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Frank Frei

Der Pseudonymphe entwachsen

10. September 2019 von

Von

Online seit
10. September 2019

Printausgabe vom
11. September 2019
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Neulich wollte eine neugierige Leserin dieser Zeitung wissen, warum ich nur ein Pseudonym sei. Die Redaktion wusste es (wie immer) auch nicht und fragte mich direkt an. Also via Mail natürlich, denn Pseudonyme treten ja nirgends leibhaftig auf. «Nur» ein Pseudonym? Werte Dame, das «nur» verbitte ich mir, denn als Pseudonym kommt man nicht zur Welt, das muss man sich erarbeiten. Hart. Es ist ein Werdegang.
Wie jedes anständige Pseudonym wollte auch ich zuerst unter meiner wahren Identität weltberühmt werden. Wie Madonna, gepaart mit Hemingway und einem bildenden Künstler, dessen Namen ich vergessen habe. Aber dann schaute ich mir deren Leben an. Die eine kann unerkannt keinen Schritt mehr machen, der andere ist tot und der dritte? Wer war das gleich? Also entschied ich mich, noch bevor ich überhaupt über meine potenziellen Fähigkeiten nachdachte, für ein Leben in totaler, immerwährender, zeitloser Freiheit. Eben als Pseudonym.
Das Larvenstadium des Pseudonyms ist die Pseudonymphe. Ein Ferkel, wer da eine falsche Assoziation macht, denn Nymphen sind grundsätzlich einfach Naturgeister, die sich durch die griechische Mythologie tummeln. In der Zoologie – nun kommen wir mir näher – werden Jungtiere verschiedener Gliederfüssler als Nymphen bezeichnet. Also Tausendfüssler, Spinnentiere und Entenmuscheln zum Beispiel. Sie ähneln ihren Erwachsenen Artgenoss*innen schon in jüngsten Tagen. Da musste ich also durch und übte mich im stillen Kämmerlein. Zuerst singend und bildhauernd, doch nach zwei Wohnungskündigungen verlegte ich mich auf das stille Gewerbe des Schreibens und durfte sesshaft bleiben. Meine ersten Pseudonymphen-Texte waren Leserbriefe unter falschem Namen, was mich daran erinnert, dass die deutsche Grammatik das «Pseudo» wie die Nymphe den Griechen geklaut hat, bei denen «pseudos» für «falsch» oder «lügenhaft» steht (wobei ich mir Letzteres verbitte). Um von der «-nymphe» zum «-nym» (übrigens eine Abkürzung von «onyma», für «Name», und klar, wem wir das geklaut haben). zu werden, musste ich dann den Sprung aus den Leserbriefspalten schaffen. Der Rand dieser Spalten ist relativ hoch. Gletscherspaltenmässig hoch, hätte ich beinahe gesagt, doch das ist heute ja auch kein imposanter Wert mehr. Nicht egal, doch nach mehreren Versuchen schaffte ich es, hob erstaunt den noch vom Anstieg in die dünne Luft wirren Kopf und fand mich wo wieder? Direkt im «Höngger». Ok, jedes Pseudonym fängt mal klein an. Und ich darf mich hier austoben. Was nach der Pseudonymphe und dem Pseudonym kommt? Keine Ahnung, wie das Altersstadium eines Pseudonyms heisst. Pseudonyke? Pseudonylonstrumpf? Alles, bloss kein Pseudonout.

Es grüsst, wahrhaftig
Frank Frei

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