Dagmar schreibt: Das Wunder des Lebens

Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über ein Geschenk, das buchstäblich aus heiterem Himmel kam.

Dagmar Schräder bringt ihre Gedanken aufs Papier. (Foto: dad)

Manchmal, da muss ich mich wirklich zusammenreissen, um angesichts all dessen, was auf der Welt so Übles passiert, den Glauben an das Gute nicht zu verlieren. Um dennoch positiv bleiben zu können – das haben Sie vielleicht schon gemerkt – sind mir meine tierischen Freunde äusserst wichtig. Bei denen ist zwar auch nicht immer eitel Sonnenschein – im Gegenteil, oft geht es hier schliesslich auch um das pure Überleben, aber die Viecher verstehen es einfach, ihr Leben im Moment zu geniessen und den Kreislauf des Lebens gelassen zu akzeptieren. So wirkt das jedenfalls auf mich.

Vor einigen Wochen durfte ich diesen «Circle of Life» auf meiner kleinen Farm wieder einmal in seiner ganzen Magie erleben. An jenem Morgen hatte ich gerade die Hühner aus dem Stall gelassen, als mir ein leises Piepsen auffiel. Und zwar eines, das sich deutlich von der normalen Geräuschkulisse aus Gackern, Schnattern, Quaken, Pfeifen und Zischen unterschied. Zunächst schenkte ich dem Geräusch keine grosse Beachtung. Doch es wiederholte sich. Und nicht nur das: Das Piepsen wurde beantwortet. Mit den typischen gluckenden Geräuschen einer Hühnermama. Kein Zweifel: Das mussten Küken sein!

Ich war verwirrt. Den ganzen Sommer über hatten meine Hühner immer wieder zum Brüten angesetzt, doch es war kein einziges Küken ausgeschlüpft. Die Hitze war einfach zu gross gewesen. Irgendwann hatten das selbst die hartnäckigsten Hennen eingesehen und ihre Nester verlassen.

Wo aber kamen plötzlich diese Geräusche her? Ich begann zu suchen. Schaute in jeden Stall und darunter, grub mich durch Brennnesseln, tastete in den Kaninchenhöhlen nach etwaigem Federvieh. Nix zu finden. Eine halbe Stunde lang war ich bereits auf der Suche, als ich auf die glorreiche Idee kam, den Blick zu weiten und vielleicht auch mal in die Höhe zu schauen.

Und siehe da! Ganz oben auf dem Netz, welches das Kaninchengehege abschirmt, inmitten der Efeuranken, raschelte etwas. Ich schob die Blätter zur Seite und blickte direkt in die besorgten Augen von Henriette. Die Henne schien wenig erfreut, mich zu sehen, fing alarmiert an zu gackern und plusterte sich verräterisch auf. Da, zwischen den Federn, lugte ein winziges Köpfchen hervor. Und noch eins! Vorsichtig hob ich sie hoch. Ganze zehn frisch geschlüpfte Küken kamen zum Vorschein. Klammheimlich musste Henriette sich hier oben eingenistet und drei lange Wochen auf ihren Eiern ausgeharrt haben. Was für eine Meisterleistung!

Aber dort oben konnten Henriette und ihre Brut nicht bleiben. Was sollten die Kleinen zu fressen finden, wie sollten sie an Wasser gelangen? Henriette und ihre Küken mussten in eine kindgerechtere Umgebung umziehen. Lustig fand sie es zwar nicht, als ich mit einer Katzenbox vorbeikam und eines der Kinder nach dem anderen einsammelte, wirkte aber doch dankbar, als sie schliesslich mit dem Nachwuchs in einem sicheren Gehege war. Die Küken jedenfalls genossen ihre neue Bewegungsfreiheit allemal.

Und à propos «Circle of Life»: Gut möglich, dass es der Hahn Boris war, der Henriette kurz vor seinem Ableben noch zu ihrem Nachwuchs verholfen hat. Und so doch noch ein kleines bisschen weiterleben darf.

0 Kommentare


Themen entdecken