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Die ultimative Wahrheit

23. Mai 2020 von

Béla Brenn, Praktikant beim "Höngger"
Foto: Bernhard Gravenkamp

Béla Brenn, Praktikant beim "Höngger"

Von

Online seit
23. Mai 2020

Printausgabe vom
28. Mai 2020
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Die Erde ist eine flache Scheibe. Die globale Klimaerwärmung ist eine Lüge. Die Terroranschläge von 9/11 wurden vom amerikanischen Geheimdienst in Auftrag gegeben. Corona ist eine Erfindung von Bill Gates.

Solche Aussagen werden in der Regel belächelt. Für eine kleine Minderheit sind sie jedoch bitterer Ernst. Verschwörungstheorien sind ein Phänomen für sich. Es gibt tausende davon. Und jede neue Theorie klingt noch haarsträubender als die letzte.
Psychologen nennen verschiedene Gründe, weshalb gewisse Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Oft sind es Personen, die ein verstärktes Bedürfnis danach haben, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen. Oder solche, die danach streben, einzigartig zu sein.
Im Grunde genommen verstehe ich die Faszination für diese Theorien. Es hat einen gewissen Reiz, der «ultimativen» Wahrheit auf die Spur gekommen zu sein. Einer Wahrheit, die der grossen Masse der Menschheit verborgen bleibt und die von einer kleinen, geheimen Weltelite kontrolliert wird. Auch ich habe schon mit Freunden*innen über solche oder ähnliche Dinge philosophiert. Der Unterschied zu Verschwörungstheoretikern ist jedoch, dass «normale» Personen die Fähigkeit besitzen, zwischen Fakten und potenziellen Alternativen zu unterscheiden und bescheiden genug sind, nicht sich selbst als die heilige Quelle der Wahrheit zu verstehen.
Verschwörungstheoretiker massen sich an, als einzige die ganze Wahrheit zu kennen. Alle «normalen» Menschen werden hinters Licht geführt und haben keine Ahnung, was wirklich Sache ist. Oft werden auch die Wissenschaft und die Medien als böse Bestandteile dieser riesigen Manipulation der Menschheit abgetan. Ich finde diese Haltung aus verschiedenen Gründen untragbar, gefährlich und arrogant.
Es ist eine Sache, wenn man daran glaubt, dass eine solche Theorie stimmen könnte. Es ist aber eine ganz andere Sache, wenn man die Theorie voller Überzeugung als die einzige Wahrheit herausposaunt. Verschwörungstheoretiker brauchen keine handfesten Beweise. Sie legen sich die Wahrheit immer so zurecht, dass sie sich der Theorie anpasst.
Verschwörungstheoretiker sind sehr kritisch. Oft sehen sie in allem eine Verschwörung und sind nicht nur Anhänger einer Theorie. Sie hinterfragen alles. Nur ihre eigenen Theorien zweifeln sie zu keiner Sekunde an, auch wenn sie noch so skurril sind.
Selbst wenn die Wissenschaft neue Erkenntnisse findet, die eine Verschwörungstheorie klar und deutlich widerlegen, ist das ebenfalls nur Teil dieser Verschwörung. Dasselbe gilt für fundierte, gut recherchierte Berichterstattung der Medien. Alles nur Fakenews. Dazu passt der berühmte Spruch mit der Taube. Mit einem Verschwörungstheoretiker zu diskutieren ist wie mit einer Taube Schach zu spielen. Egal wie gut du spielst, die Taube wird alle Figuren umwerfen, auf das Spielbrett kacken und herumstolzieren, als hätte sie gewonnen.
Auch im Zuge von Corona sind viele Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen worden. Die Corona-Demos und die damit verbundenen Verschwörungstheorien sind besorgniserregend. In unheiligen Allianzen von links bis rechtsextrem, protestieren Menschen gemeinsam gegen die Medien, den Staat und die Welt und finden immer mehr Anklang in der Bevölkerung.
Die Stimmung ist oft aggressiv und aufgeheizt. Ich finde es irritierend und beschämend, dass «normale» Menschen Schulter an Schulter mit Rechtsextremen für die Freiheit demonstrieren. Sie verurteilen die Medien als Staatspropaganda, um Angst zu schüren und das Coronavirus als eine Erfindung von Bill Gates, der den Menschen Chips einimpfen will, um die totale Kontrolle über die Welt zu erlangen. Wer solche Ideen voller Überzeugung, mit so viel Hass und ohne den geringsten Beweis vertritt, gefährdet das friedliche Zusammenleben von uns allen.
Während durch das Coronavirus viele Menschen akut bedroht sind, am Existenzminimum leben oder ihr Leben bereits verloren haben, weil sie nicht die Möglichkeiten hatten sich zu schützen, protestieren Leute ernsthaft, weil ihre sogenannte «Freiheit» vorübergehend eingeschränkt wurde. Dabei tischen sie uns noch irgendwelche haarsträubenden Theorien ohne Fakten auf und glauben, dass sie mit Weisheit und Erleuchtung gesegnet wurden. Ihre kostbare Freiheit ist ihnen so wichtig, dass sie nicht einmal davor zurückschrecken, sich für diesen Zweck mit offensichtlich rechtsextremen Bürger*innen zu verbünden. Was für eine Ironie. Das macht mich traurig und wütend und ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.
Natürlich kann man schlussendlich nie alle Demonstrierenden in einen Topf werfen und die Beweggründe mögen vielseitig sein. Dennoch will ich hier dazu mahnen, dass man sich ab und zu einmal mehr überlegen sollte, mit wem man am Demonstrieren ist, für welches Ziel und zu welchem Preis und ob man wirklich dahinterstehen kann.

Béla Brenn, Praktikant Höngger

Von

Online seit
23. Mai 2020

Printausgabe vom
28. Mai 2020
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