Das «Fröntlerhaus» im Heizenholz

Vor 80 Jahren wurde das «Fröntlerhaus» beim heutigen Wohn- und Tageszentrum Heizenholz von den reichsdeutschen Nationalsozialisten in Beschlag genommen

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Einsam stand das Haus damals ganz aussen an der Regensdorferstrasse, beim heutigen Wohn- und Tageszentrum Heizenholz, am Waldrand. Es war vor dem Restaurant Grünwald das letzte Haus am Stadtrand Zürichs, in welches Höngg 1933 eingemeindet worden war. Seit 1905 hatte hier ein Bauernhaus gestanden. 1932 kaufte es der Architekt Walter Wehrli und errichtete an seiner Stelle ein selbst gestaltetes Landhaus. Die «Villa Wehrli» war in einem eigentümlich modernistischen Stil gehalten, mit Renaissance-Möbeln gediegen eingerichtet und verfügte über einen stattlichen Umschwung von 60 Aaren Land. Wehrli wohnte mit seiner Frau Marie Ella, genannt Mariell, bis im Mai 1941 in dem herrschaftlichen Haus. Damals tobte in Europa der Krieg. Hitler-Deutschland hatte den halben Kontinent unterworfen. Seit Herbst 1939 war die Schweizer Armee zum Grenzschutz mobilisiert. Auch im Landgut beim Heizenholz waren zeitweilig Wehrmänner einquartiert. Am 25. Dezember 1939 organisierten die Wehrlis für eine ganze Kompanie Soldaten eine grosszügige Weihnachtsfeier.

Kontakte zur rechtsradikalen «Frontenbewegung»

Dem Ehepaar Wehrli wurde aber auch nachgesagt, der sogenannten Frontenbewegung nahezustehen. Daher kommt auch der damalige Spitzname «Fröntlerhaus», der in Höngg noch heute geläufig ist. Viele dieser rechtsextremen Gruppierungen – «Fronten» – sympathisierten mit dem nationalsozialistischen Deutschland und wollten, dass sich die Schweiz im «Neuen Europa» der Nazis einordne. Im November 1940 verbot der Bundesrat die frontistische «Nationale Bewegung der Schweiz». Doch in der Illegalität formierten sich bald zahlreiche Ersatzorganisationen. Der Nachrichtendienst der Kantonspolizei befasste sich deshalb sehr genau mit den Leuten, die im «Fröntlerhaus» ein- und ausgingen. Walter Wehrli galt als «nationalsozialistisch gesinnt» und seine Frau Mariell, Kunstmalerin und Autorin, bezeichnete sich offen als «durchaus deutschfreundlich».
Gemäss Polizeiakten waren bei den Wehrlis Vertreter der Gruppierungen «Freunde Deutschlands», «Bund treuer Eidgenossen nationalsozialistischer Weltanschauung» und der «Eidgenössischen Sammlung» zu Gast, die den Anschluss der Schweiz an Nazi-Deutschland befürworteten. Der rechtsradikale Publizist René Sonderegger wohnte während Wochen in der Villa Wehrli und hielt dort Vorträge an Zusammenkünften. Wehrlis planten die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift, «Volk und Leben»; Sonderegger war als Redaktor vorgesehen. Über Sonderegger verkehrten sie auch mit dem deutschen Verleger Hans Weitpert, der später der Spionage gegen die Schweiz bezichtigt und in Zürich verhaftet wurde. Alarmierend war für die Militärbehörden, dass Wehrli als Architekt für das Stadtkommando Zürich beim Bau von Befestigungsanlagen im Gebiet um den Hauptbahnhof bis zum Escher-Wyss-Platz arbeitete. Schliesslich wurde im Mai 1941 bekannt, dass Wehrli sein Landhaus per 1. Juni an die «Deutsche Kolonie» vermietete, also an die Vereinigung der in der Schweiz ansässigen Deutschen. Diese wollten die exklusive Idylle am Höngger Waldrand als «Kameradschaftshaus» für gesellschaftliche und sportliche Anlässe nutzen.

