft auf deren Bereitschaft. Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

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10. Dezember 2019

Printausgabe vom
12. Dezember 2019
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