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ANNAOTTO – Fair und farbig

5. April 2019 von

Urs Robustelli mit seiner Eigenkreation, dem Kartenspiel ANNAOTTO.
Foto: Lina Gisler

Urs Robustelli mit seiner Eigenkreation, dem Kartenspiel ANNAOTTO.

Bei den ersten Versuchen bastelte er die Karten von Hand, hier noch mit einem etwas anderen Design.

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Online seit
5. April 2019

Printausgabe vom
11. April 2019
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Urs Robustelli erfindet leidenschaftlich gerne Spiele. Und das mit Erfolg: Das erste Spiel, das er mit einem Freund entwickelt hat, heisst Squap und wird weltweit verkauft. Seine neueste Kreation, die nun auf den Markt kommt, ist das farbige Kartenspiel ANNAOTTO.

Karisma Kapoor ist Bollywood-Schauspielerin, Megastar mit 4,1 Millionen Followers auf der Plattform «Instagram» – und in Indien das Gesicht von Squap. Bei diesem Spiel geht es darum, mit Klappen, die man sich an die Hand bindet, einen Ball hin und her zu werfen. Der Ball wird, wenn die Klappe geöffnet wird, herauskatapultiert. Erfunden hat es Urs Robustelli mit seinem Schulfreund Gregor Altenburger, beide lebten in Höngg und gingen dort zur Schule. Robustelli lebt mittlerweile nicht mehr im Quartier. Er wohnt jedoch auch nicht weit weg, in den Bernoulli-Häusern: «Ich sehe Höngg noch», betont er.

Experimentieren mit Fliegenklatschen und Grillzange

«Wir wollten mit Squap erreichen, dass die Kinder wieder mehr nach draussen gehen», erklärt Urs Robustelli. Squap zu erfinden hat die beiden Freunde viel Zeit gekostet: Sieben Jahre haben sie gebraucht, vom Anfang, als die Idee erst in den Köpfen herumgeisterte, bis zum Ende, als sie das Spiel endlich auf den Markt bringen konnten. In diesen Jahren haben sie experimentiert, probiert und natürlich gespielt. Dazu benutzten sie alltägliche Haushaltsgegenstände: Zuerst waren es zwei Fliegenklatschen, die zusammengebunden waren, dann bestand das Konstrukt aus Zapfenzieher und Grillzange und nach vielen weiteren Prototypen kam dann das fertige Squap raus. Das lange Warten hat sich in diesem Fall wirklich gelohnt. Medien wie SRF oder TeleZüri berichteten über das «neue beliebte Sommerspiel», das die Schweiz und bald auch das Ausland im Sturm eroberte. Die erste Auflage in Deutschland, 150’000 Stück, war schnell ausverkauft, erzählt Urs Robustelli stolz. Und durch Werbekampagnen wie der mit Karisma Kapoor, wofür Robustelli eine Woche lang in Indien herumreiste, wurde das Spiel in vielen weiteren Ländern erfolgreich. «Eine Million verkaufter Squap-Sets bedeutet, dass mindestens zwei Millionen Kinder damit spielen – das ist eine unglaublich tolle Vorstellung!» Das motivierte sie und so machten sich die beiden sofort wieder daran, an neuen Kreationen zu tüfteln. Sie gaben in den folgenden Jahren vier weitere Spiele raus, darunter ein Frisbee und eine Wurfröhre, doch der grosse Erfolg wie bei Squap wiederholte sich nicht.

