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Tatort Kreis 10

Der Bombenleger von Höngg

11. September 2020 von

Eine Bombe unter einem Auto an der Reinhold-Frei-Strasse sorgte für Angst und Schrecken.
Foto: Stefan Hohler

Eine Bombe unter einem Auto an der Reinhold-Frei-Strasse sorgte für Angst und Schrecken.

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Online seit
11. September 2020

Printausgabe vom
17. September 2020
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Im Dezember 2006 versuchte ein 32-jähriger Mann eine Bombe unter einem Auto im Riedhof explodieren zu lassen. Das Attentat scheiterte, und der Bombenleger wurde zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt.

Die Wohnsiedlungen rund um die Riedhofstrasse gelten als ruhig, familienfreundlich und sicher. Niemand würde dort das organisierte Verbrechen oder gar einen Autobombenanschlag vermuten. Doch im Dezember 2006 kam es um ein Haar zu einem tödlichen Attentat auf einem Parkplatz an der Reinhold-Frei-Strasse. Ein 32-jähriger Bosnier hätte mit 429 Gramm Sprengstoff, wie er in der serbischen Armee verwendet wird, einen Serben in dessen Mercedes töten sollen.

Das später vom Wissenschaftlichen Forschungsdienst der Stadtpolizei Zürich, heute Forensisches Institut Zürich, erstellte Gutachten hielt fest, dass die Bombe funktionstüchtig gewesen sei. Die Explosion wäre «für Personen auf dem Führer- und Beifahrersitz kaum überlebbar gewesen». Personen auf den Hintersitzen und auch solche im Umkreis von 3,5 Metern um das Fahrzeug hätten mit «tödlichen Verletzungen beziehungsweise mit irreversiblen Körperschäden» rechnen müssen, heisst es im Gutachten weiter.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 2006 montierte der Bosnier die Sprengvorrichtung unter den Mercedes, den Sprengstoff hatte er von seinem Auftraggeber erhalten. Nachdem er gesehen hatte, dass jemand in den Mercedes gestiegen war, verliess er den Tatort in seinem Auto und soll wenige Minuten später versucht haben, die Bombe per Handy zur Detonation zu bringen, was allerdings misslang. Er habe dabei «in Kauf genommen, weitere Personen wie Mitfahrer, Fussgänger sowie andere Verkehrsteilnehmer zu töten», schrieb die Bundesanwaltschaft in der Anklageschrift. Dem widersprach der Bombenleger vor Gericht. Er habe Gewissensbisse bekommen und im letzten Moment entschieden, die Bombe nicht explodieren zu lassen: «Ich kann niemanden umbringen», sagte er.

Das Bundesstrafgericht in Bellinzona, wo sich der Mann im Jahr 2010 verantworten musste, vertrat dieselbe Ansicht wie die Bundesanwaltschaft. Der Bosnier habe zwar Skrupel bekommen und die Bombe nicht explodieren lassen. Doch sie sei scharf gewesen und hätte durchaus auch aus einem anderen Grund hochgehen können. Weil er Leib und Leben anderer Menschen gefährdet hatte, wurde er zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Der Mann war nach dem versuchten Anschlag nach Serbien geflohen. Im Dezember 2008 war er in die Schweiz zurückgekehrt und hatte sich den Behörden gestellt.

«Werkzeug» eines Auftragsmordes

Doch wie kam es überhaupt zu dieser Situation und was hatte die organisierte Kriminalität in Serbien damit zu tun? Laut dem Bombenleger war das geplante Attentat die Folge einer langjährigen Familienfehde gewesen. Der Bosnier selbst bezeichnete sich als «Werkzeug» einer kriminellen Organisation in Serbien, die auch mit wichtigen Personen aus Politik und Militär in Kontakt gewesen sein soll. Ausserdem sagte er aus, dass er selbst getötet worden wäre, hätte er den Auftrag abgelehnt. Der Auftraggeber sei ein 56-jähriger Serbe gewesen, der beim Prozess jedoch abwesend war, da er in seinem Heimatland wegen Drogenhandels in Untersuchungshaft sass. Vor dem Auftraggeber hätten viele Leute Angst, nicht nur in Serbien, auch in der Schweiz. Der Mann sei ein ranghohes Mitglied einer kriminellen Organisation, die sich bis in politische und militärische Kreise erstrecke.

«Er kann über Leben und Tod entscheiden», sagte der 32-jährige Bosnier und befürchtete: «Nun ist mein Todesurteil gesprochen». Die Aufgabe habe er sowohl aus Angst als auch aus Respekt angenommen. Mitglied der kriminellen Organisation sei er nicht gewesen, er habe lediglich «Befehle ausgeführt», so der Beschuldigte. Für die Zündung der Bombe hätte er eine gute Anstellung am Flughafen in Belgrad bekommen. Auch für die Zeit nach der Gerichtsverhandlung fürchtete der Beschuldigte um sein Leben. Seine Geständnisse würden gewissen Leuten in Serbien nicht gefallen. «Ich fühle mich nicht einmal im Gefängnis sicher«, sagte er.

Grund für den Mordversuch war die Annahme des Auftraggebers, dass der Mann, dem der Anschlag galt, 1998 seinen Cousin ermordet habe. Dieser kam bei einer Schiesserei in Amsterdam ums Leben. Der Besitzer des Mercedes, der mit der Bombe hätte getötet werden sollen, sagte in der Gerichtsverhandlung, dass er den Cousin nicht umgebracht habe; der Auftraggeber irre sich. Er beteuerte auch, dass er nach wie vor um sein Leben fürchte, auch weil serbische Medien seinen Namen veröffentlicht hatten. Der 36-jährige Serbe hatte den Plastiksack mit der Bombe unter seinem Mercedes auf einem Parkplatz der Reinhold-Frei-Strasse selbst entdeckt und die Polizei alarmiert. Die ausgerückte Patrouille forderte Verstärkung an, um die Örtlichkeit aus Sicherheitsgründen grossräumig abzusperren. Rund 150 Anwohner wurden evakuiert und der Sprengkörper entschärft.

Aus Medienberichten wurde bekannt, dass es sich beim Mercedes-Besitzer um einen in Dietikon lebenden Serben handelte. Er hatte in Höngg eine Kroatin besucht, mit der er in Regensdorf ein Restaurant geführt hatte. Das Lokal war 2006 in Konkurs gegangen und das Wirtepaar hatte einen Schuldenberg hinterlassen.

Angeklagter Gehilfe freigesprochen

Der Bombenleger soll noch einen Gehilfen gehabt haben, auch dieser stammte aus Bosnien-Herzegowina und war wegen anderer Delikte bereits mehrfach vorbestraft. Er soll die mit Funkzünder versehene Bombe konstruiert haben. Der 29-jährige Hilfsarbeiter sagte aus, dass er in die Sache hineingezogen worden sei und mit der Organisation nichts zu tun gehabt hätte. Seine DNA wurde in Form von Schweiss auf Innenteilen des Handys gefunden, das die Bombe hätte hochgehen lassen sollen. Dies reichte aber nicht aus, um zweifelsfrei beweisen zu können, dass die DNA beim Anlöten von Drähten dorthin gelangt sei, sagten die Richter. Der Angeklagte wurde vom Vorwurf der Gehilfenschaft zwar freigesprochen, musste aber trotzdem für 14 Monate ins Gefängnis, da er mehrfach betrunken Auto gefahren war und Polizisten verletzt hatte.

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11. September 2020

Printausgabe vom
17. September 2020
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