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Die Corona-Lehre

10. März 2020 von

Béla Brenn, Praktikant beim "Höngger"
Foto: Bernhard Gravenkamp

Béla Brenn, Praktikant beim "Höngger"

Von

Online seit
10. März 2020

Printausgabe vom
12. März 2020
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Quarantänehäuser spriessen, Ärzte, Betten überall, Forscher forschen, Gelder fliessen – Politik mit Überschall. Also hat sie klargestellt: Wenn sie will, dann kann die Welt. Also will sie nicht beenden. Das Krepieren in den Kriegen. Das Verrecken vor den Stränden. Und das Kinder schreiend liegen. In den Zelten, zitternd, nass. Also will sie. Alles das. Thomas Gsella

Corona hier, Corona dort. Man könnte meinen, die einzige Sorge der Menschheit bestehe darin, dass dieser neue Feind uns alle zugrunde richtet. Natürlich ist die schnelle Ausbreitung des Virus unheimlich. Und ja, es kann vor allem für ältere Menschen gefährlich, sogar tödlich sein. Noch gefährlicher ist aber, wenn man sich durch dieses Virus dazu verleiten lässt, den ganzen Rest des Weltgeschehens ausser Acht zu lassen.
Das kurze Gedicht zum Coronavirus von Thomas Gsella, einem deutschen Schriftsteller und Satiriker, ist kürzlich in den Sozialen Medien kursiert und hat mich sehr beeindruckt. In nur zwölf Zeilen bringt das Gedicht auf den Punkt, was mich bereits eine Weile beschäftigt. Gsella zeigt darin zwei fundamentale «Lehren» zum Corona auf. Einerseits geht er darauf ein, dass die Welt bewiesen hat, dass sie bei einem wichtigen Problem wie diesem Virus alles daran setzen kann, dieses lösen zu wollen. Im zweiten Teil kritisiert er dann aber die Welt für ihre Untätigkeit und Unfähigkeit, dieselben Ressourcen und dieselbe Energie auch in die Beilegung von Kriegen und die Lösung der Flüchtlingskrise zu investieren.
Tausende Menschen harren tagelang an der türkisch-griechischen Grenze aus. Weiter nach Europa kommen sie nicht, zurück können sie nicht. Der türkisch-syrische Krieg hat dafür gesorgt, dass diese Flüchtlinge unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt sind und kaum Hoffnung haben auf eine Lösung ihrer prekären Situation. Und trotzdem: Neben dem Coronavirus ist dies nur ein Nebenschauplatz in der medialen Landschaft. Angesichts der Dimensionen dieses Flüchtlingsdramas, das auch Europa selbst schon bald zu spüren bekommen wird, wirkt das unangebracht und unverhältnismässig.
Es ist die Aufgabe von uns allen, uns mit den Problemen, aber auch mit den schönen Dingen dieser Welt auseinanderzusetzen. Zurzeit interessieren sich viele Menschen aber weder für die Probleme noch für das Gute im Leben und haben nur noch diesen Virus im Kopf. Ich glaube, die Panik vor diesem Virus ist ansteckender als der Virus selbst. Ich hoffe, dass wir alle bald unsere Coronabrille absetzen und den Fokus auch auf andere Dinge richten können. Denn es gibt so viel mehr als Corona auf dieser Welt.

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Kommentare

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24. März 2020 um 08:47 Uhr von Christina

Super geschrieben und auf den Punkt gebracht! Genau das, was ich auch finde, aber niemand sonst schreibt. Weiter so!

13. März 2020 um 09:48 Uhr von Jules Furrer

Lieber Herr Brenn. Ein toller Artikel! Ich habe diesen unverzüglich an Kollegen versandt, die nicht das Glück haben, in Höngg zu leben. Für Ihre Zukunft wünsche ich Ihnen viel Glück, bleiben Sie gesund und vor allem, „Bleiben Sie am Ball“! Wir alle brauchen das geschriebene Wort von Menschen wie Ihnen!! Nochmals vielen Dank dafür. Liebe Grüsse – Jules Furrer