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Leitartikel

Der Zunftmeisterkelch wurde weitergereicht

21. November 2018 von

Daniel Fontolliet (links) und Walter Zweifel, der alte und der neue Zunftmeister der Zunft Höngg.
Foto: Fredy Haffner

Daniel Fontolliet (links) und Walter Zweifel, der alte und der neue Zunftmeister der Zunft Höngg.

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21. November 2018

Printausgabe vom
22. November 2018
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Anlässlich des Hauptbottes der Zunft Höngg wurde Walter Zweifel zum neuen und elften Zunftmeister gewählt. Am Rechenmahl vom Samstag, 10. November, übernahm er das Amt offiziell von seinem Vorgänger Daniel Fontolliet, der nun nach acht Jahren verdient in den «Zunftmeisterhimmel» geht. Der «Höngger» schaute mit beiden zurück und in die Zukunft.

Daniel Fontolliet, mit welchen Ambitionen hast du vor acht Jahren das Amt als Zunftmeister angetreten?

Daniel Fontolliet: Nicht mit Ambitionen, sondern mit grossem Ehrgefühl und Respekt, denn ich wusste, was mich erwartet, da ich zuvor sechs Jahre Stubenmeister war. Meine Vorgänger hatten hervorragende Arbeit geleistet und grosse Akzeptanz genossen. Die wünschte ich mir auch. So war die einzige Ambition, es gut machen zu wollen. Nicht für mich, sondern für die Zunft Höngg, die ein breites Spektrum an Persönlichkeiten und Erwartungshaltungen an einen Zunftmeister vereint. Wenn ich diese Erwartungen erfüllen konnte, habe ich mein Ziel mehr als erreicht.

Als Zunftmeister bringt man sehr seine eigene Persönlichkeit ein. Walter Zweifel, wo trat dies bei Daniel Fontolliet zutage?

Walter Zweifel: Er war mit Leib und Seele, Engagement und Kreativität Zunftmeister. Die zünftige Familie war ihm sehr wichtig, die Gemeinschaft. Das spürte man. Er war spontan, hatte gute Ideen und so hatten wir wunderbare acht Jahre – und zusammen schon viel länger.

Gutes Stichwort, Walter, du hast in der Zunft schon viele Ämter durchlaufen.

Zweifel: Ja, ich kam jung in die Zunft. Ich hatte mir für mein Leben gesagt, ich engagiere mich in wenigen Bereichen. Das waren nebst Familie und Geschäft die ehrenamtlichen Engagements im Musicalprojekt Zürich 10 und in der Zunft, beide haben mich auf unterschiedliche Weise sehr bereichert.
Die Zunft ist mir, als traditionsbewusster Mensch, eine Herzensangelegenheit, sie verbindet einen Teil von Höngg. So war ich zuerst Zunftschreiber, dann Beisitzer, Stubenmeister und zuletzt Statthalter. Ich hatte Freude an diesen Ämtern, aber ganz klar nie die Ambition, Zunftmeister zu werden.

Ist die Wahl zum Zunftmeister nicht die logische Konsequenz aus diesem Engagement?

Zweifel: Kann, muss aber nicht. Es kamen immer wieder Zünfter in die Vorsteherschaft, die dann relativ schnell Zunftmeister wurden. Auch Daniel trat der Zunft spät bei, kam in die Vorsteherschaft und wurde schnell Zunftmeister.
Fontolliet: (lacht) Ja, ich und auch mein Vorgänger Hans-Peter Stutz waren Turbos. Ich trat erst mit 52 der Zunft bei, ohne jeden zöiftigen Hintergrund. Das einzige was mich mit dem Zunftwesen verband, war dazumal die Begeisterung für den freien Schultag am Sechseläuten und natürlich der Umzug, den wir aus dem Büro meines Vaters an der Bahnhofstrasse mitverfolgen konnten. Erst als mich 1998 der Höngger Drogist Fredy Kunz zum Sechseläuten einlud, packte es mich: Dieses Netzwerk von Freundschaften, die gelebten Traditionen, das fand ich wunderbar, das habe ich nirgends sonst in dieser Form erlebt.

Walter, du bist viel zunftnäher aufgewachsen: Dein Grossvater Heinrich war Gründungsmitglied der Zunft Höngg, dein Onkel Hansheiri war Zunftmeister und du nun der zweite in diesem Amt aus dem Hause Zweifel.

Zweifel: Ja, bei uns ist die Zunft Familientradition. Das Zunftfieber wurde mir fast mit der Muttermilch eingegeben. Mit Fünf lief ich bereits mit und war seither immer dabei. Schon als Zunftgeselle fand ich es toll und ich freue mich sehr, dass auch meine Kinder und die meiner Brüder diese Tradition weiterleben.

