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Das menschliche Virus

25. März 2020 von

Béla Brenn, Praktikant beim "Höngger"
Foto: Bernhard Gravenkamp

Béla Brenn, Praktikant beim "Höngger"

Von

Online seit
25. März 2020

Printausgabe vom
26. März 2020
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Die Welt steht still. Das Coronavirus hat sich auf allen Kontinenten verbreitet. Die Gemütslage der Menschen reicht von Verunsicherung bis zur absoluten Panik. Trotz der Panik sollten aber Würde und Anstand nicht durch irrationalen Egoismus ersetzt werden.

In einem Zitat der legendären Science-Fiction-Trilogie Matrix heisst es über die Natur des Menschen: «Ihr seid im eigentlichen Sinne keine richtigen Säugetiere. Jedwede Art von Säuger auf diesem Planeten entwickelt instinktiv ein natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Ihr Menschen aber tut dies nicht. Ihr zieht in ein bestimmtes Gebiet und vermehrt euch und vermehrt euch, bis alle natürlichen Ressourcen erschöpft sind und der einzige Weg zu überleben ist die Ausbreitung auf ein anderes Gebiet. Es gibt noch einen Organismus auf diesem Planeten, der genauso verfährt. Wissen sie welcher? Das Virus.»
Das Zitat und der Film sind aus dem Jahre 1999. Heute passt es aber leider mehr denn je. Der Schock über das Coronavirus ist vor allem deshalb so gross, weil sämtliche Aspekte unserer Zivilisation davon betroffen sind und uns auf schmerzliche Weise unsere gnadenlose Verwundbarkeit aufgezeigt wird.
Die grösste und beinahe einzige menschliche Überlegenheit gegenüber allen anderen Spezies ist unser Gehirn. Evolutionstechnisch haben sich alle unseren anderen körperlichen Fähigkeiten stetig zurückentwickelt, da diese durch die «Macht» unseres Gehirns trivial wurden. Körperlich sind wir Menschen aber schwach, und in der Nahrungskette würde man uns ziemlich weit unten auffinden. Wir haben keine Klauen, scharfen Zähne, Fell oder sonst irgendetwas, was uns in der Wildnis beschützen würde. Und ohne unsere Medizin würden wir auch an fast jedem Virus zu Grunde gehen. Wir wären verloren ohne unser Gehirn und die dadurch entwickelten «Werkzeuge», mit denen wir sämtliche anderen Spezies dominieren und verdrängen. Die grösste Gefahr für Menschen sind prinzipiell andere Menschen. Und nun kommt aus dem Nichts ein Organismus, der nicht mal als Lebewesen klassifiziert ist, tausendmal kleiner als ein Staubkorn, und erobert die Welt im Sturm.
Der Verlust dieses unverwundbaren, gottesähnlichen Gefühls löst in vielen Menschen Panik aus. Besonders deutlich ist diese Panik hier in der privilegierten westlichen Welt zu spüren. Und am stärksten war die Panik in unseren Breitengraden in den Supermärkten zu spüren, wo die Angstbürger sich ein Gemüse-, Dosen- und Toilettenpapierlager für die nächsten fünf Jahre angelegt haben. Wie ein Virus ergreifen viele Menschen alles, was sie in die Finger bekommen. Die Corona-Situation ist sehr kritisch, aber genau in einer solchen Zeit könnte unsere westliche Gesellschaft dies als Chance sehen, daran zu wachsen und etwas mehr Würde und Anstand zu beweisen.
Vielleicht ist es langsam auch an der Zeit, dass wir uns daran gewöhnen, dass Luxus und Wohlstand nicht selbstverständlich sind und man sich längerfristig darauf vorbereiten sollte, dass es so nicht immer weitergehen wird. Das würde vieles einfacher machen.

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25. März 2020

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26. März 2020
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