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Alter

Das Leben im Augenblick

29. September 2020 von

Pflegezentrum Zürich Bombach, Haus B, Blick zur Eingangszone.
Foto: Andreas Buschmann

Pflegezentrum Zürich Bombach, Blick zur Eingangszone

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Online seit
29. September 2020

Printausgabe vom
01. Oktober 2020
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Wie gestaltet sich das Leben mit einer Demenz im Alter? Ein Besuch im Pflegezentrum Bombach in Höngg zeigt, dass das Leben trotz des Vergessens lebenswert ist.

Es sind helle Räumlichkeiten, die man beim Besuch im Haus B des städtischen Pflegezentrums Bombach in Höngg betritt. Die breiten Gänge führen immer ans Ziel, etwa in einladende Aufenthaltsräume, in Küchen mit einer Kochinsel, oder auf Terrassen, die einen weiten Blick auf das Limmattal preisgeben. Aber auch in die privaten Zimmer der Bewohner*innen. Kleine Kreidetafeln neben den Türen, individuell bemalt, weisen den Weg in die eigenen vier Wände. Denn im Haus B leben ausschliesslich Menschen mit einer Demenz.
«Es war nie unsere Intention, dass wir Menschen mit einer Demenz von den anderen hier lebenden Personen abgrenzen», sagt Slavisa Marjanovic. Er ist Pflegeexperte im Pflegezentrum Bombach und hat Einfluss auf die Pflegentwicklung. «Auch im Hauptgebäude, dem Haus A, leben Menschen mit einer Demenz», sagt er. Doch egal in welchem Gebäude: Der Gedächtnisverlust und die Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten verändert das Leben der Betroffenen massiv. Und laut Marjanovic wird deren Anzahl zunehmen. Auch deswegen wurde das Haus B speziell für deren Bedürfnisse entworfen.

Das Risiko steigt mit dem Alter
In der Tat spielt die Demenzerkrankung zunehmend eine grössere Rolle in der Gesellschaft. Die Organisation Alzheimer Schweiz wies am 21. September, dem Weltalzheimertag, erneut auf die jüngsten Zahlen hin. Aktuell leben schätzungsweise 131 300 Menschen mit Demenz in der Schweiz. Jährlich würden weitere 31 200 Personen daran erkranken. 73 Prozent der Betroffenen seien zudem Frauen, was auch auf deren höheres Lebensalter zurückzuführen ist. Die Organisation, deren Zahlen sich auf die Angaben des Bundesamtes für Statistik stützen, blickt auch in die Zukunft: Im Jahr 2050 seien voraussichtlich 315 000 Menschen an einer Demenz erkrankt.
Alzheimer Schweiz schreibt weiter, dass das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, mit zunehmendem Alter steigt. So sind nach heutigem Wissenstand beispielsweise 25 Prozent aller Frauen im Alter von 85 bis 89 Jahren an Demenz erkrankt. Bei den Männern ab 90 Jahren sind es fast 30 Prozent. Entsprechend ist Demenz ein wichtiges Thema in Pflegeeinrichtungen. Und die Krankheit hat viele Gesichter: Demenz ist lediglich der Oberbegriff für mehr als 100 verschiedene Krankheiten, welche die Funktion des Gehirns beeinträchtigen.
Eine von ihnen ist Alzheimer, die häufigste Form der Demenz, bei der fast unbemerkt die Nervenzellen und ihre Verbindungen im Gehirn absterben. «Wir erleben auch Mischformen bei Betroffenen», sagt Sven Brenner, Fachexperte für Demenz im Pflegezentrum Bombach. «Beispielsweise kommt Alzheimer oft in Kombination mit der vaskulären Demenz vor.» Das ist die zweithäufigste Demenzform, bei der Durchblutungsstörungen im Gehirn das Absterben der Nervenzellen verursachen. «Auch Alzheimer und die Lewy-Körper-Demenz treten gemeinsam auf», so Brenner. Letztere hat gewisse Ähnlichkeit zur Parkinson-Krankheit und muss separat behandelt werden.

