«Die Kunst ist, das zu visualisieren, was man vertritt»

Die Höngger Sängerin und Songwriterin Nadeen Lavie weiss, was sie will – und das ist Musik. In ihrem Studio komponiert, singt und produziert sie selbst. Dem «Höngger» erzählt sie, was es heute benötigt, um im Musikgeschäft zu bestehen.

Hier entsteht neue Musik: In ihrem Studio in Höngg produziert die Sängerin und Songwriterin Nadeen Lavie ihre Songs. (Foto: dad)
Auch im digitalen Zeitalter wichtig: das Cover einer Single. (Foto: zvg)
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Ich bin eine Hönggerin durch und durch. Hier bin ich geboren, aufgewachsen und in die Schule gegangen. Und hier in Höngg spielt sich auch der grösste Teil meines Lebens ab. Die Musik ist ein wichtiges Element davon. Das war schon früh so. In der Familie haben wir viel miteinander gesungen, wir haben zusammen Musik gehört und auch Instrumente gespielt.

Meines ist das Piano, bereits mit elf Jahren erhielt ich Klavierunterricht. Die Musik gehörte ganz selbstverständlich zum Familienleben dazu. So erwachte früh mein Wunsch, Sängerin und Songwriterin zu werden. Wie das zu erreichen ist, wusste ich damals nicht.

Meine Pläne stiessen auf Widerstand. In der Schule wurde mir gesagt, ich solle doch einer «normalen» Ausbildung nachgehen. Es waren Ratschläge, die mich sehr verunsicherten. Warum sollte ich keine Musik machen dürfen? Aber ich war jung, ich hörte auf die Erwachsenen.

Es war auch eine andere Zeit, damals, in den 1990er-Jahren. Viele Möglichkeiten gab es nicht, um sich beruflich der Musik zu widmen. Oder ich kannte diese Möglichkeiten jedenfalls nicht.

Also schlug ich zunächst den herkömmlichen Weg ein: Nach der Diplommittelschule entschied ich mich, Primarlehrerin zu werden. Eine Aufgabe, die auch gewisse Freiheiten und Kreativität mit sich brachte. Als Klassenlehrerin stellte ich aber nach und nach fest, dass ich die Musik «verliere». Es war ein innerer Kampf, den ich nicht mehr führen wollte.

Schliesslich stand ich für mich selbst und meinen Wunsch ein, Musikerin zu werden, und habe gekündigt. Im Anschluss widmete ich mich der Musik und absolvierte den Master in Popmusik an der Hochschule der Künste in Bern. Auch hatte ich grosses Glück, eine Aufgabe als Fachlehrerin mit musikalischer Grundausbildung an einer Primarschule zu finden – das mache ich bis heute.

Es war doch nicht so falsch, als Kind auf die Erwachsenen zu hören. Die Stelle gab mir den Atem, mich auf die Musik und meine Karriere zu konzentrieren. Die Tür war offen: Ich wurde Sängerin und Songwriterin.

Im Musikgeschäft

Es ist wichtig zu verstehen, dass Songs aufzunehmen, zu produzieren und zu veröffentlichen eine kostspielige Angelegenheit ist. Hinzu kommt, dass in der Schweiz nur wenige Künstler*innen von der Musik leben können. Früher, vor der Digitalisierung, brachten immerhin noch die Plattenverkäufe etwas ein, aber das Streaming hat alles verändert.

Das hat mich aber nicht vom Ziel weggebracht, im Gegenteil. Um die Vorteile des Streamings zu nutzen, habe ich das Musikmachen auch vom geschäftlichen Standpunkt aus betrachtet. Es ist ein Business, wie vieles im Leben.

Heutzutage landen täglich Tausende neue Songs im Netz. Es benötigt daher ein Konzept, um aus der Masse herauszustechen. Eine gute Produktion ist nur einer der Faktoren, es geht auch um die Persönlichkeit, die Stimme, das Visuelle, kurzum: das Gesamtpaket. Und du musst präsent sein, Konzerte geben, Videos im Netz veröffentlichen. Das ist intensiv und braucht eine dicke Haut.

Nadeen Lavie – Playing with Your Ego (Official Musicvideo)

Aber wenn du deinen Weg gehst, diesen ausarbeitest, gestaltest, dann kann das funktionieren. Die Kunst ist, das zu visualisieren, was man vertritt. Dazu gehört auch ein Künstlername: Nadeen Lavie. In Amerika sprachen sie Nadine aus wie «Nadeen», und Lavie, französisch für das Leben, fand ich passend.

Internationale Chancen

Meine Songs entstehen seit 2019 in meinem Studio in Höngg. Als kurz darauf die Pandemie begann, verbrachte ich viel Zeit darin. Dort stehen Keyboards, ein Piano, ein Schlagzeug, Verstärker und viel digitales Equipment, um einen Song zu erschaffen. Die Arbeit während des Lockdowns war für mich persönlich eine tolle Erfahrung. Ich durfte mich zurückziehen, mich völlig der Musik widmen. Und Lieder veröffentlichen: «Liar», «Like a Fire» oder «Dimelo» entstanden in diesen Monaten.

Marlou X Nadeen Lavie – LIAR

Meinen Stil ordne ich der Popmusik zu, auch wenn dieses Genre breit ist. Und ich singe in Englisch, so habe ich auch international Chancen. Ich veröffentliche aktuell einzelne Singles alle vier bis acht Wochen. Das nennt sich «Waterfall Strategy».

Bei einem Album ist es nur ein Song, der Aufmerksamkeit erhält, mit einzelnen Singles baust du dir über längere Zeit eine Hörerschaft auf. Meine letzte Single, die im März herauskam, hiess «Playing with Your Ego», die neue Single mit dem Titel «Run Away» kommt in diesen Tagen heraus.

Song-Ideen kommen mir überall in den Kopf. Dann summe ich die Melodie ins Sprachmemo und nehme sie später mit dem Keyboard im Studio auf. Später folgt der Text, dann die Produktion. Die Lieder heutzutage sind kürzer, noch immer gibt es die Strophen und den Refrain, eine Bridge ist jedoch nicht mehr Voraussetzung.

Ich füge heute auch mehr elektronische Elemente ein als früher. Dennoch sind meine Songs «zurückgenommen». Das entspricht mir sehr. Der Gesang aber bleibt mehrheitlich natürlich. Ich würde meine Stimme niemals für einen ganzen Song durch den Vocoder jagen.

Vielleicht analysiere ich die Musik heute zu oft, das ist quasi eine Berufskrankheit. Berühren mich Lieder, dann sind es meist simple Kompositionen oder Elemente, die bei einer Jam-Session entstehen. Das ist auch der Fall, wenn ich als Gesangslehrerin arbeite. Ich mag das Singen mit den verschiedensten Menschen.

Egal, ob sie Erfahrung haben oder nicht. Jede Stunde ist individuell. Erstaunlich ist, dass vielen gar nicht klar ist, dass die Atemtechnik für das Singen sehr wichtig ist. Der Stimmmuskel ist ein Muskel, der trainiert werden kann.

So bestimmt heute die Musik mein Leben. Grossen Wert lege ich darauf, die Zügel selbst in der Hand zu halten. Ich bin meine eigene Chefin, ich entscheide selbst über meine Karriere.

News von Nadeen Lavie

www.nadeenlavie.com

Die neue Single «Run Away» erscheint am Freitag, 21. Juni.

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