Bei der Velovorzugsroute geht es nicht nur um Parkplätze

Am Montag lief die Planauflage für ein Teilstück der geplanten Velovorzugsroute via Nötzli- und Giacometti­strasse aus. Eine Einsprache, die dem «Höngger» vorliegt, setzt sich für den Erhalt einer «Familienstrasse» ein.

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Bei der Nötzlistrasse in Höngg. (Foto: dad)

Die Nötzlistrasse, benannt nach einem altansässigen Familiengeschlecht aus Höngg, wirkt wie eine gewöhnliche Strasse, weit oben im Quartier gelegen. Es gilt Tempo 30, sie ist nicht besonders lang und endet in einer Sackgasse. Gleichzeitig ist sie ein Stück Heimat, ein Lebensort für Familien, so etwas wie ein kleines Dorf. Das zeige sich besonders an freien Tagen ab dem Frühling, sagt ein Anwohner und Familienvater, der anonym bleiben möchte.

Er weiss: Dann nämlich nehmen rund 30 Kinder die Strasse in Beschlag. Die Eltern würden dann auf Campingstühlen am Rand sitzen und beobachten, wie ihre Kinder Hockey spielen oder den Asphalt mit bunter Kreide bemalen. «Wegen der Sackgasse fährt hier selten ein Auto durch, und wenn, dann sehr vorsichtig», erzählt er.

Die «neue» Velovorzugsroute

Geht es nach der Stadt Zürich, soll die Nötzlistrasse aber bald ein Teilstück der geplanten 4,3 Kilometer langen Velovorzugsroute werden, die via Segantinistrasse über die Giacometti- und Appenzellerstrasse bis nach Wipkingen führt (der «Höngger» berichtete). Bislang richtete sich der Fokus vor allem auf das Gebiet bei der Appenzellerstrasse beziehungsweise auf eine Wiese. Das Strassenbauprojekt wurde Ende Januar ausgeschrieben.

«Begegnungszone» ist gefährdet

Der erste Antrag in der hier thematisierten Einwendung betrifft die «Gefährdung der Verkehrssicherheit». Darin wird dargelegt, dass die Nötzlistrasse faktisch zu einer Begegnungszone geworden sei.

«Wir leben hier in einer Gemeinschaft, die meisten haben Kinder, und wir stehen in einem engen Austausch zueinander», sagt der Anwohner. Würde dieser Abschnitt zur Velovorzugsroute umfunktioniert, käme das aus seiner Sicht dem Ende der gelebten Begegnungszone gleich.

In der Eingabe heisst es weiter, die Umwandlung impliziere «vortrittsberechtigten und schnellen Verkehr». Das sei in einer Wohnstrasse unvertretbar, zumal es um die Sicherheit gehe. «Das bereitet uns Sorgen um unsere Kinder», so der Anwohner. Und weiter: «Für uns ist es nicht sinnvoll, aus einer Sackgasse eine Durchgangsstrasse zu machen. Dann steht die Strasse für die Kinder nicht mehr zur Verfügung.»

Zu steil für eine Veloroute?

Die Einwendung verweist zudem auf den nahen Vogtsrain, von wo die Velovorzugsroute zur Nötzlistrasse führen würde. «Die Kombination aus steilem Gefälle (hohe Geschwindigkeiten bergab fahrender Velos, Sicherheitsrisiko bei schlechtem Wetter/Schnee) und Schulkindern zu Fuss widerspricht den Sicherheitszielen der Stadt», heisst es darin.

Der Familienvater betont im Gespräch mit dem «Höngger», dass es nicht darum gehe, die städtischen Pläne zu sabotieren. Im Gegenteil: «Ich finde es gut, dass sich die Stadt für Velowege einsetzt. Auch wir sind Velofahrer. Aber ich weiss nicht, ob Velovorzugsrouten auf Kosten von familienfreundlichen Sackgassen das richtige Instrument sind», sagt er. Es müsse doch andere Möglichkeiten geben als solche Massnahmen.

Viele alte Häuser

Der geplante Parkplatzabbau an der Nötzlistrasse – elf sollen es sein –, wird in der Einwendung schliesslich an zweiter Stelle als «unverhältnismässig» bezeichnet. «Wir als Familie, so hoch oben in Höngg, sind froh, unser Auto nutzen zu können», sagt der Anwohner. Denn die Nötzlistrasse verfügt aufgrund des «alten Hausbestands» kaum über Tiefgaragen, wie es in der Einwendung heisst. Die Aufhebung der Parkplätze erschwere zudem die Versorgung durch Dienste wie Spitex, Handwerker oder Lieferanten, da Halteflächen fehlen würden.

