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Dorfleben

Das heilende Haustier

27. Mai 2020 von

Die Nähe zu einem Tier hilft gegen Einsamkeit. Auch das Fell der Tiere spielt dabei eine wichtige Rolle.
Foto: Béla Brenn

Die Nähe zu einem Tier hilft gegen Einsamkeit. Auch das Fell der Tiere spielt dabei eine wichtige Rolle.

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Online seit
27. Mai 2020

Printausgabe vom
28. Mai 2020
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Die Coronazeit ist schwierig. Viele Menschen kämpfen mit Depressionen, Einsamkeit und Angstzuständen. Besonders in solchen Zeiten können Haustiere eine grosse Hilfe sein und unter Umständen sogar Leben retten.

Es gibt Tage, die kein Ende nehmen wollen. Die Coronazeit lähmt die Welt. Die drastische Reduzierung sozialer Kontakte schmerzt. Je länger je mehr drückt dies auch auf die psychische Gesundheit vieler Menschen. Depressionen und Angstzustände mehren sich.
Ines Grämiger hat eine psychotherapeutische Praxis in Höngg. Für Menschen, die bereits vor Corona mit Problemen zu kämpfen hatten, hat sich die Situation verschlimmert. «Viele Personen mit Angstzuständen leiden bereits im Normalzustand an inneren, imaginären und irrealen Ängsten. Durch Corona kommt nun eine reale äussere Bedrohung hinzu. Das kann Depressionen und Angstzustände verstärken», sagt die Psychotherapeutin aus Höngg.
Ein grosses Problem bei Corona ist vor allem, dass es eine unsichtbare Gefahr ist. «Beim Angriff eines wilden Tieres hat man zumindest die Macht der Handlungsfähigkeit, da die Bedrohung sichtbar und mithin teilweise kontrollierbar ist. Man kann schreien oder davonlaufen und auf die Gefahr reagieren. Bei einem Bedroher wie dem Virus, das man nicht einmal sehen kann und das überall sein könnte, verliert man diese Macht und Kontrolle über die Situation und gerät in eine totale Ohnmacht und Verunsicherung», erklärt Grämiger.

Trostspender und Sozialkompetenz-Trainer

Ein Wermutstropfen gegen die psychische Belastung sind für viele Menschen Haustiere. Angela Beltracchi hat eine Kleintierpraxis in Höngg. Die Tierärztin weiss, dass Haustiere sehr wichtig sein können für die psychische Gesundheit. Verschiedene Haustiere können dabei eine unterschiedlich wichtige Bedeutung einnehmen. «Hunde helfen besonders stark bei der Förderung der Sozialkompetenz. Man geht raus und kommt automatisch mit Leuten ins Gespräch, da diese weniger Hemmungen haben, eine Person mit einem Hund anzusprechen», sagt Beltracchi. In einer Zeit mit sehr wenig sozialem Austausch kann ein solches Gespräch mit fremden Personen sehr belebend sein.
Bei anderen Haustieren fällt dieser Aspekt zwar weg, dennoch spenden sie Trost und können wichtig sein für die psychische Gesundheit ihrer Besitzer*innen. Beltracchi erklärt den positiven Einfluss von Haustieren auf unsere Gesundheit so: «Tiere geben einem das Gefühl, gebraucht zu werden und wichtig zu sein. Sie schaffen Tagesstrukturen und helfen uns gegen das Gefühl der Einsamkeit.»
Diese von Beltracchi genannten Faktoren spielen besonders in der Coronazeit eine wichtige Rolle. Denn durch Corona sind bei vielen Menschen Tagesstrukturen verloren gegangen. Man sitzt alleine zu Hause, und soziale Kontakte sind auf ein Minimum reduziert.

