Ehrlichkeit siegt

Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über einen bewundernswerten Umgang mit dem eigenen Schicksal.

Dagmar Schräder bringt ihre Gedanken aufs Papier. (Foto: dad)

Vor kurzem habe ich auf einer Busfahrt wieder einmal eine Szene beobachtet, die mich berührt und nachdenklich gestimmt hat. Ein älterer Herr sass im Bus, einige Sitzreihen vor mir. An einer Haltestelle stieg ein junger Mann mit Freundin ein und stellte sich in den Gang, direkt auf der Höhe des älteren. Plötzlich fing der junge Mann an zu strahlen, ging auf den älteren zu, gab ihm die Hand und sagte: «Grüezi, Herr Soundso, kennen Sie mich noch? Ich war Ihr Schüler, damals, vor etlichen Jahren.»

Der ältere Mann erwiderte den Gruss freundlich, lächelte ebenfalls und antwortete dann: «Grüezi, nein, leider erinnere ich mich nicht an Sie. Wissen Sie, ich habe Demenz. Mein Kopf funktioniert nicht mehr so richtig.» Der Jüngere reagierte ziemlich entspannt, erzählte ein wenig davon, wie es ihm jetzt ginge, was er so mache und welche Erinnerungen er an seine Schulzeit habe. Er gestand dem Älteren sogar, dass er immer gerne zu ihm in die Schule gegangen sei. Nach einigen Stationen stieg er mit seiner Freundin wieder aus, der ehemalige Lehrer fuhr weiter.

Nur eine kleine Szene, aber sie hat bei mir ganz viel ausgelöst. Zum einen empfand ich tiefes Mitleid mit dem älteren Herrn, der sich eingestehen musste, sich nicht mehr an Schüler und Namen erinnern zu können. Solche und ähnliche Situationen durchlebt er bestimmt tagtäglich. Ständig wird ihm bewusst, wie seine geistigen Fähigkeiten nachlassen, er langsam seine Erinnerungen und schliesslich auch seine Lebensgeschichte, seine Persönlichkeit verliert. Was für ein Schicksal, gerade für jemanden, der im Bildungsbereich gearbeitet hat und ein Leben lang dafür gesorgt hat, anderen Wissen zu vermitteln.  

Gleichzeitig aber bewunderte ich den Herrn für sein Verhalten. Denn er hatte sein Leiden direkt beim Namen genannt. Nicht mal die Angehörigen von Erkrankten, das kenne ich aus eigener Erfahrung, sprechen gerne darüber. Man redet oft und gerne von allen möglichen Gebrechen, aber Demenz gesteht man sich selbst und den anderen nicht gerne ein. Verständlicherweise. Denn sobald man es ausspricht, nimmt einen das Gegenüber automatisch nicht mehr wirklich ernst. Statt Unterstützung und Empathie ist da dann oft nur noch Unsicherheit und Bestürzung. Denn irgendwie ist diese Krankheit tabuisiert, löst unheimliche Ängste aus. Und gleichzeitig, so scheint es, haftet ihr ein Makel an, das leise Gefühl, der Betroffene sei selber schuld an seinem Schicksal. Völlig absurd. Denn natürlich man kann genauso wenig dafür wie für eine Hüftarthrose. Vielleicht sogar noch weniger. Deswegen hat mich auch der junge Mann beeindruckt. Weil er sich von dem Geständnis des Älteren überhaupt nicht beirren liess, im Gegenteil, er ihm sogar noch Komplimente für das machte, was er in der Vergangenheit geleistet hatte. Er zeigte ihm damit seine Wertschätzung. Und das ist etwas, was dieser bestimmt gut gebrauchen kann.

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