Dagmar schreibt
Dagmar schreibt: «I’m clever and I know it»
Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über den sachgerechten Gebrauch von Fremdwörtern.
7. Juli 2026 — Dagmar Schräder
Kürzlich bin ich wieder über Modeerscheinungen gestolpert, die mir auf den Keks gehen. Und nein, ich meine nicht bekleidungstechnisch, da bin ich aussen vor. Auch nicht, was Lifestyle-Trends oder dergleichen angeht, damit hab‘ ich auch nicht viel am Hut. Nein, es geht, wie sollte es bei meinem Beruf auch anders sein, um Sprache.
Und zwar gibt es da momentan zwei Fremdwörter lateinischer Herkunft, die mich ganz besonders nerven. Diese beiden sind irgendwie – von mir unbemerkt – vor einiger Zeit in den alltäglichen Sprachgebrauch gerutscht. Keine Ahnung, wo die herkamen, mir sind sie bis vor ein, zwei Jahren nie begegnet. Aber plötzlich benutzt sie Hinz und Kunz. Und das setzt mich unter Druck. Denn auch mir gegenüber werden sie verwendet – völlig selbstverständlich, als müsse man einfach wissen, was sie bedeuten.
Das erste Wörtchen lautet «prokrastinieren». «Bist Du auch so schlimm im Prokrastinieren?», werde ich des Öfteren gefragt. Oder ich muss mir Stossseufzer anhören wie: «Heute habe ich eigentlich nur prokrastiniert.» Beim ersten Mal hatte ich keinen blassen Schimmer, was man mir damit sagen wollte. Es klang für mich eher nach einem veterinärmedizinischen Fachwort dafür, ein Tier seiner Männlichkeit zu berauben. Proaktiv zu kastrieren, sozusagen. (Proaktiv ist übrigens auch so ein Wort: Was soll das denn bitte genau bedeuten? Reicht aktiv nicht aus?)
Natürlich war ich unsicher, was ich antworten sollte. Sollte ich mich etwa zur Gruppe der Prokrastinierer*innen bekennen? So schlimm konnte es nicht sein, wenn die andere Person sich freiwillig dazuzählte. Um mir keine Blösse zu geben, antwortete ich mit «Ja schlimm, ich auch». Dann musste ich erst mal googeln, was ich gesagt hatte. Mehr als einmal, denn die Bedeutung entfiel mir regelmässig.
Das zweite Wörtchen, das ich vor nicht allzu langer Zeit kennenlernte, ist «Resilienz». «Resistenz» kannte ich, und auch «Residenz», aber eine Mischung aus beiden? «Es braucht natürlich schon eine gewisse Resilienz, um mit dieser Situation umgehen zu können», wurde mir an den Kopf geworfen. Aha. Na, wenn Du das sagst? Scheint erstrebenswert zu sein, so eine Resilienz. Da fiel es mir leicht, von mir zu behaupten, diese Fähigkeit aufzuweisen – natürlich auch wieder, bevor ich ihre Bedeutung gegoogelt hatte.
Mittlerweile sind die beiden Wörter, wie das halt so ist mit Modeerscheinungen, auch in meinen aktiven Sprachgebrauch gerutscht. Ich verwende sie sogar mit Genugtuung – und betrachte nach jeder Verwendung meine Gesprächspartner*innen mit einem schönen Mass an Überheblichkeit. Ich warte nur darauf, dass sie sich als Unwissende outen – was sie natürlich genauso wenig tun wie ich damals. Wahrscheinlich sind diese beiden Wörter nur so modern geworden, weil sich nie jemand getraut hat zu fragen, was sie eigentlich heissen.
Aber egal, ich bekenne mich mittlerweile regelmässig dazu, zu prokrastinieren. Mit einer gewissen Impertinenz sogar. Glücklicherweise kann ich aber dank meiner Resilienz trotzdem adäquat reagieren. Das klingt super, oder? Viel besser als: «Hey Mist, ich habe meine Termine schon wieder verpasst. So doof von mir. Aber zum Glück stresst mich das gar nicht so fest.» Wenn ich mich schon nicht schlau verhalte, will ich wenigstens so klingen.





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