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Höngger Wald

Die ETH im Wald

21. November 2018 von

Foto: WaldZürich, Felix Keller

Der bestehende Mittelwald auf dem Hönggerberg könnte bald Teil des geplanten Waldlabors Zürich werden.

Von

Online seit
21. November 2018

Printausgabe vom
06. Dezember 2018
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Der Wald und seine Strukturen sind für einige Mitarbeiteende und Studierende der ETH Zürich Inhalt der täglichen Arbeit. Doch nutzt die ETH den Wald auch als Forschungsgebiet? Und was untersucht sie dabei?

«Der Wald ist grundsätzlich für alle öffentlich zugänglich. Jeder kann also im Wald etwas beobachten.» Andreas Rudow, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Projektleiter und Dozent am Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich, sitzt im Bistro des ETH-Campus Hönggerberg und nippt an seinem Kaffee. Eine Stunde hat er Zeit für das Gespräch. Dann geht es für ihn bereits auf in den Wald, wo er zusammen mit Unterrichtsassistenten die Übungen für die Studierenden vorbereitet.
Welchen Wald nutzt denn die ETH Zürich effektiv für ihre Forschungszwecke oder den Unterricht? Lange Zeit besass sie einen Lehrwald am Üetliberg, welchen sie selbst verwaltete. «Mein Studium fand noch zu etwa einem Drittel auf dem Üetliberg statt. Es gab auf der Waldegg auch Seminarräume, man lernte die praktischen Aspekte in den Bereichen Waldwachstum, Waldökologie, Waldbau und Vermessung kennen», erzählt Rudow. Nach dem Verkauf des Waldgebietes an die Stadt, findet dort weiterhin ein Teil des praktischen Unterrichts statt. Wegen der nahen Lage wurde auch der Hönggerbergwald schon immer für den Unterricht genutzt, Rudow gibt hier schon seit knapp zehn Jahren Gehölzkunde-Unterricht für Studierende der Umweltnaturwissenschaften und verwandter Studiengänge. Ausserdem wird die Umgebung des Campus Hönggerberg für den Unterricht in Pflanzenökologie genutzt. Seit zwei Jahren finden hier auch Biodiversitäts-Exkursionen zu den Organismengruppen Singvögel, Blütenpflanzen und Gräser statt.

Versuche der ETH Zürich

Obwohl der Hönggerbergwald bisher eher geringfügig für die Forschung der ETH genutzt wurde, durfte er bereits Zeuge von Versuchen werden. In den 1980er-Jahren lancierte die damalige Professur Waldbau den sogenannten «Mittelwald-Versuch». Der früher bestehende Mittelwald im Hönggerbergwald wuchs mit der Zeit in einen Hochwald über, ein Bewirtschaftungsmodell mit Bäumen, die alle etwa gleich hoch sind. Das Ziel dieses Versuches war es, diesen wieder in einen Mittelwald zu überführen, als Mittelwald-Betrieb zu bewirtschaften und waldbauliche Zusammenhänge zu untersuchen. Dafür liess man einige der ehemaligen Mittelwald-Eichen stehen und legte dazwischen die Hauschicht frei. Eine der Versuchsfragen, welche bis heute noch nicht vollständig beantwortet werden konnte lautet: Wie hoch darf der mittlere Vorrat in der Hauschicht sein, das heisst, in welchen Abständen muss man diese schlagen, damit sich darin die Bäume der zukünftigen Oberschicht optimal entwickeln und aufwachsen können. Das Projekt wurde der Stadt übergeben und von dieser bis heute weitergeführt.

Wer hält dem Klimawandel stand?

Der Hönggerberg beherbergt auch einen alten Lärchen-Provenienzversuch. Dieser wurde 1947 als Teil eines internationalen Verbundprojekts von Forschern der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der ETH Zürich angelegt. Der Grundgedanke dieses Versuches war es, herauszufinden, wie sich verschiedene Herkünfte der Gebirgsbaumart Lärche beim Anbau in Tieflagen verhalten. Um ihre Überlebenschancen zu erhöhen, muss eine Art genetisch divers sein und sich an verschiedene Situationen anpassen können. Um also die Reaktion der Lärche in Tieflagen zu erforschen, hat man Absaaten verschiedener Lärchen-Provenienzen aus ganz Europa genommen, aus den Karpaten, den Sudeten, den Alpen etc., und diese dann nebeneinander angepflanzt. Früher hatten solche Provenienzversuche primär das Ziel, den Anbau interessanter Wirtschaftsbaumarten für die Holzproduktion zu finden und zu optimieren. Im Zusammenhang mit dem Klimawandel dienen solche Provenienzversuche heute dazu, die Anpassungsfähigkeit der Baumarten und ihrer verschiedenen Provenienzen an prognostizierte wärmere und trockenere Bedingungen zu untersuchen.

Die Langfristigkeit als Normalfall

Wer mit dem Wald arbeitet, wird vielleicht nie das Ergebnis seiner Arbeit begutachten oder langfristig angelegte Forschungsfragen beantworten können. Doch Andreas Rudow sieht diese Langfristigkeit überall, auch in der Gesellschaft. «Menschheit an sich ist ein Generationenprojekt. Denken wir an unsere Kinder oder dereinstigen Enkel und Urenkel». Die heutige Welt sei stark durch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche getrieben und auf kurzfristige Rendite ausgerichtet. Dabei vergesse man leicht, dass eigentlich diese Langfristigkeit den Normalfall darstellt. Die aktuelle Ökonomie sei so durch die Betriebswirtschaft getrieben, jedes Jahr müsse die Rendite der Investition vorliegen. Es fällt dann schwer, in Dinge zu investieren, bei denen das Ergebnis erst in zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren sichtbar wird. Förster hingegen rutschen in ihrer Ausbildung schon relativ früh in diese Langfristperspektive hinein, diese gehöre zum Berufsethos. «In dieser Langfristperspektive ist es nicht der einzelne Baum, der so viel zählt, sondern das Gesamtbild, die Nachhaltigkeit in der Zeit.» Das sei das Entscheidende, erklärt Rudow.

Eine grosse Chance

Die Zukunft mag einige spannende Projekte und Überraschungen mit sich bringen, doch ein Projekt wird vielleicht schon sehr bald realisiert werden: Das ab 2019 auf dem Hönggerberg geplante «Waldlabor Zürich». Zu seinem 100-Jahr-Jubiläum möchte WaldZürich, der Verband der Waldeigentümer zusammen mit der Stadt Zürich, dem Kanton Zürich, mit der ETH Zürich, der WSL und dem Verband Zürcher Forstpersonal das Projekt «Waldlabor Zürich» realisieren. Das Waldlabor soll ein Erlebnis-, Lern- und Forschungsort für die Bevölkerung, Fachleute und kommende Generationen werden. Die genannten Institutionen sind zurzeit daran, eine Trägerorganisation aufzubauen.

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