Höngger.ch

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Frank Frei

Ausgerilkt

7. November 2018 von

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Online seit
7. November 2018

Printausgabe vom
08. November 2018
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Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.

…Ja, Herr, dieser Sommer war wahrlich gross.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

… und mach vor allem, dass die Sommerzeit abgeschafft wird, weil die Sonnenuhren sonst nie stimmen.

und auf den Fluren lass die Winde los.

…einfach nicht zu feste, gell, weil sonst fachen sie einen der eben gelöschten Waldbrände wieder an. Abgesehen davon plädiere ich dafür, seine Winde noch hinter der Türe am Ende des Flurs loszulassen, anstatt damit die ganze Wohnung zu verpesten.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

… das hast du dieses Jahr wahrlich gut hingekriegt, das mit den Früchten: Man konnte die Fruchtstände nicht genug auslichten, die Äste beugten sich dennoch unter der Last – sofern man die Wurzeln feucht gehalten hatte.

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

… bloss nicht, sonst schiesst der Öchsle noch über den Wert hinaus, der einem Wein noch zuträglich ist. Da kannst du jeden Winzer fragen.

dränge sie zur Vollendung hin und jage

… nicht nötig, es ist alles vollendet. Im Kanton Zürich auch das mit der Jagd, welche eine Volksinitiative den Jägern hatte verbieten wollen. Sie wurde in der freien Wildbahn der Demokratie standesgemäss mit einem Blattschuss erlegt.

die letzte Süsse in den schweren Wein.

… also gut, wenn du darauf beharrst, ich persönlich habe ja nichts gegen einen Jahrgang, der nur aus Amarone-Qualität besteht.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

… also mit Fertigelementen würde man das alleweil noch hinbekommen, wäre da nicht die Baubewilligung. Und somit wird man halt doch bis nächsten Sommer mit dem Sofaplatz im WG-Zimmer Vorlieb nehmen müssen.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

… in einer WG? Dass ich nicht lache.

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

… wir werden bestimmt über nicht entsorgten Müll, fälschlich als sein Eigen betrachtetes Joghurt und die «Winde» im Flur wachen müssen, anstatt zu lesen oder Briefe zu schreiben.

und wird in den Alleen hin und her

… ja, Alleen hat Zürich ja immer mehr. Sogar ein Konzept dazu. Dass nun aber die neu gepflanzten Bäume selbst in hundert Jahren nicht annähernd zu etwas Mächtigem heranwachsen werden, dämmert erst langsam. In so kümmerlich bepflanzten Alleen wären Napoleons Armeen, für die die ersten Allen angelegt wurden, auf ihren Märschen verdurstet. Weit vor Russland und Waterloo. Was ja auch nicht schlimm gewesen wäre – aber gäbe es dann die Schweiz in ihrer heutigen Staatsform inklusive Zürcher Alleenkonzept?

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

… natürlich unruhig, wie denn sonst? Wie soll man ruhig wandern, während die Blätter von Laubbläsern vor und hinter einem hergejagt werden?

Frank Frei,
in Gedanken an Rainer Maria Rilke, der am 29. Dezember 1926 in Montreux verstarb: Hab Dank, Rainer, für eines der schönsten Gedichte aller Zeiten, auch wenn es mir gerade aus ebendieser gefallen ist.

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