Kultur
Anna Six: «Das Älterwerden macht mich neugierig»
Die Hönggerin Anna Six hat gemeinsam mit Seraina Sattler ihr zweites Buch veröffentlicht. In «Anders alt» geht es um die vielen Facetten des Älterwerdens. Zehn Menschen erzählen von ihrem Leben. Im Gespräch mit dem «Höngger» spricht sie über die Entstehung des Buches, das Älterwerden und ein Porträt, das es letztlich nicht ins Buch geschafft hat.
30. Oktober 2026 — Jasmine Osterwalder
Das Kulturhaus Helferei in Zürich ist voll besetzt: Das Publikum wartet gespannt auf den Beginn der Vernissage von «Anders alt». Auf der Bühne sitzen die Höngger Autorin Anna Six, ihre Co-Autorin Seraina Sattler und deren gemeinsame Freundin Jacqueline Surer. Oliver Bolanz vom Christoph Merian Verlag begrüsst das Publikum. Anschliessend führt Surer durch den Abend.
Besonders lebendig wird es, als Vreni, eine der Porträtierten, auf die Bühne tritt, aus ihrem Kapitel vorliest und die Geschichte mit Anekdoten ergänzt. Später nimmt Victor Platz, der sich selbst als «Rampensau» bezeichnet und das Scheinwerferlicht sichtlich geniesst. Auch die abschliessende Fragerunde findet grossen Anklang. Für den «Höngger» nimmt sich Anna Six am Folgetag Zeit, um einige Fragen zu beantworten.
Anna Six, sind Sie alt?
Anna Six: Ich habe gerade meinen 44. Geburtstag gefeiert. Ich stehe nun in der Mitte des Lebens. Unterdessen freue ich mich, dass ich älter werde. Bevor ich das Buch geschrieben habe, war ich neugierig auf die Geschichten der anderen. Nun bin ich gespannt auf mein eigenes Älterwerden.
Woher kommt Ihre Faszination für das Thema?
Mich fasziniert die gesamte Lebensspanne: Wie entwickelt sich ein Mensch und dessen Persönlichkeit? Das Thema Älterwerden hat mich besonders betroffen gemacht, als mein Vater vor drei Jahren gestorben ist. Auch in meiner Arbeit als stellvertretende Chefredaktorin beim Grosseltern-Magazin beschäftige ich mich damit. Nach unserem ersten Buch «Anders aufgewachsen» war «Anders alt» eine logische Weiterentwicklung.
Vor drei Jahren haben Sie und Ihre Co-Autorin mit dem neuen Buch begonnen. Was brauchte es, bis es nun fertig vor uns liegt?
Wir dachten zuerst, dass beim zweiten Buch alles etwas einfacher wird. Das stimmte nur bedingt. Wir hatten zwar von Anfang an die Unterstützung des Verlags, doch der Rest der Arbeit war von Grund auf neu. Wir mussten die Finanzierung gewährleisten und geeignete Stiftungen als Geldgeber finden sowie eine Fotografin und Fachpersonen für Interviews organisieren. Wir suchten passende Menschen für die Portraits, haben sie mehrfach getroffen, die Porträts verfasst und viele Male überarbeitet.
Wie haben Sie sich für die zehn Menschen in den Porträts entschieden?
Wir haben uns dafür viel Zeit gelassen. Wir wollten im Buch eine grosse Palette an Themen abdecken. Meine erste Porträtierte hat mir meine Gotte vermittelt. Ihre Freundin Vreni zog aufs Alter in ein Mehrgenerationenhaus, steigt noch auf Gipfel und war ihr halbes Leben SAC-Mitglied. Das klang spannend. Durch Vreni sind wir auf eine weitere Porträtierte gestossen, Heidi.
Ein fertiges Porträt erschien schliesslich nicht im Buch. Wie kam es dazu?
Sehr viel Energie habe ich in ein Kapitel über einen über 80-jährigen Inhaftierten gesteckt. Wir wollten auch das Älterwerden im Strafvollzug ins Blickfeld rücken. Es erwies sich aber als Gratwanderung. Die Straftaten dieses Mannes sind gravierend und er zeigte im Gespräch kaum Mitgefühl mit den Opfern. Letztlich entschieden wir gemeinsam mit dem Verlag, dass in seinem Fall ein Porträt aus der Ich-Perspektive unpassend war für unser Buch. Auch wenn der Entscheid ein Frust war, war er richtig.