Eine Zusammenarbeit mit der Brunau-Stiftung

Vom Erfinden leben konnten die beiden nicht, und so arbeitet Urs Robustelli 90 Prozent bei der Brunau-Stiftung. Die Stiftung bildet Menschen mit einer gesundheitlichen Einschränkung aus und hilft ihnen, sich im Arbeitsmarkt zu integrieren. Robustelli ist Teamleiter geschützter Arbeitsplätze in der Buchhaltung. Diese Arbeit hat sein neuestes Produkt, ANNAOTTO, stark beeinflusst. «Ich wollte etwas für die Brunau-Stiftung machen. Ich suchte irgendeinen Anhaltspunkt, und das war dieses ANNAOTTO». ANNAOTTO ist ein Kartenspiel, bei dem die Karten beidseitig bedruckt sind. Es kann deshalb einerseits mit der eigenen Vorderseite und auch mit der Rückseite der Gegenspieler gespielt werden. Daher kommt auch der Name: Die Anagramme Anna und Otto können vorwärts und rückwärts gelesen werden. In der Geschäftsstelle der Brunau-Stiftung, wo das Interview stattfindet, hängen überall bunte Bilder, auch die Karten des neuen Spieles sind sehr farbig. «Ich wollte den vielen verschiedenen Menschen hier gerecht werden», erklärt er, und so ist auch jede Karte unterschiedlich: Keine kommt zweimal vor. Robustelli ging aber bei der Verbindung zu Brunau noch einen Schritt weiter: ANNAOTTO wird von Mitarbeitenden der Stiftung produziert. Nach dem Druck werden alle noch anfallenden Arbeiten von den Abteilungen «Lettershop» und «Logistik» erledigt. Zwei Monate waren sie deshalb voll mit der Produktion beschäftigt und auch in Zukunft soll diese Herstellung weiterlaufen. Normalerweise seien die Aufträge an die Brunau-Stiftung nämlich nur kurzfristig, erläutert Robustelli, was nicht ideal sei. Mit dieser Produktion erhofft er sich, dass ein fortwährender Auftrag entsteht. Und es sieht danach aus, dass der Plan aufgeht: Orell Füssli, der ANNAOTTO im Jahr 2019 exklusiv verkauft, habe schon nach einer Woche über eine Nachbestellung gesprochen. «Man kann sich nicht selber Rückmeldungen geben, die kommen erst über den Markt», beteuert Robustelli. Die Rückmeldungen seien in diesem Fall aber schon sehr gut ausgefallen. Die Leute fänden, dass es durch die Doppelseitigkeit der Karten «eine neue Dimension» gäbe. Das Spiel werde dadurch auch interaktiver, man sei nicht nur auf sich selber fokussiert. Zudem wollte Robustelli mit der Zweiseitigkeit bezwecken, dass die Karten auch in der Runde schön und spannend aussehen. «Es ist zwar ein einfaches Kartenspiel, aber gleichzeitig hat es eine neue Herausforderung und eine Fröhlichkeit in der Farbigkeit», findet Robustelli.

Das Familienprojekt

Dass das Spiel so gut ankommt, liegt vielleicht auch daran, dass Robustelli Hilfe von seinem zwölfjährigen Sohn Henri bekommen hat. Zusammen haben sie immer wieder gespielt und ausprobiert. «Er konnte mir sehr gute Inputs von einer ganz anderen Perspektive aus geben, die ich selber nicht immer einnehmen konnte», sagt Robustelli. Klar, wenn jemand im gleichen Alter wie die Zielgruppe ist, dann bringt das viel. Doch nicht nur der Sohn half mit. Fast die ganze Familie war beteiligt: Der Bruder filmte das Erklär-Video, die Schwiegermutter machte die französisch-Übersetzung der Bedienungsanleitung und die Tochter zeichnete das Design der Karten. Dabei war es Urs Robustelli und seiner Tochter wichtig, dass es nicht, wie bei Kinderspielen üblich, grelle Farben sind, sondern ruhige, fast schon pastellartige Farben. Hier unterscheidet sich ANNAOTTO auch von anderen, die Robustelli entworfen hat, allen voran Squap. Dieses ist neonfarbig knallig.

Fair Games Edition

Allgemein scheint sich in den Jahren viel getan zu haben, was die Anforderungen an die eigenen Spiele angeht. Dies wird vor allem dadurch ersichtlich, dass er sich selber Richtlinien gegeben hat, die bei der Produktion eingehalten werden müssen. Dazu wurde die «Fair Games Edition» gegründet. Unter diesem Label entwickeln und vermarkten soziale Schweizer Institutionen Spielzeug, welches die drei Richtlinien Fairness, Qualität und Nachhaltigkeit erfüllt. Darunter fällt unter anderem, dass die Spiele bei der Entwicklung, Produktion und/oder dem Vertrieb in einer Zusammenarbeit mit Institutionen entstehen, die Menschen mit Beeinträchtigungen unterstützen. Zudem muss die Langlebigkeit der Produkte garantiert sein, unnötiger Abfall sollte vermieden und es muss auf kurze Transportwege geachtet werden. Nur schon, wenn man die Verpackungen der beiden Spiele anschaut, werden einem die Unterschiede bewusst. ANNAOTTO hat eine dünne Plastikfolie, eine Forderung von Orell Füssli, der Rest der Verpackung besteht aus Karton. Bei Squap hingegen ist die klobige Verpackung grösstenteils aus Plastik. Auch bei der Herstellung gibt es grosse Differenzen. ANNAOTTO wird in Winterthur gedruckt und dann in der Brunau-Stiftung fertiggestellt. Squap, auf der anderen Seite, wird in China produziert.
Man merkt, dass es Robustelli wirklich am Herzen liegt, es mit diesem Spiel anders zu machen. Zu seinen nächsten Plänen gehört, die Fair Games Edition mehr in Fahrt zu bringen. Er hofft, dass mit der Zeit auch grössere Firmen mitmachen. Ideen für neue Spiele hat er auch schon –aber: «Ideen sind nicht das Problem», betont er, «sondern die Umsetzung.» Auch hat er vor, ANNAOTTO vollständig zu lancieren. Da ist er – trotz fehlendem Bollywood-Star – zuversichtlich.

ANNAOTTO – das völlig verdrehte Kartenspiel
Online erhältlich unter brunau.ch oder orellfuessli.ch, sowie in den Orell Füssli Filialen.

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5. April 2019

Printausgabe vom
11. April 2019
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