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Alter

«Das Alter ist für mich keine Herausforderung»

29. September 2020 von

Angela Schulthess-Vogler: Musik und ein enger Familienzusammenhalt sind ihr Rezept für ein erfülltes Leben.
Foto: Dagmar Schräder

Angela Schulthess-Vogler: Musik und ein enger Familienzusammenhalt sind ihr Rezept für ein erfülltes Leben.

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Online seit
29. September 2020

Printausgabe vom
01. Oktober 2020
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Im dritten und letzten Teil der Gespräche zum Thema «Alter» hat der «Höngger» die «Tertianum Residenz Im Brühl» besucht. Angela Schulthess-Vogler berichtet nicht nur aus ihrem bewegten Leben, sondern erklärt auch, wie sie mit dem Älterwerden umgeht.

Angela Schulthess-Vogler hat in ihrem Leben schon so einiges gesehen und erlebt. Die 90-jährige, gebürtige Ungarin musste Mitte der 50er-Jahre ihre Heimat und Familie in Ungarn verlassen und reiste als Flüchtling nach Österreich – versteckt im Hohlraum eines Heuwagens. Von Österreich führte sie ihr Weg in die Schweiz, aufgrund ihrer guten Deutschkenntnisse konnte sie als Dolmetscherin für die Flüchtlingshilfe einreisen. Als junge Frau ganz alleine in der Schweiz lernte sie, sich hier zurechtzufinden und sich eine eigene Existenz aufzubauen. Sie besuchte die Handelsmittelschule und schloss mit der Matur ab, verliebte sich in einen Schweizer, gründete eine Familie. Lange Jahre lebte sie mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Altstetten, doch ihren Alterswohnsitz verlegte sie nach Höngg. Seit 12 Jahren wohnt sie nun in Tertianum im Brühl – und fühlt sich wunderbar.

Unabhängig bleiben und trotzdem Sicherheit geniessen

Für das Tertianum hat sie sich ganz bewusst entschieden. Gemeinsam mit ihrem Mann machte sie sich vor rund 15 Jahren auf die Suche nach einem schönen Altersheim. «Wichtig war uns vor allem, dass wir eine Einrichtung finden, wo wir eine eigene Wohnung haben und nicht im gleichen Zimmer wohnen und schlafen müssen. Überzeugt hat uns auch, dass die Appartements hier eine eigene Küche haben, Frühstück und Abendessen kann man selbst zubereiten», berichtet sie. Für diese Vorteile waren sie gerne bereit, etwas mehr zu investieren als in anderen Einrichtungen. Also liessen sie sich in der «Residenz Im Brühl» auf die Warteliste setzen. Dreimal wurde ihnen eine Wohnung angeboten, dreimal lehnten sie ab – es sei noch zu früh, meinte ihr Mann. Doch dann wurde das Haus, in dem sie 46 Jahre lang gewohnt hatten, saniert, es blieb nur der Auszug, entweder in eine vorübergehende Wohnung oder in die Altersresidenz. Sie fragten im Tertianum nach und hatten Glück: innerhalb von drei Monaten konnten sie einziehen. Vor zehn Jahren verstarb ihr Mann, seither lebt sie alleine in dem 2.5-Zimmer-Appartement.

