Die letzten drei Monate in meinem Leben standen ganz im Zeichen des Sports: Ich war fast jeden Tag schwimmen, insgesamt mindestens 40 bis 50 Mal. Das habe ich nicht etwa wegen der heissen Temperaturen gemacht, sondern weil ich einen Plan hatte: Ich wollte crawlen lernen. Und damit ich dieses Ziel auch wirklich ernst nahm und genug Motivation dazu hatte, habe ich mich kurzerhand für den Triathlon in Uster angemeldet. Da muss man 500 Meter schwimmen, 19 Kilometer Velofahren und fünf Kilometer joggen. Dafür musste ich täglich trainieren – morgens schwimmen, nachmittags aufs Rad oder joggen.

Natürlich konnte ich auch vorher bereits schwimmen, aber längere Strecken crawlen, das ging nicht. Kompliziert ist vor allem die richtige Atmung, aber auch der Fussschlag und die Armarbeit wollen gelernt sein. Ausserdem habe ich gemerkt, dass ich, sobald ich eines dieser Dinge beherrschte, die anderen beiden wieder vergass. Diese Koordination ist nicht einfach. Deswegen habe ich mir zur Unterstützung einen Privatcoach gesucht, der mir hilfreiche Tipps geben konnte.

Vor rund zwei Wochen hat nun der Triathlon stattgefunden. Und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden: Ich habe mein Ziel erreicht, alle drei Disziplinen zu absolvieren und dafür weniger als eineinhalb Stunden gebraucht, obwohl ich eine angeschlagene Leiste hatte und gar nicht sicher war, ob ich es mit dem Laufen schaffe. Auch das Crawlen hat funktioniert, auch wenn ich, ehrlich gesagt, zwischendurch in der Hektik zum Brustschwimmen übergehen musste. Sehr stolz bin ich zudem auf meinen älteren Sohn Emilio, der den Triathlon in der Kinderkategorie abgeschlossen hat.

Challenge bestanden: Raffaele Angiulli mit seinen besten Freunden nach absolviertem Triathlon. (Foto: zvg)

Offen sein für Neues

Dieser Herausforderung habe ich mich aber nicht nur gestellt, weil mir das Schwimmen Spass macht. Es geht mir generell darum, mich persönlich weiterzuentwickeln. Mir ist es wichtig, immer wieder neue Erfahrungen zu machen und Dinge zu lernen, die ich bis anhin noch nicht beherrscht habe. Das tue ich nicht nur für mich, sondern auch für meine beiden Söhne: Ich möchte ihnen damit zeigen, dass man in jedem Alter zu neuen Horizonten aufbrechen kann.

Die Zeit für diese bereichernden Erfahrungen kann ich mir nehmen, weil ich mir vor einigen Monaten eine Auszeit von der Arbeit genommen habe: Im Februar habe ich meinen Job bei der Firma Freitag beendet. Danach bin ich zunächst mit meiner Frau und den Söhnen drei Monate lang im Camper-Van durch Neuseeland gereist. Nach unserer Rückkehr habe ich mit meinem Schwimmprojekt begonnen.

Zürich ist das neue München

Davor habe ich bereits an den verschiedensten Orten gearbeitet, etwa bei Coca-Cola oder bei einer Jugendeinrichtung in Brüttisellen. Studiert habe ich ursprünglich Betriebswirtschaft und Wirtschaftsgeografie in München, wo ich auch aufgewachsen bin. Meine eigentlichen Wurzeln liegen jedoch in Italien: Meine Eltern gehörten zu der grossen Welle der italienischen Migranten, die in den 1960er-Jahren als dringend benötigte Arbeitskräfte nach München kamen – und dort geblieben sind. Ich aber wollte nach meiner Ausbildung raus aus der Grossstadt und bin zum Arbeiten nach Zürich gekommen.

Eigentlich hatte ich geplant, nach zwei Jahren wieder nach Bayern zurückzukehren, doch dann platzten meine dortigen Arbeitspläne und ich verlängerte meinen Aufenthalt in Zürich. Das war mein Glück, denn kurz darauf habe ich hier meine zukünftige Frau kennengelernt. Damit ist die Limmat-stadt endgültig zu meiner neuen Heimat geworden: Seit zwölf Jahren lebe ich hier, an der Grenze zwischen Höngg und Wipkingen, mit meiner Frau und meinen beiden Söhnen, die unsere Familie seit acht beziehungsweise sechs Jahren bereichern.

Im selben Haus wohnen auch meine Schwiegereltern, die nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass ich hier Wurzeln schlagen konnte. Mein Schwiegervater, Oscar Herber, war früher Präsident des Gewerbevereins Wipkingen und führt hier eine Fensterfabrik, wobei ich ihn in Bezug auf IT ein wenig unterstütze. Wohl fühle ich mich aber nicht nur in der Familie, sondern auch in der Stadt: Während mir München mittlerweile zu gross, zugebaut und hektisch geworden ist, empfinde ich Zürich fast ein wenig als die kleinere und gemütlichere Variante der bayrischen Grossstadt.

Auch sozial aktiv

Meine sportlichen Ambitionen sind jedoch nicht die einzigen Ziele, die ich in meiner Auszeit verfolge. Ich bin auch dabei, meine Französischkenntnisse zu verbessern. Jetzt, wo die Kinder nicht mehr ganz so klein sind, habe ich zudem wieder mehr Zeit für Engagements ausserhalb der Familie – zum Beispiel bei der Zürcher Freizeit-Bühne, zu deren Ensemble ich neu gehöre. Und schliesslich bin ich auch noch ehrenamtlich bei der Organisation «buy food with plastic» im Fundraising aktiv. Diese NGO ermöglicht es Menschen in Nicaragua, Ghana und Indien, eingesammelte Plastikflaschen gegen Essen zu tauschen. Damit werden nicht nur von Armut Betroffene unterstützt, sondern es wird gleichzeitig auch Müll reduziert. Wie beim Sport möchte ich auch bei diesem Engagement ein Vorbild für meine Söhne sein – und sie inspirieren, Plastikmüll und -verbrauch zu verringern.

Aufgezeichnet von Dagmar Schräder