Das Amt bringt einen hohen zeitlichen Aufwand mit sich…

Fontolliet: Ja, einfach so nebenbei macht man das nicht. Nebst den 50 bis 70 Anlässen pro Jahr, die man teilweise selbst organisiert oder an die man eingeladen wird, fordert es einem auch sonst fast täglich. Dabei geht es nicht nur um die grossen Anlässe, Vorstehersitzungen oder laufende Geschäfte, sondern, und das lag mir sehr am Herzen, man muss auch dafür sorgen, dass sich jeder Zünfter aufgehoben fühlt. Das heisst, dass man auch den Kontakt zu älteren oder kranken Zünfter, die nicht mehr so aktiv am Zunftleben teilhaben können, nicht abbrechen lässt, ihnen zeigt, dass man für sie da ist, – was nur geht, wenn man den Kontakt zu den Familien pflegt und von der Vorsteherschaft unterstützt wird.
Auch die Vertretung der Zunft Höngg nach aussen, zu den anderen Zünften, braucht viel Zeit. Das Vorbereiten der zahlreichen Reden ist eine grosse Herausforderung und beansprucht viel Zeit. Mir machte diese Arbeit aber immer wieder enorm Spass. Zum Beispiel am Sechseläuten, da hält man eine Begrüssung, eine Sechseläuten-Rede, man stellt diverse Ehrengäste mit einer Rede vor und am Abend kommen drei andere Zünfte zu Besuch auf die Stube, halten Reden und dann ist eine spontane Gegenrede gefordert, auf die man sich kaum vorbereiten kann. Ja, dann ist man schon sehr gefordert!

Walter, freust du dich auf diese Aufgabe?

Zweifel: Natürlich, als ich den Beschluss gefasst hatte, mich als Zunftmeister zur Wahl zu stellen, freute ich mich darauf. Zudem hatten Daniel und ich eine gute Überganszeit, die mir erlaubte, bereits für die Zukunft zu planen: Im Bewusstsein, dass das Amt viel Zeit braucht, habe ich auch das Amt als Präsident des Vereins Musicalprojekt Zürich 10 abgegeben. Und ich habe, allerdings nicht nur wegen der Zunft, im Beruf auf 80 Prozent reduziert.

Die Ehrengäste, die der Zunftmeister jeweils einlädt, wie werden die ausgewählt? Du, Daniel, wolltest auch Gäste einladen, die polarisieren. Ist dir das gelungen?

Fontolliet: Es ist ein Privileg, die Ehrengäste nach eigenem Gusto einladen zu dürfen, doch man lädt sie nicht primär für sich, sondern für die Zunft ein. Dabei muss einem auch bewusst sein, dass man nie alle Erwartungen der Zünfter erfüllen kann und man muss es auch wagen, Gäste einzuladen, die vielleicht nicht allen genehm sind. Zum Beispiel politisch. Aber über solche Konventionen setzte ich mich hinweg und so erlebten wir oft genug, dass Gäste, die mit Skepsis erwartet wurden, dann eine grosse Bereicherung waren.

Gab es auch unangenehme Erfahrungen?

Wirklich unangenehme nicht, aber solche, die spontane Reaktionen forderten. Wie als ein Ehrengast am Vorabend des Sechseläutens absagte, oder Bundesrat Johann Schneider-Amman, der nur ganz kurz kam und wir dann sein Abbild aus Karton anfertigten, damit wir ihn noch etwas länger bei uns am Sechseläuten hatten.
Und ich habe auch bereits gesetzte Gäste wieder ausgeladen, weil sie plötzlich nur noch an den Umzug kommen wollten. Das geht gar nicht, denn als Ehrengast soll man für die Zunft da sein und nicht nur, um sich am Umzug zu zeigen. Bundesrat Ueli Maurer zum Beispiel hat das perfekt verstanden und gelebt, den ganzen Tag bis tief in die Nacht

Was sind besondere Erinnerungen an Gäste?

Da gibt es viele. Zum Beispiel an Pepe Lienhard, den ich eingeladen hatte, doch keine Antwort erhielt. Zufällig sah ich ihn am Flughafen und sprach ihn an: «Grüezi Herr Lienhard, sie sind mir noch eine Antwort schuldig» – ihm war das Mail untergegangen und das war ihm so peinlich, dass er nicht nur ans Sechseläuten kam, sondern wir uns danach verbunden blieben und er mir bei vielen anderen aus dem Kulturbereich als Türöffner fungierte.
Auch Schwinger Chrigel Stucki und Francine Jordi waren super Gäste. Mit ihr musste ich ein Duett singen, das war zur Belustigung der Zünfter natürlich eine Katastrophe, und Stucki hob mich mit gestreckten Armen über seinen Kopf und fragte die anderen, «wann wollt ihr ihn wieder zurück?».
So bleiben mir noch viele schöne Erinnerungen. Besonders an Francine Jordi, die mich ein Jahr, nachdem sie bei uns zu Gast war, tief berührt hat: Ich lief am komplett verregneten Sechseläuten, als eine Dame mit Kapuze und Blumenstrauss aus der Zuschauermenge auf mich zu kam – es war Francine, die mir nochmals danken wollte für das Erlebnis bei der Zunft Höngg, das sei einer ihrer schönsten Tage gewesen.
Es ist ja das Ziel, dass sich die Ehrengäste bei uns wohl fühlen. Dafür sorgen auch immer alle Zünfter, ohne Berührungsängste. Die Gäste sollen sich einen Tag lang als Teil der Zunft fühlen, nicht als Exoten. Das sind sie dann am Umzug, wenn sie überrannt werden, wie Stucki damals von den Frauen, der hat die Welt nicht mehr verstanden.