Eine individuelle Pflegeplanung
Es gibt also nicht «die» Demenz und entsprechend nicht nur eine Behandlung. Dazu kommt, dass es bislang kein Heilmittel gibt. Dennoch können Medikamente die Entwicklung der Krankheit verzögern, beispielsweise werden Antidementiva zur Behandlung von Alzheimer eingesetzt. Nichtmedikamentöse Behandlungen wie Gedächtnistraining oder körperorientierte Therapien können auch angewendet werden. «Es gibt aber keinen typischen Verlauf einer Demenzerkrankung», sagt Brenner. Daher muss jeder einzelne Pflegeplan individuell gestaltet werden. «Es ist wichtig zu erwähnen, dass bei vielen der hier wohnhaften Personen noch eine somatische Erkrankung vorliegt. Demenz ist daher meist nur einer der Gründe für den Aufenthalt im Pflegezentrum», sagt er. Gerade Menschen mit einer Demenz in einem späten Stadium können Schmerzen aufgrund einer anderen Krankheit schwer äussern.
Die Pflege der Betroffenen ist daher ein weites Feld für Pflegefachpersonen, entsprechend wird die Krankheit bereits in der Ausbildung behandelt. «Unser Personal kann auch auf spezifische Weiterbildungen zählen», sagt Marjanovic. Etwa mit der Validation, die sowohl eine Methode als auch eine Haltung im Umgang mit Menschen mit Demenz darstellt. Deren Grundsätze sind, kurz skizziert, folgende: Die Realität des Patienten akzeptieren, Empathie zeigen und Selbstkongruenz ausstrahlen. «Diese Schulung wird zunehmend wichtiger für unsere Arbeit, dabei geht es konkret um die Sensibilisierung», so Marjanovic. Dem pflichtet auch Brenner bei: «Die Kommunikation mit Menschen mit einer Demenz ist anders, weswegen die Gefühlsebene zentral wird.»

Lebensqualität mit Demenz
Das Leben mit Demenz in einem Pflegezentrum dürfe nicht als «letzte Station» wahrgenommen werden, sagt Brenner. Er kann aber verstehen, dass sich viele vor der Diagnose fürchten. «Wir müssen den Leuten die Angst nehmen, da müssen wir ansetzen. Denn es gibt auch eine Lebensqualität mit Demenz.» Im Pflegezentrum Bombach, wo Bewohner*innen in verschiedenen Stadien der Erkrankung leben, sei das der Fall. Wie auch in anderen städtischen Zentren. «Hier kümmern sich alle umeinander und wir erleben einen engen Zusammenhalt», sagt Marjanovic.
Brenner ergänzt: «Dieses Miteinander ist die Realität, und nicht die Vorstellung, dass die Menschen den ganzen Tag still in einer Ecke sitzen». Auch dürfen sich die Bewohner*innen in den städtischen Pflegezentren auf regelmässige Veranstaltungen, Konzerte oder Spielnachmittage freuen. Für ausreichenden Zeitvertreib ist daher gesorgt. Marjanovic fügt an, dass es natürlich überall, wo Menschen zusammenleben, Konflikte gebe. «Aber das ist auch in anderen Gemeinschaften der Fall, nicht nur in Pflegezentren.»