Dringender Verdacht auf «staatsgefährliche Umtriebe»

Als die Bundesanwaltschaft für den 10. Juni 1941 eine das ganze Land umspannende Polizeiaktion gegen rechtsextreme Gruppierungen einleitete, wurde auch gegen Walter und Mariell Wehrli sowie René Sonderegger ein Verfahren wegen «dringenden Verdachts der Widerhandlung gegen den Bundesratsbeschluss betr. Massnahmen gegen staatsgefährliche Umtriebe und zum Schutze der Demokratie» eingeleitet. In den frühen Morgenstunden rückten sieben Polizeibeamte mit einem Dienstwagen Richtung Höngg aus. Wehrlis und Sonderegger wurden in einem Bauernhaus weiter unten an der Regensdorferstrasse, in dem sie nun wohnten, festgenommen und verhört. Die drei stritten jegliches staatsfeindliche Handeln ab. Sie seien deutschfreundlich, aber keine Nazis. Ganz im Gegenteil, sie gaben sich als gute Patrioten. Sie hätten versucht, die «Fröntler» davon zu überzeugen, dass die Schweiz nicht ins «Dritte Reich» eingegliedert werden dürfe. In Deutschland wollten sie das Verständnis für die Schweiz und ihre Eigenart wecken. Das Landhaus hätten sie aus Geldnot an die Deutsche Kolonie vermietet. Da ihnen kein Gesetzesverstoss nachgewiesen werden konnte und auch das anlässlich der Hausdurchsuchung beschlagnahmte Material sich als nicht derart belastend erwies, wurden Wehrlis und Sonderegger aus der Haft entlassen und das Verfahren wurde eingestellt.

Das neue «Kameradschaftshaus der Deutschen Kolonie»

Die rund 25 000 Mitglieder zählende Deutsche Kolonie in der Schweiz stand fest unter der Kontrolle der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Ihr Vorsteher war der NSDAP-Landesgruppenleiter – also der oberste Nazi-Funktionär in der Schweiz – Freiherr Sigismund von Bibra, der gleichzeitig Botschaftsrat bei der deutschen Gesandtschaft in Bern war. Obwohl der Staatsschutz die Aktivitäten der Kolonie mit Besorgnis verfolgte, war den Behörden klar, dass der Umgang mit ihr direkte Auswirkungen auf die Beziehungen der Schweiz zum Deutschen Reich hatte. Dieses ambivalente Verhältnis zeigt sich exemplarisch an der sehr rasch in die Wege geleiteten Eröffnungsfeier des Kameradschaftshauses am 14. Juni 1941. Die Kolonie richtete für die Feriengäste einen Schlafsaal mit rund 30 Betten in der Villa Wehrli ein. Der Bezug von Textilwaren war jedoch aufgrund der Kriegslage streng rationiert. Die Organisatoren stellten deshalb ein Ausnahmegesuch für den Kauf einer grösseren Menge von Bett- und Haushaltswäsche. Diensteifrig bewilligte das Kriegs-, Industrie- und Arbeitsamt in Bern, nach Rücksprache mit der Polizeidirektion des Kantons Zürich und der Bundesanwaltschaft, das sehr kurzfristig eingereichte Gesuch und übersandte noch am Vorabend der Eröffnung «per Express die zum Bezuge der angeforderten Textilwaren notwendigen Zusatzscheine».
Ebenso kurzfristig war die Einladung zum Eröffnungsfest, die Freiherr von Bibra – wohl als Dank für die reibungslose Abwicklung der Angelegenheit – an den Vorsteher der Zürcher Polizeidirektion, Regierungsrat Robert Briner, sandte. Briner liess sich «gütigst entschuldigen», kündigte jedoch gegenüber dem deutschen Diplomaten einen hoffentlich baldigen Besuch des Kameradschaftshauses an, «dessen Einrichtung und Zweck mich in hohem Masse interessieren».

Fortsetzung folgt im Höngger vom 1. Juli 2021.

Gastbeitrag von Thomas Bürgisser

Quellen
* Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung über die antidemokratische Tätigkeit von Schweizern und Ausländern im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen 1939-1945, in: Bundesblatt vom 4. Januar 1946
* Christof Wamister: Zwischen Freiwirtschaft und Fronten, in: Appenzellische Jahrbücher (2016)
* Schweizerisches Bundesarchiv, Dossiers E9010#1968/239#28*
* Staatsarchiv des Kantons Zürich, Dossier Z 6.3715

Zum Autor
Thomas Bürgisser ist Historiker und lebt in Höngg. Er hat für den «Höngger» bereits einen Artikel zu den Fliegerbomben auf Höngg geschrieben. (Erschienen am 17. Dezember 2020)

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