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Die Heilsarmee öffnet sich der Welt

15. Dezember 2020 von

Ein ehemaliger Banker in den Diensten einer waffenfreien Armee.
Foto: zvg.

Ein ehemaliger Banker in den Diensten einer waffenfreien Armee.

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Online seit
15. Dezember 2020

Printausgabe vom
17. Dezember 2020
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Die Heilsarmee wandelt sich immer mehr zu einer weltlichen Organisation. Tammo H. Schlüter, der seit 1,5 Jahren für sie tätig ist, gefällt, dass das Angebot der Heilsarmee allen Menschen offensteht.

Tammo H. Schlüter ist ein gut gekleideter Mann. Seine berufliche Karriere als Banker sieht man ihm noch immer an, seine 51 Jahre hingegen nicht. Rein äusserlich entspricht er so gar nicht dem Stereotyp von jemandem, der sich bei einem Hilfswerk engagiert. Mit 24 Jahren und einem Abschluss in Betriebswirtschaft in der Tasche stieg er in die Bankenwelt ein und startete seine Karriere als Marketing Manager in Hongkong – eine sehr spannende Zeit, wie er sagt. Zurück aus Asien, arbeitete er in Genf, Deutschland und Österreich und wechselte schliesslich in die Marketingabteilung einer Grossbank. Von seinem Büro aus überblickte er den Paradeplatz und traf seine Kund*innen unter der Sprüngli-Uhr – das Klischee eines Bankers in Zürich schlechthin. «Als der Grosskonzern zum erneuten Mal eine Reorganisation durchführte und mein Vorgesetzter die Bodenhaftung verlor, wurde mir klar, dass ich mit dieser Welt nichts mehr zu tun haben wollte», erzählt Schlüter. Also ergriff er die Chance und wechselte erst zu UNICEF Schweiz in die Marketingabteilung, später zu Terre des Hommes in Lausanne. Die grossen, nicht gewinnorientierten Organisationen (NPO) haben ihre Strukturen professionalisiert, beim WWF zum Beispiel ist ein ehemaliger McKinsey-Mann CEO – «das wäre vor nicht allzu langer Zeit nicht möglich gewesen», glaubt Schlüter, der mittlerweile seit neun Jahren in Höngg lebt und seinen Basler Akzent noch immer nicht verloren hat. Im März 2019 heuerte er bei der Stiftung Heilsarmee Schweiz an, auch, aber nicht nur, weil ihm gefiel, dass es eine Marke ist, die jeder kennt. Auf seiner Visitenkarte steht «Key Relationship Manager Deutschschweiz», das bedeutet: Er ist für die finanzkräftigeren Spender*innen zuständig. Mittlerweile bewegt er sich seit gut fünfzehn Jahren in der Welt der Hilfsorganisationen.

Die friedlichste Armee der Welt

Und so setzt sich Schlüter – wenn nicht gerade Homeoffice empfohlen wird – viermal die Woche in den Zug nach Bern. Die neunzigminütige Reisezeit von Tür zu Tür vertreibt er sich mit einer Sprach-App, die sein gutes Französisch noch verbessern soll, «ich muss täglich 30 Punkte erreichen», und kurz blitzt der Ehrgeiz in seinen Augen auf. Sein Büro befindet sich direkt beim Bahnhof Bern. Das fünfstöckige Gebäude an der Laupenstrasse 5 ist eine von vielen Immobilien im Besitz der Heilsarmee, die sie vor über 100 Jahren geschenkt bekam.

Beim Begriff «Heilsarmee» denkt man an singende Männer und Frauen in dunkelblauen Uniformen oder an das Brockenhaus beim Bahnhof Hardbrücke in Zürich. Eher nicht an Diversifikation, Umsätze in der Höhe von über 200 Millionen Franken, Immobilien und 2000 Angestellte in der Romandie und Deutschschweiz. Die Heilsarmee ist eine Freikirche, eine «Armee ohne Waffen». Wie der Name suggeriert, tragen ihre Mitglieder militärische Ränge wie Offizier, Leutnant, Major. Es gibt klare Regeln: Wer sich für ein Leben als Heilsarmee-Offizier*in entscheidet, gelobt, wie alle Mitglieder, keinen Alkohol oder andere Drogen zu konsumieren und auf Pornografie und Glücksspiel zu verzichten. Früher wurden die Offiziere ausserdem dazu angehalten, untereinander zu heiraten. In anderen Bereichen zeigt sich die nicht gewinnorientierte Organisation jedoch erstaunlich progressiv: An der Spitze der Direktion sitzt seit einigen Jahren eine Frau, CEO und Oberleutnantin Marianne Meyner. Frauen und Männer verdienen gleich viel, und der Faktor zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Lohn beträgt maximal 3,5.