Walter, was hast du für Gäste-Präferenzen?

Walter: Es wird ähnlich weitergehen, wichtig ist mir aber, dass ich Anknüpfpunkte zu den Gästen habe. Es sollen spannende Menschen sein, die auch der Zunft etwas bringen, vielleicht unerwartete Erlebnisse und Denkanstösse, die man vielleicht beim skeptischen Lesen der Gästeliste gar nicht erwartet hätte.

Was wäre der absolute Traumgast?

Zweifel: Da möchte ich mich jetzt nicht festlegen.
Fontolliet: Roger Federer hätte ich gerne als Gast begrüsst. Aber er hat mir zweimal, und zwar mit einem persönlichen Brief, abgesagt mit der völlig plausiblen Begründung, dass das einfach etwas sei, das er nicht könne – weil er den ganzen Umzug aufhalten würde. Und da muss ich ihm absolut Recht geben, es gibt Leute, die sind für das Sechseläuten einfach zu prominent.

Kommen Veränderungen auf die Zunft Höngg zu?

Zweifel: (überlegt kurz) Unser Familienspruch ist ja «Traditionen verbunden, aufgeschlossen für das Neue» und das werde ich auch als Zunftmeister leben: Die Zunft soll sich in der Tradition weiterentwickeln. Sie wird auch auf die Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld reagieren müssen. Zum Beispiel, dass auch weiterhin Junge beitreten können, die in Beruf und Familie schon sehr beansprucht sind. Wir wollen eine lebendige Zunft sein, und das bedeutet auch, Neues auszuprobieren. So luden wir neulich (siehe Bericht auf Seite XY) zum Rechenmal auch die Zünfterfrauen und die Zunftjugend ein. Dies aus der Überzeugung, dass das Engagement einer Familie innerhalb der Zunft enorm wichtig ist, damit die Zunft leben kann.

Hat die Zunft ein Nachwuchsproblem?

Fontolliet: Wir hatten bei den Zunftgesellen einen Durchhänger. Wir hatten vor ein paar Jahren acht von ihnen in die Zunft aufgenommen und keinen Ersatz. Also öffneten wir und sagten den verbliebenen Gesellen, sie dürften Kollegen mitbringen. Von diesen sind dann einige auch Zunftgesellen geworden.
Auch die Statuten passten wir leicht an. Aufgenommen werden kann, wer familiär Wurzeln in Höngg hat oder zehn Jahre in Höngg wohnt, oder zehn Jahre hier ein Geschäft hat oder sich für Höngg verdient gemacht hat. Auch über die Reitergruppe, die ein Nachwuchsproblem hat, kommt man gut in die Zunft. So nehmen wir jedes Jahr zwei bis drei neue Zünfter auf.

Ein wehmütiges Schlusswort, Herr Altzunftmeister?

Fontolliet: Ich empfinde keine Wehmut. Das stärkste Gefühl, das ich empfinde, ist in erster Linie Dankbarkeit – die Zunft hat mir weit mehr zurückgegeben, als ich investiert habe! Ganz besonders erwähnen möchte ich die gute Verständigung, ja gar Freundschaft in der Vorsteherschaft.
Ich bin überzeugt, dass Walter ein guter Zunftmeister sein wird. Er ist bei unseren Zünftern und beim zöiftigen Zürich gut vernetzt und geniesst grosse Akzeptanz. Ich kann beruhigt in den «Zunftmeisterhimmel» gehen, wo sich die Altzunftmeister der 26 Zünfte bei monatlichen Lunches vereinen. Kurz:
in Zunftkreisen gibt es immer wieder Gründe sich zu treffen! Langweilig wird es mir bestimmt nicht, auch dann nicht, wenn ich nicht mehr so viele Termine wahrnehmen muss.

Walter: Ich möchte Daniel einfach danken für seine Arbeit und dafür, dass ich die Zunft in bester Verfassung übernehmen kann.

Dann also viel Glück, oder was sagt man da?

Zweifel: Zum Wohlsein (und hebt das Glas Riesling, das auf dem Tisch in der Bauernstube des Stammhauses der Zweifels steht, wo dieses Gespräch geführt wurde).

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