Kultur
«Das Fundament ist die Realität»
Das ScarFuso’s Figurentheater in Unterengstringen ist auch im Kreis 10 und darüber hinaus bekannt. Einer der kreativen Köpfe ist Hans Jörg Raaflaub, der sein Buch «Wir küssen uns auch im Winter» veröffentlicht hat.
30. März 2025 — Daniel Diriwächter
Sein Name ist Merlin, ein scheuer, introvertierter Junge aus Bern. «Ein Strich in der Landschaft», sagte er selbst. Aber Merlin lässt sich nicht beirren, trotz allem. Er ist ein Tagträumer und das Theater zieht ihn magisch an. Das lebt er schon in der Kindheit mit Verkleidungen aus, das Weibliche stand dabei oft im Vordergrund. Als junger Mann wird er Frisör, die Suche nach Liebe wird zentral. Doch in Merlins Leben gibt es auch Geister und Hexen – existieren sie wirklich? Was traut sich Merlin zu? Und was wird er erreichen?
Der Roman «Wir küssen uns auch im Winter» erzählt diesen Lebensweg. Geschrieben hat ihn Hans Jörg Raaflaub, bekannt durch das ScarFuso’s Figurentheater in Unterengstringen, das er seit rund zehn Jahren mit Werner Isenring leitet.
Es ist keine rein fiktive Geschichte: «Das Fundament ist die Realität», sagt Raaflaub. Denn: Er ist Merlin. «Der Roman ist autobiografisch, aber mit erfundenen Passagen. Im Grunde folgt der Protagonist meinem Weg von der Geburt bis zur Gegenwart.»
Zwischen Fiktion und Realität
Wir erfahren, wie Raaflaubs Kindheit in Bern war. «Ich habe mich lange als Verlierer gefühlt, war emotional und ängstlich. Zudem war ich ein Einzelgänger», sagt er. Die Pubertät bezeichnet er als «hundertfache Entdeckungsreise». Sein Vater war für seine Fröhlichkeit bekannt, aber zu Hause entpuppte er sich unter Alkoholeinfluss als Choleriker. Dessen Aggressionen machten vor Raaflaub nicht halt. Dennoch blieb er zuversichtlich. Auch dank seiner Träume: Wie eingangs erwähnt wollte er auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Als junger Mann nahm er Schauspielunterricht und war Statist im Berner Stadttheater.
«Aber dann kam der Punkt, an dem ich Geld verdienen musste, also wurde ich Frisör.» Auch sein Bruder erlernte diesen Beruf. Gemeinsam machten sie sich mit einem Salon am Kornhausplatz einen Namen. «Das war eine gute Zeit. Wir waren zentral gelegen, hatten eine feste Kundschaft, Damen und Herren.» Als der Vater früh an einem Krebsleiden starb, wurde der Kontakt zur Mutter und seinem Bruder noch enger. Sie lebten einige Jahre gemeinsam im selben Haus. «Nach dem Tod meiner Mutter fragte ich mich jedoch immer wieder: Da muss doch mehr sein», erinnert sich Raaflaub.
All das erhält im Buch einen fantastischen Anstrich. «Merlin hat immer wieder Begegnungen mit Geistern und Hexen», sagt der Autor. «Ich hatte stets eine Verbindung zu einer anderen Welt, denn ich habe eine ungeheure Fantasie – was nicht nur positiv ist.» Ein roter Faden im Buch ist auch die Suche nach Liebe: Als homosexueller Mann war es in den 1970er-Jahren nicht einfach, jemanden kennenzulernen. Dating-Apps gab es nicht, und Raaflaub war nicht der Typ, der sich in Bars oder Clubs aufhielt.
Das Schreiben und die Gegenwart
«Seit meinem 40. Lebensjahr habe ich immer wieder meine Erinnerungen notiert», erzählt Raaflaub. Vor zwei Jahren sei es wie eine Eingebung gewesen, er begann zu schreiben: «Es hat sich entwickelt und verselbstständigt.» Vielleicht habe er auf diese Weise vieles verarbeitet, auch das Negative. «Aber so musste mein Leben wohl sein, und ich habe viel Schönes und auch viel Glück erlebt.»
So leitete ihm das Theater den Weg: Bereits Mitte der 1980er-Jahre begann er mit dem Marionettenspiel. Ohne formale Ausbildung entwickelte er dieses Talent weiter, schrieb Stücke und kreierte Puppen selbst – von der Fadenmarionette bis zur zwei Meter grossen Figur.
Und schliesslich fand er das grosse Glück: Vor rund 15 Jahren traf er auf seinen Partner. Beide leiten heute das Figurentheater. «Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich einmal in Zürich leben, verheiratet sein und ein eigenes Theater führen würde, hätte ich es nicht geglaubt.» Doch genau so kam es.
Das Buch
Hans Jörg Raaflaub
«Wir küssen uns auch im Winter»
Verlag Novum Pro
ISBN 978-3-99146-629-1
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