Dagmar schreibt
Dagmar schreibt: «Neo» für alle?
Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über eine Erfindung, die sie sich nie ins Haus holen würde – trotz ihres Bedarfs.
27. April 2026 — Dagmar Schräder
Haben Sie’s schon gehört? Ist die bahnbrechende Neuerung schon bis zu Ihnen durchgedrungen? Nein? Dann lassen Sie sich von mir aufklären. Neo ist da! 1,8 Meter gross, dünn und ohne Körperkonturen oder Mimik, dafür mit einem beigefarbenen Pullover. Seine Aufgabe: Haushalten.
Ein Technologieunternehmen hat es also geschafft, einen humanoiden Roboter für den Hausgebrauch zu entwickeln. Für den Spottpreis von 20 000 US-Dollar (oder knapp 500 US-Dollar monatlich) kann man ihn sich ins Haus holen. Ein Traum für alle Haushaltsmuffel wie mich!
Neo wäre der ideale Mitbewohner: Er würde anspruchslos auf seinem Ständer in der Ecke meines Wohnzimmers abhängen und nur darauf warten, dass ich ihm Aufträge gebe. Er bräuchte kein Frühstück, keine lobenden Worte und würde nie eine Tür zuknallen.
Und er leistet Erstaunliches: Er kann die Spülmaschine ausräumen, Blumen giessen oder Spielzeug aufräumen. Ohne zu murren, trägt er die Einkäufe ins Haus und serviert den Gästen den Aperitif. Nur einen klitzekleinen Haken hat er momentan noch: Ganz selbstständig ist der Jungspund nicht. Er braucht ein wenig Unterstützung – durch einen menschlichen Teleoperator, der ihm aus der Distanz die Anweisungen geben kann.
Für diesen Zweck, das ist klar, benötigt der Operator Einblicke in die Wohnung, in der sich sein Schützling befindet. Er schaut also durch Neos Augen in meinen Haushalt, um zu sehen, wo sich genau das T-Shirt befindet, das er zusammenfalten soll. Aber gut, man hat ja nichts zu verbergen, da darf sich der herstellende Konzern natürlich gerne ein wenig bei mir umschauen, oder?
Der Kundschaft in den entsprechenden Werbevideos scheint das auf jeden Fall nichts auszumachen. Die sitzen alle ganz glücklich und entspannt auf ihren Sofas, prosten sich zu und lassen ihn im Hintergrund wirken. Sogar ihre Hunde sind jetzt besser ausgelastet, weil Neo ihnen ab und zu mal einen Ball zuwerfen kann, wenn sie selber keine Zeit für ihr Haustier haben.
Gut, meine Wohnung sieht vielleicht nicht ganz so aus wie die mondänen Häuser aus der Werbung. Ich glaube, Neo würde nie herausfinden, wo mein Sohn seine dreckigen Socken versteckt. Und ob er meine Katze, die gerne mal ein Nickerchen in der Wäsche macht, beim Aufräumen nicht mit einem dreckigen Handtuch verwechselt, dafür würde ich meine Hand nicht unbedingt ins Feuer legen.
Es ist auch gewöhnungsbedürftig, diesem «Robo-Neo» bei der Arbeit zuzuschauen: Minutenlang versucht er in einem der Videos ein Messer von der Ablage zu greifen, um es danach im Besteckfach der Spülmaschine zu verstauen. Das erledige ich doch lieber selbst. Allein schon beim Betrachten des Videos verspüre ich immense Lust, ihn zu schubsen.
Was würde er dann wohl machen? Von mir erwarten, dass ich ihm wieder auf die Beine helfe? Und überhaupt: Diese Mörderpuppe mit den weichen Pantoffeln macht mir irgendwie Angst. Ich glaube, wenn der in meinem Wohnzimmer abhängen würde, würde ich nachts kein Auge mehr zutun. Man weiss ja nie, auf welche Ideen er oder sein Teleoperator kommen könnten.
Nein, ich glaube, ich bleibe bei meinem Chaos.





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