Wie hast Du’s mit der Religion?

Als Nicht-Mitglied gelten diese Regeln für den ehemaligen Banker nicht, er trägt deshalb auch keinen militärischen Titel. «Aber wenn ich mit dem Abzeichen als Heilsarmee-Vertreter unterwegs bin, trinke ich auch keinen Alkohol», sagt Schlüter. Ihm sagt die langsame Öffnung der Organisation zu, die Transformation zu einer professionell geführten Marke. Doch auch in der Strategie 2019 bis 2023 definiert die Heilsarmee ihren Auftrag «das Evangelium von Jesus Christus zu predigen und in seinem Namen menschliche Not ohne Ansehen der Person zu lindern». Wie ist das eigentlich, muss man eine Aufnahmeprüfung in Bibelkunde bestehen, um bei der Heilsarmee arbeiten zu können? Schlüter lacht. Er gehe zwar in einer fremden Stadt immer in die Kirche und besuche auch regelmässig die St. Josefs-Kirche in der Nähe des Limmatplatzes, um seinem Vater zu gedenken, bibelfest sei er jedoch nicht. Das sei auch keine Voraussetzung. Sein Verhältnis zur Religion sei ambivalent, «einerseits beneide ich Menschen mit einem starken Glauben, andererseits schreckt es mich teilweise auch ab», überlegt Schlüter laut. Mehr als der religiöse Aspekt interessiert ihn an seiner Arbeit und an seiner Arbeitgeberin aber die beiden ersten Wörter des Slogans «Seife, Suppe, Seelenheil»: «Wer einmal bei der Essensabgabe dabei war, erhält ein anderes Bild von Armut in der Schweiz», ist er überzeugt. Ihm gefällt, dass das Angebot der Heilsarmee allen offensteht, unabhängig davon, ob sich die Personen selber an die moralischen Regeln der Mitglieder halten. «Sie nehmen die Menschen so, wie sie sind, darum geht es letztendlich doch.»

Schwieriges Jahr

Die Einnahmen durch Spenden und Kollekten machen nur rund 20 Prozent der Gesamteinkünfte der Heilsarmee Schweiz aus. Den grossen Anteil der Einnahmen generiert die Heilsarmee durch Dienstleistungen, die in Form von Heimtaxen, Kita-Beiträgen oder anderen Beiträgen für die Leistungen der Heilsarmee gezahlt werden, und durch Beiträge der öffentlichen Hand. Kantone oder Gemeinden beauftragen die Heilsarmee zum Beispiel mit der Führung von Kinder-, Alters-, oder Pflegeheimen. Lange war die Organisation im Auftrag der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) des Kantons Bern im Flüchtlingswesen tätig und führte unter anderen Durchgangszentren und Asylunterkünfte. 2019 entschied sich die GSI jedoch für einen anderen Partner. Für die Heilsarmee ein grosser Schock, per Sommer 2020 musste die Organisation umstrukturiert werden und ein Personalabbau wird unumgänglich sein. Betroffen sind 200 Angestellte. Der verlorene Auftrag zusammen mit den Konsequenzen der Corona-Massnahmen – kein Singen! – wird 2020 voraussichtlich ein Loch in die Kasse reissen. Die Pandemie machte sich aber auch an anderen Orten bemerkbar: Die Brockenhäuser verzeichneten einerseits grössere Mengen bei der Warenannahme, aber auch mehr Umsatz im Verkauf. Auch die Anlaufstelle für Hilfesuchende verzeichnete ein Vielfaches an Einzelgesprächen. «Manche Menschen, besonders solche aus ohnehin prekären Verhältnissen, traf die Krise viel schneller und härter als andere», so Schlüter.

Eine gute Nachricht gab es in diesem Jahr dann doch: Gerade ist Lidl als Partner eingestiegen und spendete Nahrungsmittel für Bedürftige. Die Lebensmittel wurden im Rahmen der Weihnachtsfeiern an Bedürftige gespendet. Tammo Schlüter war dabei, als die Pakete verpackt und verteilt wurden. «Das ist das, was ich machen möchte. Konkret, sinnvoll, mit Wirkung. Darum bin ich hier».

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