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Dorfleben

Die Schatten der Vergangenheit wegzeichnen

7. Oktober 2021 von

Stefan Haller, Porträt
Foto: Kathrin Simonett

Stefan Haller, Porträt

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Online seit
7. Oktober 2021

Printausgabe vom
07. Oktober 2021
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Der Höngger Grafiker und Comiczeichner Stefan Haller veröffentlicht mit «Schattenmutter» sein erstes Comicbuch für Erwachsene. Es ist eine sehr persönliche Geschichte über seine Mutter, seine Erinnerungen und über den Nebel, der sich lange darüber gelegt hatte.

«Meine Mutter: Stets sorgte sie für gemachte Betten, gebügelte Kleider, saubere Fenster und warme Mahlzeiten. Also alles gut? Ja, hätte ich geantwortet. Nicht, dass meine Mutter jeden Mittwoch zum Psychiater ging, dass sie erschöpft war wegen der vielen Arbeit, die sie mit uns Kindern hatte. Davon durfte ich nichts erzählen, weil sonst im Dorf der Tratsch losgegangen wäre.»
So beginnt Stefan Hallers Comic «Schattenmutter». Und damit ist das Kernthema der Geschichte gleich enthüllt: Die psychische Krankheit der Mutter, ein Tabu, das einen diffusen Schleier über Hallers Kindheitserinnerungen legte. «Wie ein Schatten war meine Mutter stets da, aber ohne Wärme». Die Familie passte sich an, sprach nicht darüber. Erst als Erwachsener merkte Haller, dass ihn die Vergangenheit manchmal einholte. Schon lange trug der im Aargau aufgewachsene Haller die Idee mit sich herum, sich intensiver mit der Geschichte seiner Mutter auseinanderzusetzen. Erste Versuche, die Erinnerungen als Comic aufzuzeichnen, scheiterten, weil sie zu unbestimmt, eher wie ein dunkles Grundgefühl waren. Eine berufliche Enttäuschung gab schliesslich den Anstoss, es tatsächlich anzugehen. Dank eines Stipendiums des Aargauer Kuratoriums konnte er sich dem Buchprojekt neben seiner Selbstständigkeit als Grafiker intensiver widmen.

Die Entscheidung, ein Buchprojekt über deine Mutter zu beginnen, trafst du auf einer Wanderung. Noch von unterwegs riefst du deinen Vater an und fragtest, ob du einen Teil ihrer Tagebücher abholen dürftest, die bei ihm auf dem Estrich lagerten. Wie hat er auf die Idee reagiert, die Vergangenheit aufzuarbeiten?

Er war sehr kooperativ. Selber hatte er die Tagebücher nie wirklich angefasst. Natürlich wusste er noch nicht, was es am Ende geben würde, aber er hat mich und mein Projekt von Anfang an unterstützt. Die Stärke und gleichzeitig die Schwäche meines Vaters ist, dass er sich sehr gut anpassen kann. Nur deshalb hat die Ehe meiner Eltern die Krisen überstanden. Der Nachteil war, dass mein Vater sich zurückgezogen hat. Er hat das Loch nicht gefüllt, das meine Mutter aufgerissen hat. Darüber konnte ich bereits einige Monate nach ihrem Tod mit ihm sprechen. Dabei habe ich aber festgestellt, dass es schwierig ist, nicht nur für meinen Vater, auch für mich selber, über die Vergangenheit zu reden. Es dreht sich immer um dieselben Ereignisse, dieselben Erzählungen. Man muss schon sehr konkret nachfragen, um weiterzukommen.

Du hast viele Einzelgespräche geführt, mit Onkeln und Tanten, deinem Vater, deinen Geschwistern. Dabei zeigte sich: Niemand hat dieselbe Erinnerung von dem, was damals geschah.

Ich vertraue im Buch und in Wirklichkeit weder meinem Wissen noch meinen Erinnerungen. Es gab zum Beispiel Zeiten in meinem Leben, in denen es mir nicht gut ging und ich das in diesem Moment auch so aufgeschrieben hatte. Retrospektiv habe ich diese Phasen aber scheinbar austariert, abgeschwächt, ich erinnere mich nicht daran, derart gestresst gewesen zu sein. Ich vertraue auch dem, was meine Interview-Partner*innen erzählen, nur unter Vorbehalt. Ich hätte mich deshalb nie getraut, das Buch rein auf Erinnerungen abzustützen, ohne diese Sicht meiner Mutter zu berücksichtigen. Ihre unmittelbar aufgeschriebenen Sätze sind das einzig Handfeste, das ich habe. Dennoch ist mir klar, dass auch sie ihre Realität so konstruiert hat, dass es für sie Sinn ergab. Als ich dann mit anderen sprach, wurde teilweise sichtbar, dass es nicht immer so gewesen war, wie sie es empfunden und aufgeschrieben hatte. In einem Artikel in der britischen Tageszeitung «The Guardian» mit dem Titel «Rewrite your past», den ich zu dieser Zeit in die Finger bekam, geht es darum, dass man seine Erinnerung durch das Aufschreiben selber formen kann. So ging es mir auch mit diesem Buch: Ich fügte alle Informationen zusammen und brachte so die Geschichte in eine Form, die für mich Sinn ergibt. Genaugenommen spielt es keine Rolle, ob es genauso war, aber im eigenen Bewusstsein ist das dann die Wahrheit. Es hilft, die Wirklichkeit so geformt zu haben und sie einordnen zu können. Das hat einen fast therapeutischen Effekt. Man kann sie dann besser zur Seite legen.

