Diese Hönggerin lebt ihren Traum

Rosemarie Wolf wusste schon als Kind, was aus ihr einmal werden sollte: Das Theater hatte es ihr angetan. Gegen den Widerstand ihrer Eltern machte sie ihren Traum wahr – und lebt ihn bis heute.

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Morden, wo andere Ferien machen: Rosemarie Wolf ist am Wochenende mit DinnerKrimis oft in Hotels unterwegs. (Foto: Renate Wernli)

Eine Tochter, die Schauspielerin wird, das war für meine Eltern unvorstellbar. Ich bin in Solothurn geboren und aufgewachsen und meine Eltern hatten für mich eine Ausbildung zur Lehrerin vorgesehen. Weil ich aber nach dem Schulabschluss zu jung für diese Ausbildung war, begann ich mit einer KV-Lehre. Für mich gab es jedoch eigentlich nur das Theater. Deshalb nahm ich neben der Lehre Schauspielunterricht und erhielt schon bald kleine Rollen am Stadttheater Solothurn, wo ich Bühnenluft schnuppern und erste Kontakt knüpfen konnte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion machte ich mich dann nach Abschluss der Lehre auf den Weg nach Zürich an die Schauspielschule.

Wo die Liebe hinfällt

Mein erstes Theaterengagement war in Lübeck, später in Hannover und Koblenz. Dann erhielt ich ein Engagement in Solothurn und kehrte in die Schweiz zurück. Am 1. September 1968 begegnete ich hier meinem zukünftigen Mann, Ludwig Schütze. Er war ebenfalls Schauspieler, kam aus Berlin und fing wie ich frisch in Solothurn an. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, ich war wie vom Blitz getroffen. Wir kamen zusammen und spielten gemeinsam in Solothurn. Das war eine tolle Zeit: proben, spielen und danach noch in die Beiz «Fuchsenhöhle», um den Tag ausklingen zu lassen. Doch nach drei Jahren schloss das Solothurner Theater, wir mussten uns neu orientieren. Ludwig ging für ein Jahr auf Südamerika-Tournee, ich nach Koblenz.  Danach beschlossen wir, zu heiraten und fanden beide ein Engagement in Bern.

Vom Theater zu Radio und Fernsehen

1975 wurde unsere Tochter Martina geboren. Für mich wurde es nun schwieriger mit der Theaterarbeit. Geprobt wurde immer über Mittag, abends wurde gespielt und mein Mann nahm vermehrt Engagements in Deutschland an. Ich wollte zu Hause sein, wenn die Tochter von der Schule kam und es machte mich traurig, dass ich zum Einschlafen keine Geschichten vorlesen konnte.
Da erhielt ich einen Anruf von Susanne Enz, der «sprechenden Uhr» am Schweizer Radio: Sie hatte mich auf der Bühne gesehen und fand meine Stimme ideal für das Radio. So durfte ich anfangs die Gratulationen übermitteln, Musiksendungen präsentieren, später das Wunschkonzert und das Begleitprogramm am Nachmittag moderieren sowie Musikpavillon am Sonntagmittag. Jahrelang war ich auch im «Spielhaus» im Schweizer Fernsehen zu sehen, damals der einzigen Sendung für Kinder im Vorschulalter. Das Radiostudio zog im Jahr 1996 nach Zürich um, ich folgte im Jahr 1998. Seither lebe ich im Rütihof.
Von 2000 bis 2003 habe ich neben dem Beruf eine Ausbildung als Feldenkrais-Lehrerin absolviert. Seither leite ich mit einer Freundin im Rütihof einen Feldenkrais-Kurs. Diese Körperarbeit hilft mir sehr. Bei der Methode hört man in sich rein, hört auf den Körper und erweitert das Bewusstsein über die Wahrnehmung von Bewegungen. Und bleibt jung bis ins hohe Alter.

Über sich hinauswachsen

Ich habe bis zum Alter von 70 Jahren beim Radio und Fernsehen gearbeitet. Dann wurde Ludwig sehr krank. Plötzlich konnte er den Arm nicht mehr bewegen. Die Diagnose: drei Hirntumore, inoperabel. Das war ein grosser Schock. Die Zeit, die folgte, war sehr schwer. Er hatte zwar keine Schmerzen, wurde aber immer eingeschränkter in seinen Bewegungen und konnte bald die Wohnung nicht mehr verlassen. Ich habe ihn zu Hause gepflegt. Das war nicht einfach für mich, aber in solchen Situationen wächst man über sich hinaus. Man funktioniert einfach und tut, was man kann. Dabei hat mir auch die Feldenkrais-Ausbildung enorm geholfen. Ich hatte vorher oft gegrübelt, ob es richtig war, diese Ausbildung zu absolvieren, aber genau jetzt merkte ich, dass es wohl so hatte sein müssen.
Er starb im Jahr 2012. Ohne Verbitterung, er sagte immer, er hätte ein gutes Leben gehabt. Und auch ich war froh, dass er bis zuletzt zu Hause bleiben konnte, dass meine Tochter mich unterstützte, dass er seinen zweiten Enkel noch sehen konnte und seine Freunde Abschied nehmen konnten. Danach fühlte ich eine grosse Leere, aber eben auch Demut und Dankbarkeit für die vielen gemeinsamen Jahre. Und ich fühlte mich getragen, von irgendwelchen Kräften, bis heute.

Wer rastet, der rostet

Nach einer Pause von ein paar Jahren ohne Theater bin ich nun wieder unterwegs mit «Dinner- oder Weekendkrimis» und verbringe als Mörderin oder Opfer manches Wochenende in Hotels oder Restaurants. Ab und zu bin ich auch als Simulationspatientin im Spital tätig. Dann liege ich als kranke Patientin im Bett und die Studierenden können an mir den «Ernstfall» üben. Ein besonderes Highlight war in diesem Herbst auch eine Rolle in einem Film, der als Serie geplant ist. Ich bin dankbar, dass es mir auch mit 81 Jahren noch möglich ist, all diese Dinge machen zu können.  

1 Kommentare


christine Schoefer

29. November 2022  —  14:02 Uhr

Was für eine tolle Frau! Sie inspiriert!

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