Dagmar schreibt: Symptome einer Midlife-Crisis, Teil 3

Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute darüber, wie ihr Lebensalter sie zu einem neuen Umgang mit alten Problemen befähigt.

Foto: dad/bearbeitet mit KI

So, mir reichts. Ich höre jetzt einfach auf mit dem Gejammere über das Älterwerden und darüber, was das alles in mir auslöst. Ich bin ja auch nicht der erste Mensch, der 50 wird? So schwer kann das schon nicht sein. Ausserdem ist mir in letzter Zeit aufgefallen, dass es tatsächlich auch seine Vorteile hat, emotional, geistig und entwicklungstechnisch – sagen wir mal – aus dem Gröbsten raus zu sein.

Nicht nur kann man sich auf seine Lebenserfahrung schon ein bisschen etwas einbilden und in manchen Runden sogar mit wilden Geschichten aus der Jugend auftrumpfen. Es fühlt sich auch irgendwie gut an, auf Partys den «Jungen» dabei zuzusehen, wie sie sich über die Musik der 1980er und 1990er freuen, und zu behaupten, das sei die eigene Musik. Die meiner Generation. Die heute noch top ist, ganz anders als so vieles von dem neumodischen Kram, der gleich wieder vergessen geht.

Neu gewonnene Gelassenheit

Darüber hinaus gibt es aber noch eine ganz angenehme Errungenschaft des Alters: Ich profitiere nämlich von einer neugewonnenen Gelassenheit, die mir sonst eher fremd war. Denn ich bin, ich hatte es bereits erwähnt, eine grosse Meisterin darin, mich gedanklich selbst in den Wahnsinn zu treiben. Einerseits als Hypochonderin, andererseits als Schwarzmalerin und als Dramaqueen. Ich tendiere dazu, Dinge in ihrer Bedeutung völlig zu überhöhen und panisch auf Kleinigkeiten zu reagieren.

Ein bevorstehender Besuch beim Zahnarzt kann mich da ebenso belasten wie die Gefahren, denen sich meine Kinder auf ihren Reisen in die Ferien aussetzen oder das Gefühl der Unzulänglichkeit, wenn ich irgendeinen dämlichen Fehler gemacht habe. Oder wenn mir etwas Peinliches widerfahren ist. Da konnte ich früher buchstäblich im Erdboden versinken.

Und dieses Gefühl konnte ziemlich lange anhalten. Stets war ich selbst meine allergrösste Kritikerin und der innere Teufel in mir flüsterte mir in solchen Situationen unentwegt zu, wie dumm und unfähig ich bin. Voll nervig, so ein innerer Dialog mit sich selbst.

Morgen ist ein neuer Tag

Seit ich nun aber tief in den 40ern stecke, ist mir aufgefallen, dass der innere Teufel an Macht verliert. Ich kann mich zwar immer noch sehr schnell echauffieren und in eine üble Weltuntergangsstimmung hineinmanövrieren, aber insgeheim weiss ich ganz genau, dass dieser Pessimismus nicht lange anhalten wird. Die schlechten Gefühle flauen ziemlich schnell wieder ab.

Denn hey, morgen ist wieder ein neuer Tag. Eigentlich ist es auch ziemlich wurscht, was die anderen von einem halten. Die sind nämlich alle auch nicht unfehlbar, das durfte ich in den vergangenen Jahren hinlänglich erfahren.

Und schliesslich, und das ist vielleicht die grösste Erkenntnis: Es lohnt sich schlicht nicht, sich schlecht zu fühlen. Denn das Leben ist viel zu kurz für schlechte Gefühle. Es ist meine eigene Entscheidung, wie ich emotional auf eine Situation reagiere. Ändern wird sich dadurch ohnehin nix mehr. Wenn etwas Doofes passiert ist, ist das halt so. Aber deswegen muss ich noch lange nicht doof sein.

Ist ziemlich befreiend, diese Einsicht. Älterwerden tut einfach gut.

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