Manches, was deine Mutter in ihren Tagebüchern schreibt, und du in deinem Buch aufgenommen hast, ist auch für Aussenstehende schwer zu ertragen. Was ging in dir vor, als du das gelesen hast?

Einerseits tat es weh, andererseits war es eine Bestätigung, dass das Grundgefühl, an welches ich mich erinnere, nicht eingebildet war und es eine Ursache dafür gab. Was sie geschrieben hat, war natürlich nicht für meine Augen bestimmt. Aber es half mir, sie und ihre Handlungen besser zu verstehen. Ich erfuhr, dass sie gelitten und sich trotzdem für die Familie aufgeopfert hat. Meine Vorwürfe, die ich ihr gegenüber hatte, wurden relativiert, sie hatte ihre eigenen Probleme und alle haben versucht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste daraus zu machen. Der Groll, den ich auch angesichts meiner Kindheit verspürte, ist verschwunden. Die Arbeit am Comic hat mir geholfen zu sehen, wer ich selber bin und warum. Es gibt ja immer zwei Seiten einer Medaille. Vielleicht wurde ich emotional vernachlässigt. Dafür bin ich eine sensible, differenzierte Persönlichkeit geworden, mit einem feinen Sensorium für Stimmungen und Menschen.

Drei Jahre arbeitete Haller neben seinem Hauptberuf als Grafiker an diesem Buch. Die Zeichnungen transportieren unterschiedliche Stimmungen. Wenn es um die Vergangenheit geht, also sozusagen die Mutter spricht, sind die Zeichnungen dunkler, schraffiert, differenziert, so wie die Tagebucheinträge mit vielen Zwischentönen. Die Zeichnungen der Gegenwart, die ihn bei den Recherchen, in Gesprächen und mit seinen eigenen Gedanken zeigt, sind einfacher gehalten, mit viel weissen Stellen, auch eine Metapher für den luftleeren Raum, in dem er sich teilweise befand.

Im Buch thematisierst du kurz deine eigene Paarbeziehung. Wieso?

Es hängt insofern mit der Geschichte zusammen, als dass das, was man als Kleinkind erlebt, bestimmt, welche Beziehungsschwierigkeiten man später hat. Ein anderer Grund ist, dass meine eigene Beziehung auseinandergegangen ist und damit einen Gegenpol bildet zu der meiner Eltern, die durch alle Schwierigkeiten hinweg zusammengeblieben sind. Es geht mir nicht darum zu urteilen, welche Version richtig oder falsch ist. Aber es ist mir wichtig zu zeigen, dass es auch andere Lebensentwürfe gibt und diese auch in Ordnung sind.

Alle Personen, die im Buch erwähnt werden, sind eingeweiht. Machst du dir dennoch Gedanken, wie sie auf das Endprodukt reagieren werden?

Ich spüre schon eine gewisse Unsicherheit, wenn es darum geht, wie sie auf das fertige Buch reagieren. Sie werden auch Dinge lesen, von denen sie bislang nichts wussten. Ich bin aber überzeugt, dass Tabus etwas Schlechtes sind und es besser ist, sie aufzulösen, wenn auch behutsam. Meine Mutter hat sich geweigert, sich als krank zu bezeichnen. Im Gegenteil, bezeichnete sie uns manchmal als krank, wenn wir ihre Ansichten nicht teilten. Gleichzeitig schrieb sie im Tagebuch, dass sie ohne den Psychiater verloren sei. Sie war da ambivalent. Ihre Krankheit war der Elefant im Raum, über den niemand sprach. Für mich war es aber eher ein diffuser Nebel, in dem ich einen Drachen vermutete. Wenn wir gewusst hätten, dass es nur ein Elefant ist, hätten wir vielleicht schon früher darüber sprechen können. Vielleicht gelingt es ja jetzt.

 Es ist ein sehr intimes Buch geworden, berührend, manchmal schmerzhaft ungeschönt. Wer die eigene Geschichte so offenlegt, sich verletzlich zeigt und Tabus bricht, exponiert sich, macht sich möglicherweise sogar angreifbar. Vielleicht sei er naiv, meint der drahtige Mann mit den feinen Gesichtszügen, aber er habe keine Angst vor negativen Reaktionen. Es habe Mut gebraucht, sich in die Vergangenheit zu begeben und sich mit der Geschichte der Mutter, aber auch seiner eigenen, auseinanderzusetzen. Der Schritt in die Öffentlichkeit mit dem Comic sei nun lediglich eine Folge dieses Mutes. Dass das Buch im Verlag Edition Moderne erscheint, erfüllt Haller mit Stolz.

«Schattenmutter» von Stefan Haller
Ab sofort erhältlich. Vernissage: Donnerstag, 14. Oktober, Edition Moderne, Klingenstrasse 36, 8005 Zürich. ISBN 978-3-03731-221-6, 180 Seiten, zweifarbig, 17 × 24 cm, Hardcover. 35 Franken

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