Weitere Punkte in der Einsprache betreffen planerische Mängel: Es wird argumentiert, Velofahrende würden «diesen steilen Umweg ohne direkte ETH-Anbindung meiden und weiterhin direktere Routen wählen». Zudem fehle ein «Nachweis des verkehrlichen Nutzens (Kosten-Nutzen-Verhältnis)».

Im Zentrum stehen für den Anwohner und seine Mitstreiter jedoch die Auswirkungen auf die «Familienstrasse», wie die Nötzlistrasse auch genannt wird. «Meines Wissens kam niemand von der Stadt vorbei, um sich ein wirkliches Bild vom Leben hier an der Nötzlistrasse zu machen», sagt er.

«Hätte man die Strasse an einem Sommerwochenende erlebt, hätte man vielleicht anders entschieden. Oder es wäre dann ein bewusster Entscheid gegen das Familienleben gewesen.»

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2 Kommentare


Christian

1. März 2026  —  20:31 Uhr

In Zürich wird derzeit mit missionarischem Eifer eine Verkehrspolitik durchgedrückt, die sich als Fortschritt verkauft und in Wahrheit ein einseitiges Umerziehungsprogramm ist. Millionen fliessen in Velowege, während Parkplätze systematisch vernichtet werden – nicht, weil eine akute Sicherheitskrise es erzwingen würde, sondern weil das Auto politisch unerwünscht ist. Die Unfallzahlen geben keinen dramatischen Handlungsnotstand her, der diesen radikalen Umbau rechtfertigt. Trotzdem werden Strassen verengt, Quartiere umgekrempelt und Gewerbetreibende vor vollendete Tatsachen gestellt. Wer auf das Auto angewiesen ist – Familien, Handwerker, ältere Menschen, Pendler ohne brauchbare Alternative – wird faktisch bestraft. Kritik wird als rückständig abgetan, Einsprachen wirken wie lästige Formalitäten auf dem Weg zur ideologisch vorgezeichneten Stadt. Das ist keine ausgewogene Verkehrspolitik, sondern eine politische Machtdemonstration auf Kosten derjenigen, die den Wandel nicht mittragen. Wer Sicherheit als Argument benutzt, ohne eine klare, transparente Kosten-Nutzen-Rechnung vorzulegen, betreibt Symbolpolitik. Und wer die Stadt gegen einen erheblichen Teil ihrer eigenen Bevölkerung umbaut, riskiert mehr als nur Stau – er riskiert das Vertrauen in demokratische Prozesse.

Daniel Schlossberg

2. März 2026  —  19:52 Uhr

Wer von Wipkingen nach Höngg oder umgekehrt mit dem Velo fährt, wird kaum die geplante Velovorzugsroute entlang der vorgesehenen Strassen knapp unterhalb der Anhöhe des Hönggerberg benutzen, es sei denn die Person habe den Hönggerberg zum Ziel. Letzten Sommer habe ich Studenten beobachtet, die ihr Velo mit dem Bus zur ETH Hönggerberg hoch befördert haben. Sie wären sonst so durchgeschwitzt, dass sie im Hörsaal eine Zumutung für ihre Kommilitonen darstellten. Interessanterweise ist selbst die flache Velovorzugsroute entlang der Baslerstrasse im Kreis 9 wenig ausgelastet. Warum ist das so? Es hat mit etwas zu tun, was das Vorstellungsvermögen der Planer im Tiefbauamt übersteigt. Bei einer Sightseeing-Tour durch Zürich mit Gästen aus Kunming und San Francisco sind solche Velovorzugsrouten wunderschön, um Eindruck zu schinden. Wer hingegen einfach zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum mobilen Recyclinghof „vorschriftskonform“ das Velo gebraucht, wählt in der Regel die schnellste und kürzeste Route. Und die stimmt nur in Ausnahmefällen mit den vorgeschlagenen Velovorzugsrouten überein. Die Investitionskosten liegen im zweistelligen Millionenbereich, der Nutzen ist verschwindend klein. Ändern wird sich dies erst, wenn Zürichs Bonität wegen hoher Schuldenlast sinkt. Oder wenn das Tiefbaudepartement nicht mehr von einer Fundamentalistin mit einem fast schon religiös anmutendem Mantra geführt wird.

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