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Der HGH und die Lokomotive

27. August 2018 von

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Online seit
27. August 2018

Printausgabe vom
30. August 2018
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Die Jubiläumsreise des Vereins Handel- und Gewerbe Höngg (HGH) führte in die Innerschweiz und mit der Dampfbahn über die Furka-Bergstrecke ins Wallis. Ein unvergesslicher Tag, nicht nur für Bahnfreunde und Naturliebhaber.

Es gibt Menschen, für die ist 6.45 Uhr noch mitten in der Nacht. Die Mitglieder des HGH gehören offensichtlich nicht dazu, sonst hätten sie nicht so knackig ausgesehen, als sie sich am Sonntagmorgen im Hof bei Wegmanns Obst- und Weinbau versammelten, um gemeinsam den Jubiläumsausflug des Vereins anzutreten. Glücklicherweise konnte man im Car noch ein Weilchen dösen, während dieser zügig in Richtung Realp fuhr. Patrick Smith, ein alter Feuerwehrkumpan von HGH-Präsident Daniel Wegmann und langjähriges Mitglied des Vereins «Dampfbahn Furka-Bergstrecke», begleitete die Gruppe während des ganzen Tages. Er gab Einblick in die Geschichte der Bergstrecke zwischen Realp und Oberwald und erzählte von den beachtlichen Einsätzen der Freiwilligen, die die Bahn am Laufen halten. 8000 Ferrofile sind als Mitglieder gemeldet, davon helfen rund 800 regelmässig bei Unterhaltsarbeiten, im Fahr- und Sicherheitsdienst, der Werkstätte oder als Gästebetreuung mit. «Es gibt einen Virus, der alle ansteckt, die hier hinaufkommen», sagte Patrick Smith, «und er ist unheilbar». Als er dann erwähnte, dass die Wiederaufbereitung der Bergstrecke 29 Jahre gedauert hatte, und dass jeweils drei bis sechs Wochen benötigt würden, um im Mai die Strecke vom meterhohen Schnee zu befreien, wünschten sich einige der Anwesenden heimlich, dass sie nicht infiziert werden.
Am Bahnhof Realp schien zwar die Sonne, es hatte aber merklich abgekühlt. Ein kurzer Spaziergang führte die Höngger Gewerbler*innen zur Dampflok-Werkstätte. Hier werden die vor Kraft strotzenden Maschinen revidiert, damit sie sicher und tüchtig arbeiten können. Ein besonders beeindruckendes Exemplar stand geschützt in der Halle. Es handelte sich dabei um die Lokomotive HG 4/4 Nr. 704, eine der Vierkuppler, die in der Folge der Elektrifizierung der Strecke in den 40er-Jahren nach Vietnam verkauft und 1990 in einem desolaten Zustand wieder in die Schweiz zurückgeführt worden waren. Dampflokliebhaber scheinen einen besonders langen Atem zu haben: 25 Jahre dauerten die Restaurierungs- und Instandsetzungsarbeiten, um die ehemalige Rostlaube wieder in ihrer schwarzen Pracht erscheinen zu lassen. Wenn alles gut läuft, kann sie bald in Betrieb genommen werden. In einer Halle nebenan stand das Holzgerippe eines zweiachsigen Wagens der Visp-Zermatt Bahn. Auch bei ihr wird es wohl noch ein paar Jahre dauern, bis sie wieder fährt.

Immenser Aufwand 

Schliesslich hiess es: Bitte alle einsteigen! Schon tuckerte die Komposition durch die eindrückliche Berglandschaft entlang der Furkareuss. Man wähnte sich fast im schottischen Hochgebirge, dunkelgrün zogen die Hügel am Fenster vorbei, auf den höheren Lagen schimmerte der Schnee wie Puderzucker. Wild und unbarmherzig ist die Natur, Lawinen sind hier die Regel, nicht die Ausnahme. Eine feststehende Brücke würde jeden Winter von den gewaltigen Schneemassen zerstört werden. Aus diesem Grund wurde die Steffenbachbrücke als Stahl-Klappbrücke entwickelt, deren Teile im Winter eingeklappt werden können, damit der Weg für die Lawinen frei bleibt. Auch auf der restlichen Strecke wird anfangs Oktober alles, was höher ist als die Gleise, abmontiert, damit nichts mitgerissen oder weggedrückt werden kann. Viel Arbeitskraft und Zeit ist nötig, um die Strecke jedes Jahr von den Tonnen von Schnee zu befreien – und dies für drei Monate Betrieb im Jahr.

Besuch im Tal der Rhone

In Tiefenbach hielt die Dampfbahn, der Wassertank musste wieder aufgefüllt werden. Für die Strecke Realp-Oberwald werden im Schnitt rund 800 Kilo Kohle verfeuert. Weiter ging die Fahrt – der sympathische Zugbegleiter machte seine Gäste darauf aufmerksam, in den Tunnels doch bitte die Fenster zu schliessen, denn die Lok produziert ganz schön viel schwarzen Staub. Als die Dampflok in Furka eine halbe Stunde warten musste, war die Zeit für den Apéro mit Fleisch und Käse und natürlich Wein von Wegmanns Hof gekommen. Obwohl das Programm – man hielt sich an den Fahrplan – getacktet war, kam niemals Hektik auf. Allen blieb genügend Zeit für ein Pläuschchen, WC-Pausen und kleine Erkundungsrundgänge. Nach einer weiteren Etappe, die durch den Furka-Scheifeltunnel und das beeindruckende Rhonetal führte, fand die nostalgische Zugfahrt ihre Endstation: In Gletsch wartete im Hotel «Glacier de Rhône» das Mittagessen auf die Reisenden. Der Bahnhof mit seinem runden Dachfenster erinnert noch an die französischen Investoren, die ihr Geld hier einbrachten. Es müssen beschwerliche Zeiten gewesen sein, als die Händler und Gesellschafter mit ihren Kutschen in den Stallungen Halt machten, um die Pferde zu wechseln und im Hotel einzukehren. Heute steigt kaum einer länger ab. Nach dem Essen führte Patrick Smith die Interessierten auf einen kurzen Rundgang vorbei an der Kapelle und dem «Blauhaus», dessen Namen sich auf die Reflektion des Rhonegletschers, der einst bis vor die Tür reichte, bezieht. Von hier aus geht der Blick über das karge Tal und hoch hinauf zum ehemaligen Hotel Belvédère auf dem Furkapass, wo James Bond auf Goldfinger traf. Und schliesslich werden die Anwesenden Zeuge einer Ausnahmeerscheinung: Zwei Dampfbahnen, eine mit schwarzer, die andere mit grüner Lok, stehen nebeneinander im Bahnhof Gletsch und tanken Wasser. Zum letzten Mal darf man das Zischen und Stampfen und Pfeifen dieser imposanten Maschinen miterleben, als diese in Richtung Realp davonrollen. Jedes Jahr erleben 30’000 Passagiere dieses Spektakel, und das Schönste daran sei, so Smith, dass er dabei niemals grimmige Gesichter sehe.

Schöne Aussichten zum Abschied

Die Rückreise über den Grimsel- und den Brünnigpass hielt nochmals atemberaubende Aussichten für die Höngger*innen bereit, ein schöner Abschluss eines gelungenen Jubiläumsausfluges. Beim Abschied in Höngg sah man einige glänzende Augen und glühende Bäckchen, ob vom Wein oder von der Bergsonne, war schwer zu sagen. Vielleicht waren es auch erste Symptome des Dampfbahn-Furka-Bergstrecke-Virus, von dem anfangs die Rede war.

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