Ab wann sind denn Leute alt?
Wir wollen in unserem Buch nicht definieren, was alt ist, sondern die Diskussion darüber anregen. Die Lesenden sollen für sich selbst reflektieren, was für sie alt bedeutet und welche Annahmen sie gegenüber dem Älterwerden treffen. Spannend finden wir die Geschichte einer Frau, die sehr jung Grossmutter wurde. Dies eröffnet spannende Generationenfragen. Wir haben uns aber bewusst entschieden, nicht über hochaltrige Menschen zu schreiben.
Wieso das?
Im Christoph Merian Verlag erschien bereits das Buch «Ausleben», in dem sich Porträtierte Gedanken zum Tod machen. Wir wollten vielmehr den Übergang ins Altwerden thematisieren, das «Einaltern». Ich finde Übergänge spannend. Gerade nach der Pensionierung stellen sich viele neue Fragen.
Was wollen Sie mit Ihrem Buch aufzeigen?
Wir möchten aufzeigen, wie unterschiedlich die Lebenswelten von älteren Menschen sind. Diese Vielfalt im Alter wird von vielen unterschätzt und Leute greifen auf Stereotypen zurück. Die Beispiele aus dem Buch sollen sichtbar machen, dass es ganz viele verschiedene Arten gibt, wie man im Alter lebt.
Können Sie dazu noch weitere Beispiele nennen?
Der älteste Porträtierte ist Victor. Er selbst sagt, er werde mit dem Alter immer jünger, leichter und kindischer. Dies erlaube er sich, da er nichts mehr zu verlieren habe. Mit seinen 83 Jahren tritt er immer noch als Nacktdarsteller im Opernhaus Zürich auf.
Wie ist es Ihnen gelungen, so viel Nähe zu den Porträtierten herzustellen?
Das ist eine gute Frage. Ich denke, dies hängt damit zusammen, dass wir bei den ersten Begegnungen das Kennenlernen und das sich Einlassen aufeinander in den Fokus stellten. Ich war sehr berührt von den Geschichten der Menschen. Besonders spannend war die Geschichte von Heidi. Ich durfte sie im Prozess ihrer Geschlechtsangleichung begleiten. Wir führten Interviews davor und danach. Bei ihr, wie auch bei vielen anderen, war das Mitteilungsbedürfnis gross.
Bei den Porträts durften passende Bilder nicht fehlen. Was war Ihnen dabei wichtig?
Das Alter wird mit typischen Klischees verbunden: ein Senior mit Wanderstöcken oder die strickende Oma. Wir wollten authentische Einblicke geben, mit allen Ecken und Kanten. Auch wie sie sich zu Hause einrichteten und wohnten fanden wir spannend. Deshalb lichtete die Fotografin Gabi Vogt die Porträtierten meistens zu Hause ab.
Wie ist das Feedback zum Buch?
Wir hören, dass es viele Lesende dazu inspiriert, sich selbst zu fragen: Was ist mir wichtig und wie will ich mein Leben gestalten, jetzt oder später im Alter? Besonders gefreut hat uns auch die Rückmeldung von Rosmarie Brunner, der Präsidentin der GrossmütterRevolution. «Mir hend e schiss Freud», meinte diese bei der Vernissage.
Und wie geht es nach dem Buch weiter?
Eigentlich sagten wir, dass wir nun erst einmal eine Schreibpause einlegen; ausserdem sind wir auf Lesetour. Meine Tochter hatte aber bereits eine Idee für ein allfälliges drittes Buch: «Anders Eltern». Bei der gesamten Lebensspanne zwischen dem Aufwachsen und Älterwerden fehlt noch die Mitte. Beim Thema verschiedener Familienformen sehe ich viel Potenzial.
Vielen Dank für das Interview. Wir sind gespannt, wieder von Ihnen zu lesen.
Buch «Anders alt»
Seraina Sattler, Anna Six
2026, 160 Seiten
Christoph Merian Verlag, ISBN 978-3-03969-068-8
www.andersalt.ch
Lesung «Anders alt»
Buchhandlung Kapitel 10
Freitag, 29. Januar 2027
Ticket: Eventfrog





0 Kommentare