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Denkmalpflege

Denkmalschutz stärkt die Beziehung zu einem Haus

9. April 2019 von

Architekt Marcel Knörr vor seinem denkmalgeschützten Haus an der Limmattalstrasse 209.
Foto: Lina Gisler

Architekt Marcel Knörr vor seinem denkmalgeschützten Haus an der Limmattalstrasse 209.

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Online seit
9. April 2019

Printausgabe vom
11. April 2019
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Zum Abschluss des Fokusthemas «Denkmalpflege» hat sich der «Höngger» mit Architekt Marcel Knörr über seine Erfahrungen mit der Denkmalpflege, den Wert geschützter Bauten, Kompromisse und Widersprüche unterhalten. Und darüber, was in Höngg früher vielleicht schief lief und heute anders sein sollte.

Über den Höngger Architekten Marcel Knörr kursiert ein wohlmeinendes Gerücht: Lässt man sich von ihm ein altes Haus renovieren und in einer Mauer fehlt ein Stein, so lässt er nicht locker, bis er den genau passenden gefunden hat – wobei die Chance gut steht, dass er einen solchen bereits irgendwo eingelagert hat. Knörr schmunzelt, als ihn der «Höngger» an der Limmattalstrasse 209, dem denkmalgeschützten Haus, in dem er lebt und auch sein Architekturbüro hat, mit dem Gerücht konfrontiert.
Seinem Ruf gerecht werdend hat Knörr schon diverse sensible Gebäude renoviert oder umgebaut und hatte dabei oft mit der Denkmalpflege zu tun. Persönlich machte er mehrheitlich gute Erfahrungen, «wahrscheinlich auch, weil ich sowas wie ‹vom Fach› bin», sagt er. Erste Erfahrungen sammelte er gleich nach dem Studium, bei Architekt Pit Wyss, der damals Präsident des kantonalen Heimatschutzes war. Wyss hatte den Auftrag, das Haus zum Kranz, in welches später das Ortsmuseum Höngg einziehen sollte, zu renovieren, Knörr amtete als Bauführer und hatte so erstmals Kontakt mit der Denkmalpflege. Später war Knörr von 2005 bis 2008 selber Präsident des kantonalen Heimatschutzes und vertiefte dort sein Wissen.

Trotz Kompromissen bleiben Unstimmigkeiten

Dass Denkmalschutz nur funktioniert, wenn Bauherrschaft, Architekt und Denkmalpflege zusammenarbeiten, betont auch Knörr. Man müsse immer Kompromisse finden. Da er aber schon in fast allen Zürcher Quartieren gearbeitet hat und für jedes Quartier ein anderer Denkmalpfleger – im Kreis 1 sogar mehrere – zuständig ist, stellt er auch fest, dass es strengere gibt und solche, bei denen mehr Handlungsspielraum besteht. Er nennt ein Beispiel, dass hier, um die Bauherrschaft zu schützen, etwas verfremdet ist: An einem geschützten Haus wurde die Fassade neu gestrichen und als die Arbeiten fast fertig waren, wollte man auch noch die hölzernen, grau gestrichenen Fensterläden neu streichen. Knörr hätte sie neu lieber in Grün gesehen und konnte dies auch gut begründen. Doch im Schutzvertrag hiess es klar, dass die Denkmalpflege hier mitzureden habe – entsprechend verlangte der Zuständige für das spontane Streichen der Läden eine zusätzliche Baueingabe. Das hätte aber bedeutet, dass das Gerüst mindestens weitere drei Monate hätte stehen bleiben müssen. Für die Bauherrschaft inakzeptabel, und so wurden die Läden eben wieder im gleichen Grau gestrichen wie vorher. «Das hat mich», erinnert sich Knörr, «doch etwas geärgert». In einem anderen Quartier mit einem anderen Denkmalpfleger hätte sich vielleicht eine unbürokratische Lösung finden lassen.
Genau solche Geschichten sind es, welche das Bild, das Bauherrschaften von der Denkmalpflege haben, manchmal negativ prägen: Es werde für kleinste Details ein unverhältnismässiger bürokratischer Aufwand betrieben – mit entsprechenden finanziellen Folgen.
Knörr kennt auch Beispiele von Konflikten unter den Behörden. Wie jenes einer minuziös restaurierten hölzernen Kassettendecke: Bei der Bauabnahme verlangte die Feuerpolizei dann, dass diese unter einer Gipsdecke zu verschwinden habe. Die Renovation war umsonst, die Kassettendecke nun unsichtbar. Das Beispiel zeigt, welche Gratwanderung Denkmalschutz sein kann.
Stimmt es, dass, hätte es die Denkmalpflege schon zur Steinzeit gegeben, wir heute noch in Höhlen wohnen würden? Das stimme wohl, lacht Knörr, doch man habe zu allen Zeiten alte Gebäude renoviert und den neuen Bedürfnissen angepasst, das sei auch unter Denkmalschutz möglich. Selbst die Nutzung könne unter Umständen verändert werden, beispielsweise von einer Fabrik hin zu Wohnraum. Doch dabei kann es zu kuriosen Entscheiden der Denkmalschutzbehörde kommen, wenn zum Beispiel im Innern architektonische Elemente erhalten bleiben müssen, die auf die Vergangenheit des Hauses als Industriestandort hinweisen: «Das ist dann schwer erklärbar, weil etwas geschützt wird, das für die Allgemeinheit nicht sichtbar ist und die Hausbewohner stört». Anders sei das natürlich, wenn etwas von aussen sichtbar ist, wie etwa ein alter Hochkamin, betont Knörr.

