Dagmar schreibt
Dagmar schreibt: Time flies
Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute folgt Teil vier ihrer Bewältigungsstrategie der Midlife-Crisis. Wobei – ist es überhaupt eine Krise? Urteilen Sie selbst.
27. September 2026 — Dagmar Schräder
Es ist gerade ein halbes Jahr her, dass ich an dieser Stelle über die plötzlich verschlossenen Türen in meinem Haushalt berichtet habe. Darüber, wie sich meine Kinder mehr und mehr in ihre Zimmer zurückziehen und ich als Mutter aussen vor bleibe.
Seither ist viel passiert. Zwar sind die Türen immer noch verschlossen, aber in zunehmendem Mass herrscht dahinter gähnende Leere. Ausgezogen sind die Kinder, das Mobiliar ist verschwunden. An die Kinderzimmer erinnern nur noch ein paar ausgefranste Aufkleber auf den Zimmertüren und die Bleistiftstriche, mit denen wir den Wachstumsfortschritt der Kleinen im Türrahmen dokumentiert haben. Die Hälfte meines Nachwuchses ist schon ausgeflogen.
Das klingt aus der Perspektive der umsorgenden Mutterglucke ziemlich traurig. Doch das Interessante daran ist, dass ich mich in der Zwischenzeit damit arrangiert habe. Schwankte ich vor einem halben Jahr noch zwischen Verständnis für das Sich-abgrenzen-Müssen der Kinder und der Melancholie angesichts des unbelebten Wohnzimmers, überwiegt heute die Euphorie über die neuen Perspektiven, die sich mir eröffnen. So ertappe ich mich zum Beispiel immer öfter dabei, wie ich darüber nachdenke, welche Wohnform ich mir in Zukunft vorstellen könnte.
Wenn alle Kinder einmal die Fliege gemacht haben, könnte ich mir was ganz Neues überlegen und nicht einfach nur langweilig in eine kleinere Wohnung ziehen. Eine WG, eine Matratze im Hühnerstall, ein Zirkuswagen oder auch ein Baumhaus – alles wäre möglich. Schliesslich steht mir dann die Welt offen und ich bin niemandem mehr Rechenschaft schuldig – was für ein ungewöhnliches Gefühl! Auch mein Tagesablauf hat sich im letzten halben Jahr entscheidend verändert. Seit der Jüngste die Tagesschule besucht, kann ich mir die Zeit völlig frei einteilen. Ich kann mein Frühstück auf die Mittagspause verlegen, kleine Ausflüge unternehmen und mich sehr viel konzentrierter einer Sache widmen, weil ich nicht immer um halb zwölf schon wieder darüber nachdenken muss, ob ich Pizza oder Pasta zum Zmittag serviere.
Tatsächlich fühlt sich mein Leben gerade ein wenig so an wie damals, als ich selber langsam flügge wurde. Und wie damals muss ich ein bisschen aufpassen, dass ich angesichts all der Freiheiten meine Pflichten nicht komplett vergesse. Letztens habe ich zum Beispiel sonntags den Kühlschrank geöffnet und mich geärgert, dass niemand Milch eingekauft hatte – bis mir einfiel, dass ich die Zuständige gewesen wäre. Das Gleiche passiert in regelmässigem Abstand mit dem Klopapier. Das hat ebenfalls die Tendenz, in den unpassendsten Momenten zur Neige zu gehen – völlig unerwartet. Auch die Unordnung in der Wohnung und die Wäscheberge werden durch mein neues Teenagerdasein nicht kleiner. Aber hey, ich habe eine Entschuldigung für das Verhalten. Schliesslich spielen in meinem Alter die Hormone mindestens so verrückt wie bei meinen pubertären Kindern.
Und zum Glück sind ja manche meiner Kinder aus dieser Phase schon wieder rausgewachsen und wohnen gar nicht weit entfernt. Wenn Mutti mal wieder vergisst zu kochen, können wir uns einfach bei ihnen zum Znacht einladen. Bei der Gelegenheit kann ich dann gleich noch ein, zwei Rollen Klopapier mitgehen lassen.





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