Der richtige Zeitpunkt
Tritt eine an Demenz erkrankte Person in das Pflegezentrum ein, habe sie meist das mittlere Stadium der Krankheit erreicht, sagt Brenner. Das sei der Zeitpunkt, ab dem häufig eine 24-Stunden-Betreuung nötig wird und die Angehörigen oder die ambulante Pflege diese oft nicht mehr bewältigen können. Zudem hat jeder Mensch durch seine Krankheit eine individuelle Vorgeschichte. «Wie das Leben der Patienten vorher war, wollen wir aber nicht beurteilen. Unsere Arbeit beginnt beim Eintritt», sagt Brenner.
Zu dieser Arbeit gehört auch die Einbindung der Familie, wie Marjanovic ausführt. «Mit den Angehörigen stehen wir stets im Kontakt. Es ist eine Art Partnerschaft, die zum Pflegeberuf dazugehört.» Eine transparente Kommunikation sei daher zwingend. Sollten diese mit der Situation hadern, können sie sich an die Pflegefachpersonen wenden, sagt Brenner. «Wir haben auch eine Betriebspsychologin und zwei Sozialarbeiterinnen, die auch den Angehörigen zur Seite stehen.»
Familienmitglieder hatten es zu Beginn der ausserordentlichen Situation mit Covid-19 schwer; die Besuche in den Pflegezentren wurden drastisch eingeschränkt. Die Stimmung im Pflegezentrum selbst aber sei nicht bedrückt gewesen. «Die meisten der hier lebenden Menschen gingen erstaunlich gelassen damit um, nur wenige waren beunruhigt», sagt Brenner. Viele hätten Verständnis für die Massnahmen gehabt, einige hätten die Situation aber auch gar nicht realisiert.
Das Pflegepersonal selbst blieb trotz der Hiobsbotschaften aus den Medien motiviert. «Eine gewisse Besorgnis war da, aber es entstand keine Panik», sagt Marjanovic. Man dürfe nicht vergessen, dass das Pflegepersonal mit solchen Situationen umzugehen weiss. Dass Tragen der Maske oder verschärfte Schutzmassnahmen kommen auch in anderen Situationen vor. Trotzdem standen die Pflegefachpersonen zu Beginn der Pandemie im verdienten Licht der Öffentlichkeit. Auch in Höngg traten im März die Menschen auf den Balkon und spendeten Applaus. Brenner beurteilt diese Anerkennung zurückhaltend: «Der Beifall war schön, aber bitte verstehen sie mich nicht falsch, wir haben bereits vor dem Corona-Virus wichtige Arbeit geleistet, aber da hat niemand geklatscht.»

Im Hier und Jetzt
Im Pflegezentrum Bombach sind – wie in allen städtischen Pflegezentren – die Besuche dank eines Schutzkonzepts mittlerweile wieder zugelassen und in den Häusern A und B geht der Alltag wie gewohnt weiter. «Wir konzentrieren uns auf das Hier und Jetzt», sagt Brenner. Sein Kollege Marjanovic hofft derweil, dass Menschen mit einer Demenz ihre Aussenseiterrolle in der Gesellschaft bald verlieren. «Wir werden immer älter, das zeigt die demografische Entwicklung. Demenz gehört zu unserem Leben, wir müssen sie daher akzeptieren, nicht stigmatisieren.» Am Ende spielt in der Pflege mit an Demenz erkrankten Menschen eines eine wichtige Rolle: Das Leben im Augenblick. «Das gelingt», wie Brenner und Marjanovic versichern.

 

Das Pflegezentrum Bombach in Zürich-Höngg ist eines von acht Pflegezentren der Stadt Zürich. Eröffnet wurde es im Jahr 1965. Es besteht aus dem Haus A, dem markanten neunstöckigen Gebäude, sowie dem im Januar 2019 eröffneten Haus B, das architektonisch und betrieblich ganz auf die Bedürfnisse von Demenzerkrankten ausgerichtet ist. Neben diesen spezialisierten Abteilungen bietet es mit seinen insgesamt 150 Betten auch ein Angebot für die Langzeitpflege und für Palliative Care, sowie ein ambulantes Tagesangebot.

Auch jüngere Personen sind betroffen
Am 21. September wurde der Weltalzheimertag begangen. Die Organisation Alzheimer Schweiz hat an diesem Tag nicht nur auf aktuelle Zahlen hingewiesen (zu lesen im Hauptartikel), sondern weiter darauf aufmerksam gemacht, dass auch jüngere Personen vor dem 65. Lebensjahr an Demenz erkranken. Schweizweit seien 7500 Menschen im erwerbsfähigen Altern von der Krankheit betroffen. Das sind sechs Prozent aller Menschen mit Demenz. Sie und ihre Arbeitgeber stehen vor besonderen Herausforderungen. Alzheimer Schweiz hat aus diesem Grund die Broschüre «Demenz und Arbeitsleben»“ veröffentlicht. Sie wurde gemeinsam mit Demenzerkrankten erarbeitet und richtet sich an Vorgesetzte, HR-Verantwortliche und Arbeitnehmende. Die Broschüre steht als Download auf der Website von Alzheimer Schweiz (www.alz.ch) bereit.

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