Im Juli waren die «Leerkündigungen» bereits einmal Thema in dieser Zeitung. Der «Höngger» veröffentlichte Zahlen von Statistik Stadt Zürich zur Anzahl der Leerkündigungen in Höngg. Gleichzeitig rief er dazu auf, Leerkündigungen im Quartier zu melden. Der Rücklauf war gross und betroffene Personen meldeten sich bei der Redaktion. Dabei lässt sich eines schon von vornherein festhalten: Die Zahl der betroffenen Liegenschaften ist 2026 mit Sicherheit grösser als in den vergangenen Jahren. 2024 etwa waren es laut Statistik Stadt Zürich acht Häuser mit insgesamt 58 Wohnungen in Höngg, die gekündigt wurden.
In diesem Jahr aber sind allein an der Bauherrenstrasse und an der Ferdinand-Hodler-Strasse insgesamt neun Gebäude im Besitz der Zurich Versicherung betroffen. Die beiden Überbauungen sind 40 beziehungsweise etwas über 50 Jahre alt. In beiden Fällen, so erklärt David Schaffner, Mediensprecher der Zurich Versicherung, sei «eine energetische Totalsanierung im unbewohnten Zustand» notwendig. Gleichzeitig wird verdichtet: An der Bauherrenstrasse entstehen neu 37 statt 32 Wohnungen, an der Ferdinand-Hodler-Strasse soll durch Aufstockung und Anbau die Zahl der Wohnungen von 46 auf 53 erhöht werden.
Das Quartier ist Heimat
Von der Kündigung ist unter anderem auch Frau W. betroffen (W. und alle weiteren Leserinnen und Leser, die sich gemeldet haben, wollen ausdrücklich anonym bleiben). Bereits seit 35 Jahren wohnt W. mit ihrem Ehemann an der Bauherrenstrasse. Ende September endet nun ihr Mietverhältnis, was beide sehr bedauern. Sie leben gerne in ihrer Wohnung, haben einiges in sie investiert. Mit zunehmenden Alter, so sagt sie, gewinne die Wohnung an Wert – weil sich das Leben mehr ins Zuhause verlagere. Und neben den Menschen im Quartier ist ihr auch die Wohnlage ans Herz gewachsen: die Limmat, der nahe Wald, das Sonnegg, das Tertianum und das «Grotto».
Doch in Höngg eine neue Wohnung zu finden sei keine leichte Aufgabe: «Wir haben schon einiges angeschaut und sind bereit, mehr Miete als bis anhin zu bezahlen.» Viele der Wohnungen waren dennoch zu teuer, passten sonst nicht – oder die Bewerbungen zeigten keinen Erfolg. «In manchen Fällen», so vermutet W., «werden ältere Menschen wohl auch nicht so gerne als neue Mieterschaft aufgenommen.» Aufgeben wollen die beiden aber noch nicht. Zwar sind sie im Besitz einer kleinen Wohnung in Altstetten, die sie ersatzweise beziehen könnten, aber vorerst wollen sie in Höngg weitersuchen.
Am liebsten würden sie ohnehin nach der Sanierung in die alten Wohnräume zurückkehren. Dies aber, so W., sei ihnen gar nicht vorgeschlagen worden. Zwar erklärt der Mediensprecher gegenüber dieser Zeitung, es gebe für die Mieterschaft die Möglichkeit, ihr Interesse für einen Wiederbezug anzumelden: «Wir führen aktuell eine Liste von Interessenten und die aktuellen Mieterinnen und Mieter können sich auf die Liste schreiben.» Doch auch in der Ferdinand-Hodler-Strasse scheint dies nicht hinlänglich bekannt zu sein, wie eine Mieterin der Liegenschaft erklärt: «Man sagte uns lediglich, wir könnten uns kommendes Jahr via Internet auf die Wohnungen bewerben, sobald sie aufgeschaltet werden.»
Unbestritten ist aus Sicht der beiden Mieterinnen, dass etwas an den Häusern gemacht werden muss. Bei der Ferdinand-Hodler-Strasse sei «40 Jahre lang nur repariert worden, was gerade ausgestiegen ist», so die ehemalige Mieterin, die mittlerweile eine neue Wohnung in Höngg gefunden hat. Küchen und Bäder, Heizung und Fassaden seien sanierungsbedürftig. Auch an der Bauherrenstrasse sind es die Heizung und die Leitungen, die repariert werden müssen. Doch eine Leerkündigung sei halt «blöd für all die Mieterinnen und Mieter, die raus müssen». Insbesondere auch deshalb, weil gleichzeitig mehrere Liegenschaften saniert werden und alle zum selben Zeitpunkt auf Wohnungssuche gehen müssen. «Wo sollen all diese Leute eine bezahlbare Wohnung in Höngg und Umgebung finden?», fragen sich die Betroffenen.
Aus dem Haus von Frau W. hat bisher nur eine Person eine Wohnung in Höngg gefunden. Und auch an der Ferdinand-Hodler-Strasse konnten längst nicht alle im Quartier bleiben. Vielleicht hätte man die Bauarbeiten etappenweise ausführen oder besser koordinieren können, fragen sie sich. Von der Zürich Versicherung heisst es dazu lediglich, die Bauarbeiten würden zwar zum gleichen Zeitpunkt starten, aber unterschiedlich lange dauern.
Wo der Bagger anrückt
Diese Beispiele stehen nur exemplarisch für eine ganze Menge an Bauvorhaben mit Leerkündigungen, die der Redaktion gemeldet wurden – grössere und kleinere, von privaten Eigentümerschaften, Versicherungen oder Pensionskassen. Bekannt sind etwa geplante Ersatzneubauten an der Imbisbühl- und der Ottenbergstrasse sowie an der Regensdorfer- und der Giblenstrasse.
Der «Tages-Anzeiger» berichtete im Juli von einer dritten Überbauung der Zurich Versicherung an der Bombachhalde, deren Mieterschaft die Kündigung erhalten hat. Besonders viel los ist zudem an der Ackersteinstrasse. Hier sind mehrere Projekte in Planung, wie etwa dasjenige der Bereuter Totalunternehmung AG, das per Ende 2028 in zwei Häusern acht Wohnungen durch 15 Eigentumswohnungen ersetzt. «Für alle Mieter wurde eine gute Lösung für ihre neue Wohnsituation gefunden», heisst es vonseiten der Firma. Die Mieterschaft konnte bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreicht werden.
An derselben Strasse plant auch die Pensimo Anlagestiftung 2028 eine grosse Sanierung inklusive Neubauten. Der aktuelle Wohnungsbestand soll dadurch von 67 auf 135 verdoppelt werden. Genauere Informationen hierzu wird die Mieterschaft Ende des Jahres erhalten. Doch bereits jetzt, so eine betroffene Mieterin, sorge die Nachricht für viel Unruhe und Unsicherheit in der Liegenschaft.