«Ein gemütliches Heim»

Das «Friedheim» ist Tierliebhaber*innen unter den Höngger*innen wohlbekannt: während rund 60 Jahren befand sich in diesem Wohnhaus an der Brunnwiesenstrasse 78 eine Kleintierpraxis. Erbaut wurde es zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Heimatstil.

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Es waren ursprünglich fünf nahezu identische Häuser, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts an der heutigen Brunnwiesenstrasse, direkt oberhalb des grossen Pausenplatzes des Schulhauses Bläsi, erbaut worden waren. Deutlich zu identifizieren waren sie an ihrem charakteristischen geschwungenen Ziegeldach, das dem ganzen Gebäude eine leicht rundliche Erscheinung verlieh. Ansonsten wirkte die Architektur einfach und eher bescheiden, rustikal und ländlich. Drei dieser Häuser sind mittlerweile bereits abgerissen und durch Neubauten ersetzt worden, übriggeblieben sind nur noch das «Friedheim» und sein Nachbargebäude.

Architekturbüro erforscht die Vergangenheit

Wie es genau dazu kam, dass hier diese fünf Häuser erstellt wurden, darüber muss an dieser Stelle spekuliert werden, gesicherte Informationen zum Ursprung der Häuser sind nicht ganz einfach zu finden. Bauherr des als Zweifamilienhaus konzipierten Friedheims war nach Angaben von Christiane Illing, Architektin beim Architekturbüro Tropeano, welches eine Studie zu den beiden noch stehenden Häusern durchführte, ein Herr Caspar Müller-Munz. Bei diesem handelt es sich möglicherweise um einen Verwandten von Max Müller, dem Erbauer des «Eggbühls», des heutigen Jupiterhauses im Frankental. Auch dieses wurde um die Jahrhundertwende erbaut und ist ebenfalls dem Heimatstil zuzurechnen.

Ein Wettbewerb für «Schweizer Wohnhäuser»

Höchstwahrscheinlich liess sich der Architekt bei seiner Planung im Jahr 1909 von dem nur zwei Jahre vorher ausgeschriebenen Heimatschutz-Wettbewerb «einfache Wohnhäuser» inspirieren. Diesen Wettbewerb hatte der im Jahr 1905 gegründete Heimatschutzverein 1907 lanciert, um die Architekt*innen anzuregen, Wohnhäuser zu gestalten, die nicht nur für die gehobene Oberschicht, sondern auch für die Mittelschicht erschwinglich sein sollten. In der Projektbeschreibung von 1907 heisst es dazu: «Ein schönes, gemütliches Heim ist für alle Glieder, selbst der einfachsten Familie, die nötige Grundlage jeder ästhetischen Kultur.» Gefragt waren daher, so die Ausschreibung weiter, Entwürfe für Häuschen mit «ein bis zwei, höchstens drei Wohnungen, die mit je drei bis fünf Zimmern für Mieter mit einem jährlichen  Einkommen von 3000 bis 6000 Franken passen sollten.» Und weiter: «Die Häuschen sollten keine Arbeiterhäuser und keine Villen sein, sondern Wohnhausbauten, wie sie an der Peripherie unserer Städte in unseren Landorten verlangt werden.» 150 Projekte wurden für den Wettbewerb eingereicht, die zehn besten erhielten eine – eher bescheiden anmutende –  Prämie von 100 bis 200 Franken. In einer Wanderausstellung wurden der Bevölkerung 30 prämierte Projekte präsentiert.

