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Das Geheimnis des Glücks

23. Februar 2021 von

Lena de Carli geniesst es sehr, direkt an der Limmat zu wohnen.
Foto: zvg

Lena de Carli geniesst es sehr, direkt an der Limmat zu wohnen.

Von

Online seit
23. Februar 2021

Printausgabe vom
25. Februar 2021
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Lena De Carli steht mit beiden Beinen im Leben, ist beruflich erfolgreich und freut sich auf ihr erstes Kind. Es gab Zeiten, da war sie auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, doch mittlerweile hat sie für sich die Antwort gefunden.

Geboren bin ich 1986 in Moskau, damals noch in der Sowjetunion. Als ich sechs Jahre alt war, zog ich mit meiner Familie in die Ukraine um, wo ich den Rest meiner Kindheit und Schulzeit verbrachte. Dort besuchte ich auch die Uni und studierte Lebensmittelingenieurin. Anschliessend kam ich in die Schweiz, wo ich den Master in «Lebensmittelengineering» absolvierte. Ich begann beim Migros Genossenschaftsbund als Lebensmittelingenieurin zu arbeiten und war zuständig für Qualitätsmanagement und Fachspezialistin für Qualitätssicherheit bei Lebensmitteln.

 

Das kann doch nicht alles sein?

Im Jahr 2015 überfiel mich so etwas wie eine Existenzkrise. Ich hatte eigentlich alles: war verheiratet, mein Job war interessant und befriedigend und ich verdiente darüber hinaus noch einigermassen gutes Geld. Doch ich war nicht wirklich zufrieden. Ich war bis dahin immer fleissig und «brav» gewesen, hatte Schule und Studium absolviert, meinen Job gefunden, ich habe immer funktioniert. In Russland und in der Ukraine zählte stets die Leistung und auch hier in der Schweiz empfand ich den Druck, erfolgreich zu sein, als sehr gross. Aber obwohl mir das alles gut gelang, wollte sich das wahre Glück nicht einstellen. Irgendetwas in mir drin fragte sich: «Das kann doch nicht alles sein?» Also machte ich kurzen Prozess: Ich kündigte meinen Job, packte all mein Geld zusammen und machte mich auf die Reise. Auch von meinem Mann trennte ich mich, wir waren einfach an anderen Punkten in unserem Leben und konnten nicht verstehen, was der jeweils andere gerade für Bedürfnisse hatte.
Ein halbes Jahr verbrachte ich in Indien in einem Ashram und versuchte, dort Antworten auf meine Fragen zu finden, doch trotz stundenlangen Meditationen funktionierte das nicht wirklich. Ich reiste weiter nach Indonesien, Dubai, Griechenland, Schweden sowie Spanien und verbrachte schliesslich noch eine längere Zeit bei meinen Eltern in der Ukraine. Die Reise war sehr spannend und hat mir gutgetan, aber mein eigentliches Ziel erreichte ich nicht.  

 

Das Glück liegt nicht in der Fremde

Im Dezember 2016 kam ich zurück, ohne «Erleuchtung», aber auch ohne all mein Geld. Doch das Glück fand auch so zu mir: Ich konnte an meine berufliche Erfahrung anknüpfen und wieder bei Migros anfangen. Seither bin ich dort für die Qualitätssicherung in der Genossenschaft Migros Zürich zuständig. Ich fand eine schöne Wohnung in Höngg, an der Bombachhalde, direkt an der Limmat, wo ich sehr glücklich bin. Die Lage ist einmalig und auch die Nachbarschaft ist toll – eine grosse Gemeinschaft, man kennt sich, unterstützt sich und interessiert sich füreinander. Und ein Jahr, nachdem ich von meinen Reisen zurückgekommen war, lernte ich meinen jetzigen Partner kennen. Direkt vor meinem Haus, an der Grillstelle, wo sich immer die ganze Nachbarschaft trifft, begegneten wir uns zum ersten Mal – und es war wohl so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Am gleichen Abend noch gingen wir zusammen aus, zum Abendessen in ein Restaurant. Am nächsten Tagen trafen wir uns wieder und verbrachten zehn Stunden damit, uns unser Leben zu erzählen. Anschliessend musste ich für ein paar Tage verreisen. Als ich zurückkam, holte er mich vom Flughafen ab – und seither haben wir jeden Tag miteinander verbracht.

 

Eine Frage der Einstellung

Mittlerweile habe ich auch meine Balance vollkommen wiedergefunden und verstanden, dass es der eigene Blickwinkel, der eigene Fokus ist, der für das Glück ausschlaggebend ist. Ich habe erkannt, dass in jeder Situation unseres Lebens, zumindest unseres äusserst privilegierten Lebens hier in der Schweiz, 90 Prozent Gutes und höchstens 10 Prozent Schlechtes steckt. Ich habe beschlossen, mich auf das Gute zu fokussieren. Es gibt so viele Gründe, dankbar und zufrieden zu sein, dass ich mich ganz einfach darauf konzentriere und das Grübeln abstelle.
Das kleine Glück finde ich jetzt neben dem Alltag beispielsweise auch im kleinen Schrebergarten, den ich mit meinem Mann vor kurzem von einer Nachbarin übernehmen konnte. Wir geniessen es, hier zu basteln und zu werken und unser eigenes Gemüse anbauen zu können. Auch die Grillsaison haben wir hier dieses Jahr schon eröffnet.
Entspannen kann ich in meiner Freizeit auch, indem ich male, einfach so, was mir gerade einfällt. Das mache ich sehr gerne. Und in meinen letzten Ferien habe ich ein ganz neues Hobby entdeckt: gemeinsam mit einer Freundin, die ich dort kennengelernt habe, studiere ich nun regelmässig die Bibel. Das ist ein Buch, das nicht nur aus religiöser, sondern auch aus geschichtlicher Perspektive sehr aufschlussreich ist. Indem ich mich intensiv damit auseinandersetze, mit meiner Freundin diskutiere und versuche zu verstehen, was dort geschrieben steht, lerne ich sehr viel über die damalige Zeit und erkenne Zusammenhänge, die ich früher nie gesehen habe.

 

Neues Abenteuer

Und nun kommt im August ein ganz neuer Lebensabschnitt und ein ganz neues, für mich bis jetzt noch unbekanntes, Glück auf mich zu: Ich werde zum ersten Mal Mutter. Ich freue mich sehr auf das Kind und bin gleichzeitig unglaublich gespannt, was da auf meinen Partner und mich zukommt.

 

In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Unscheinbaren, in Menschen «wie du und ich». 
Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

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23. Februar 2021

Printausgabe vom
25. Februar 2021
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