Haustiere können Leben retten

Der Entzug von physischem Körperkontakt kann unter Umständen sogar lebensbedrohend werden. Auch Grämiger weiss, wie wichtig Nähe und Wärme sein können: «Menschen brauchen Körperkontakt. Säuglinge können ohne diesen körperlichen Kontakt sogar sterben und vergleichsweise ähnlich kann es alten, kranken und isolierten Menschen ergehen», sagt die Psychotherapeutin.
Weil die Abstandsregel aber nicht für Haustiere gilt, kann sich ein solches also unter Umständen zur einzigen Berührungsquelle einer Person entwickeln und überlebenswichtig werden. Auch für Grämiger ist klar, dass Haustiere eine enorme Hilfe sein können für die psychische Gesundheit von Menschen. Doch nicht jedes Haustier hat denselben Stellenwert: «Natürlich kann man auch zu einem Fisch oder Alligator eine emotionale Beziehung aufbauen. Jedes Haustier kann in gewisser Weise eine Hilfe sein. Zusätzlich zur Beziehung zu etwas Lebendigem sind jedoch Berührungen und Zärtlichkeiten extrem wichtig und können nicht von jedem Tier im gleichen Masse erfüllt werden.»

Das Fell und andere Faktoren

Ein besonders wichtiger Aspekt ist dabei das Fell. Gemäss Grämiger reagieren Menschen äusserst positiv auf die Berührung von Fell. Je weicher das Fell, desto höher sei das Gefühl der Zärtlichkeitsbefriedigung. Das Fell ist aber nur ein Faktor, und auch bei befellten Haustieren gibt es grosse Unterschiede in der Wirksamkeit der psychologischen Hilfe. Ebenso wichtig wie das Fell ist die Interaktion mit dem Tier. Demnach können Katzen oder Hunde eine viel stärkere Unterstützung gegen Depressionen, Einsamkeit und Angstzustände sein als Hasen, Hamster und andere Kleintiere. «Katzen und Hunde verfügen über eine extreme Vielfalt an Reaktions- und Interaktionsmöglichkeiten mit Menschen», erklärt Grämiger. Die Interaktion ist von gegenseitiger, aktiver Natur. Katzen und Hunde haben die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse und Gefühlslage den Menschen mitzuteilen. Einerseits durch ihre Körpersprache, andererseits aber auch durch Töne wie das Miauen, Schnurren und Bellen. Ein Hamster beispielsweise hat viel mehr Mühe mit dieser Form der differenzierten Interaktion.

Die «Büsi» im Altersheim

Margrit Reithaar lebt seit neun Jahren in der Hauserstiftung. Dort leben auch zwei Katzen. Die Bewohner*innen des Altersheims haben viel Freude an den Tierchen. Sie springen auf den Schoss, wollen gestreichelt werden und verbringen viel Zeit mit den Menschen. Seit die Coronapandemie begonnen hat, sind keine auswärtigen Besuche mehr möglich. Eine Katze ist deshalb eine schöne Bereicherung des Alltags.
Reithaar hat einen guten Draht zu den «Büsi» im Altersheim: «Eine der beiden Katzen kommt oft zu mir. Manchmal miaut sie vor meiner geschlossenen Tür, weil sie zu mir ins Zimmer kommen will», erzählt Reithaar.
In ihrem Zimmer hat Reithaar auf einem Sessel eine Decke ausgelegt. Das ist der Lieblingsplatz des kleinen Vierbeiners. Die 89-jährige Urhönggerin hatte schon immer Freude an Katzen. Besonders gefällt ihr auch die Selbstständigkeit des Tieres. «Um eine Katze muss man sich nicht immer kümmern wie um andere Tiere. Oft ist die Katze auch einfach bei mir im Zimmer und schläft, und es ist schön, wenn sie einfach da ist. Eine direkte Interaktion braucht es nicht immer.»
Menschen haben zu verschiedensten Haustieren aus den unterschiedlichsten Gründen grosse Zuneigung. Aber egal, ob im Altersheim oder zu Hause, Fakt ist: Haustiere bereichern das Leben von ganz vielen Menschen und können an einem traurigen Tag die kleine, pelzige (oder auch unpelzige) Freude sein, die es braucht, um den Tag zu versüssen.

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27. Mai 2020

Printausgabe vom
28. Mai 2020
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