«Heimat» als Kontrast zur Industrialisierung

Der Heimatschutzverein, der diesen Wettbewerb lanciert hatte, verstand sich als Teil der Reformbewegung, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts formierte und in verschiedenen Gebieten um eine Rückbesinnung auf traditionelles Wissen und lokales Handwerk bemühte – auch als romantischer Kontrast zur Industrialisierung und all ihren negativen Auswirkungen. Anlass der Gründung des Vereins war der vom Solothurner Rat geplante Abriss der Solothurner Turnschanze. Ziel des Vereins war demnach «der Schutz der Schweiz in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordenen Eigenart.» In punkto Architektur bedeutete der Heimatschutz- oder Heimatstil, «eine auf lokalen und regionalen Bautraditionen wurzelnde, Historismus und Jugendstil überwindende Baukunst auf dem Weg zur Moderne», wie es Elisabeth Crettaz-Stürzel in ihrem Werk «Heimatstil. Reformarchitektur in der Schweiz» formuliert.  Der Heimatstil machte sich, so erklärt es das historische Lexikon der Schweiz, «die bürgerliche Sehnsucht nach den eigenen, ländlichen Wurzeln zunutze.» Es wurde versucht, ortsübliche Materialien zu verwenden und Gebäude zu erstellen, die sich harmonisch in die sie umgebende Kulturlandschaft einfügen. In jeder Region sollten die für sie typischen Gebäude erstellt werden.

 Viel Familie auf engem Raum

Die Ursprünge des «Friedheims», das seinen Namen wohl von Anfang an trug, liegen also irgendwo hier, zwischen Industrialisierung, Reformgedanken, konservativem Gedankengut und Rückbesinnung auf traditionelles Bauen. Heute befindet sich das Haus im Familienbesitz der Familie Ruckstuhl. Max Ruckstuhl ist hier aufgewachsen und erinnert sich an seine Kindheit in der Brunnwiesenstrasse: «Meine Eltern konnten das Haus im Jahr 1964 recht günstig erwerben. Zuvor hatten wir oben auf dem Hönggerberg gewohnt und waren sehr glücklich, nun in unser eigenes Haus umziehen zu können.» Die Platzverhältnisse waren nach heutigen Massstäben jedoch trotz des Eigenheims eher bescheiden: Die siebenköpfige Familie bewohnte den 1. Stock des Gebäudes, eine Wohnung mit drei Zimmern, Küche und WC, zum Baden mussten die Kinder in den Keller runtersteigen. «Wir wohnten damals zu siebt auf relativ engem Raum – ein Zimmer bewohnten die Kinder, eins die Eltern, dazu gab es noch ein Wohnzimmer. Doch das machte uns gar nichts aus, wir waren ja eh hauptsächlich draussen und im Garten», erinnert sich Max Ruckstuhl. «Im Stock über uns wohnte eine weitere Familie, und auch den Dachstock vermieteten meine Eltern.» Im grossen Garten pflanzten die Eltern Gemüse und Früchte an, «nicht wirklich selbstversorgend, aber doch mit recht gutem Ertrag», so Ruckstuhl.

Erste Tierarztpraxis in Höngg

Den untersten Stock, der aufgrund der Hanglage des Hauses zur Front hin das Parterre, zur Rückseite hin den Keller darstellte, nutzte bereits seit Mitte der 50er-Jahre der aus Ungarn immigrierte Tierarzt Janos Komaromy mit seiner Kleintierpraxis – damals, so Ruckstuhl «weit und breit eine der ersten und einzigen Tierarztpraxen für Haustiere». Noch heute sind im Keller des Hauses das Wartezimmer und das gekachelte Behandlungszimmer ebenso zu erkennen wie die kleine Kammer, die der Arzt für die Entwicklung der Röntgenaufnahmen benutzte.
Mit der Zeit wuchsen die Bedürfnisse der Praxis, so dass der Tierarzt den ersten Stock übernehmen konnte, während die Familie ein Stockwerk weiter hochzog. Rückseitig wurde ein kleiner Anbau erstellt, in dem in den oberen Stockwerken zusätzlich zu den Toiletten Badezimmer eingebaut werden konnten. Auch der Vorgarten veränderte sich: einen Teil des Gartens ersetzte der Vater in Handarbeit durch einen Garagenvorbau.

Zukunft noch unklar

Im vergangenen Jahr hat die Nachfolgerin von Komaromy, Angela Beltracchi, die ihrerseits seit den 80er-Jahren die Tierarztpraxis im Haus führte, ihre Praxis aufgegeben. Seither stehen die Räumlichkeiten leer, die Wohnungen im oberen Stock sind nach wie vor vermietet. Wie es jedoch mit dem Haus weitergehen wird, ist noch unklar und wird familienintern abgeklärt. Eine grössere Sanierung ist auf jeden Fall notwendig, ob das Gebäude in der jetzigen Form erhalten bleibt, wird sich weisen.

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