Auf keinen Fall zur Last fallen

Eine andere Wohnform als diese käme für sie im Alter nicht in Betracht. Klar, in jüngeren Jahren hat sie sich wie viele andere auch Sorgen darüber gemacht, wie das wohl wird im Alter: «Man hört ja so viel Schlechtes über Altersheime. Aber ehrlich gesagt: ich hätte mir nie vorstellen können, dass es mir mal so gut gehen wird», erklärt sie. «Wenn ich alleine sein möchte, dann kann ich mich in meine Wohnung zurückziehen. Gleichzeitig erhalte ich hier alle notwendige Unterstützung, die ich brauche und bin in Gesellschaft, wenn mir danach ist», schwärmt sie. So wie ihre Eltern zu Hause alt zu werden und zu sterben, das käme für sie nicht in Frage. Auf keinen Fall möchte sie ihren Kindern zur Last fallen: «Früher, als meine Eltern alt wurden, war es eine Schande, wenn die älteren Menschen ins Altersheim gehen mussten. Diese galten allgemein als Armenheime. Doch heute ist es ja kaum mehr möglich, in den Mietwohnungen noch eine oder zwei Personen mehr aufzunehmen, wenn die Eltern Unterstützung benötigen.» Ausserdem seien ältere Menschen ja oft nicht ganz einfach in ihren Ansprüchen und im Umgang mit der jüngeren Generation, welche wiederum oft Mühe habe, sich auf die Bedürfnisse der Eltern einzulassen. «Ich für meinen Teil würde jedenfalls das gute Verhältnis zu meinen Kindern nicht dadurch belasten wollen, dass ich bei ihnen lebe und auf ihre Hilfe angewiesen bin», so Schulthess-Vogler weiter.

Nicht ohne ihre Familie

Nichtsdestotrotz ist und bleibt ihre Familie das allerwichtigste in ihrem Leben, «sie ist mein eigentliches Zuhause», so Schulthess-Vogler. Sie hat regelmässigen Kontakt zu den zwei Töchtern und den fünf Enkel*innen. Gerade hat sie ihren 90. Geburtstag nachgefeiert, «da kamen alle vorbei. Die haben schon lange vorbereitet und geübt, denn wenn wir beisammen sind, wird immer intensiv musiziert», freut sie sich. In der Altersresidenz pflegt sie zwar auch viele Kontakte und Freundschaften, kennt die meisten der Bewohner*innen und trifft sich regelmässig mit einer Gruppe von ihnen zu Gesellschaftsspielen. Doch manchmal, so sagt sie, kann sie sich immer noch nicht ganz an die zurückhaltende Art vieler Schweizer*innen gewöhnen: «Wir Ungar*innen sind da oft schon ganz anders. Wir sind laut und lustig und nehmen kein Blatt vor den Mund. Ich bin schon oft in Fettnäpfchen getreten hier in der Schweiz.» Mit den Verwandten ist das einfacher, da muss sie nicht befürchten, jemandem zu nahe zu treten.

Akzeptieren, was nicht zu ändern ist

Es sind nicht zuletzt der gute Zusammenhalt innerhalb der Familie und das Gefühl, reichhaltige schöne Erfahrungen gemacht zu haben und im Leben nichts verpasst zu haben, die dafür sorgen, dass Schulthess-Vogler mit dem Altern kein grosses Problem hat. «Ich finde es überhaupt nicht schwierig, älter zu werden», versichert sie und ergänzt: «Alt werden ohne irgendwelche Gebrechen, das geht halt nicht. Da muss man einfach akzeptieren und annehmen, was nicht zu ändern ist. So ist mein Naturell. Wichtig ist mir, dass mein Kopf immer noch gut funktioniert.» Das tut er bis jetzt auf jeden Fall. Das Gehör und die Augen sind nicht mehr so gut, zum Laufen benötigt sie einen Rollator, doch ihren Papierkram, den erledigt sie nach wie vor selbstständig.
Auch Angst vor dem Tod kennt sie nicht. «Es ist ja klar, dass das hier die Endstation meines Lebens ist», erklärt sie. Sie setzt sich viel mit dem Tod auseinander und hat bereits alles geregelt. «Es ist keine Frage, ob ich sterbe, sondern nur wie ich sterben werde. Da beruhigt es mich sehr, hier zu leben und zu wissen, dass ich – ausser es treten medizinische Notfälle auf – in meiner Wohnung bleiben kann bis zum Schluss, betreut vom Pflegepersonal und den Ärzten hier im Haus. Das ist mir sehr viel wert.»

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