Denkmalschutz macht ein Haus besonders

Nebst dem Erhalt historischer Bauten, der Knörr selber sehr am Herzen liegt, ist es eine wichtige Funktion des Denkmalschutzes, den Hausbesitzern zu erklären, was und warum etwas an ihrem Haus besonders ist. Oft erlebe er, wie dann plötzlich eine schräge Wand oder ein anderes Detail neu gesehen werde und besondere Wertschätzung erfahre. Erklärend weist er auf eine Bruchsteinmauer in seinem Sitzungszimmer hin: «Das war einst eine Aussenmauer und seit ich das weiss, zeige ich sie besonders gerne in ihrem rohen Zustand. Es wäre schade gewesen, sie zu verputzen». Könne solches Verständnis gefördert werden, dann habe man die Hausbesitzer auf der Seite des Denkmalschutzes: «Die Beziehung zu einem Haus wird durch den Denkmalschutz gestärkt, zum Beispiel durch die Altersbestimmung, da ist man plötzlich wie ich stolz, als mir das dendrochronologische* Gutachten zeigte, dass die Deckenbalken meines Hauses im Jahr 1473 geschlagen wurden».

Schützen oder nicht?

Oft denken Hausbesitzer, deren Haus inventarisiert wird, es verlöre dabei an Wert, weil man «nichts mehr daran machen» könne, dabei sei beim richtigen Verständnis, sogar unter späterem völligem Schutz, eine Wertsteigerung möglich, weiss Knörr. Kraft seines Rufes ist er allerdings mehrheitlich für Bauherrschaften tätig, denen ihre inventarisierten Häuser mehr als blosses Investment bedeuten. Stehe dann ein Umbau an, sei eine Unterschutzstellung und damit ein detaillierter Schutzvertrag auch eine Frage des Abwägens, weiss Knörr: Mehr bauliche Freiheiten mit einem nur inventarisierten Haus gegen die finanzielle Unterstützung durch die Denkmalpflege bei einem geschützten? Dies könne schon einmal ein fünfstelliger Betrag im unteren Bereich sein – das sei natürlich auf die Totalkosten gesehen oft nicht viel, aber dennoch zu bedenken, so Knörr.
Gefragt, was er in Höngg unter Denkmalschutz stellen würde, zögert Knörr. Es gebe zum Beispiel viele dieser «Crémeschnittenhäuser», wie er die Mehrfamilienhäuser aus den 1960ern nennt, die seien kaum besonders schützenswert. Unter Schutz stellen würde er dagegen das inventarisierte Ensemble der Häuser Limmattalstrasse 106 bis 116, gleich beim Schwert hangwärts. Ebenso alle Landsitze, die es noch gibt – dabei kommt er ins Sinnieren: «Der Landsitz Bombach, der dem Pflegeheim weichen musste, das wäre heute nicht mehr möglich». Das gelbe Haus Regensdorferstrasse 19, mit der Boutique Il Punto würde er aus städtebaulichen Gründen ebenfalls unter Schutz stellen.

Ein kritischer Blick zurück

Abschliessend wirft Knörr einen kritischen Blick zurück auf den Abriss der Handwerker- und Wohnhäuser, die einst im Höngger Dorfzentrum standen und dem «Hönggermarkt» weichen mussten. Er glaubt heute, etwas über 30 Jahre später, dass wohl einige der Häuser hätten erhalten werden können, trotz vernachlässigter Bausubstanz. Man hätte den alten Dorfkern nicht fast komplett abreissen und durch in Kubatur und Gestaltung sehr ähnliche Bauten – einem «potemkinsches Dorf», wie heute noch viele beklagen – ersetzen müssen.
Der Unterschied alt zu neu ist auf der anderen Seite der Limmattalstrasse zu sehen: Die meisten der privaten Liegenschaften wurden damals abgerissen und neu aufgebaut, jene der Stadt renoviert. Dies, weil die Stadt als Eigentümerin der sogenannte «Selbstbindung» nach Paragraph 204 des Planungs- und Baugesetzes verpflichtet ist, der sie zur Schonung ihrer inventarisierten Gebäude anhält. Deshalb werden städtische Liegenschaften in der Regel nicht formell unter Denkmalschutz gestellt.

* Dendrochronologie
Jahrringforschung. Verfahren zur Bestimmung des Alters vorgeschichtlicher Funde mithilfe der Jahrringe mitgefundener Holzreste. Bei Balken wird beispielsweise eine Kernbohrung gemacht und ausgewertet.

Alle Artikel unter www.hoengger.ch/fokusthemen/ «Denkmalpflege» und unter «Baugeschichte Höngg».
Trotz mehrfachem Aufruf gelang es leider nicht, eine Bauherrschaft zu finden, die bereit war, über ihre Erfahrungen mit der Denkmalpflege zu berichten.

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9. April 2019

Printausgabe vom
11. April 2019
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