Als der Murerplan im Jahr 1576 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt wurde, muss er auf die Zürcher Bevölkerung wie ein Wunder gewirkt haben. Erstmals war die Stadt mit all ihren verwinkelten Gassen und trutzigen Türmen aus der Vogelperspektive zu sehen: «Es war, als hätte ein Magier ein Kaninchen aus dem Zylinder gezaubert», sagt der Autor Martin Weiss.

Der berühmte Holzschnitt von Jos Murer zeigt die Stadt aber nicht nur von oben, sondern zugleich in einer erstaunlichen Präzision. Wer genau hinschaut, entdeckt zahlreiche kleine Szenen und Details: berittene Boten, Tiere, Schiffe, einen Mann an Krücken oder Aussen-klos. «Murer hatte Sinn für Humor», sagt Weiss. Auch in anderen Werken soll er bewusst kleine Irritationen eingebaut haben.

Anders als der Murerplan ist sein Schöpfer weit weniger bekannt. Das will Weiss mit seinem neuen, rund 320 Seiten starken Buch ändern. Dabei sei Murer nicht nur ein Pionier in seinem Fach gewesen: «Er war auch ein Star seiner Zeit», sagt der Höngger begeistert.

Wie aber entstand das Buch über einen Mann, der kaum persönliche Spuren hinterlassen hat? Keine Briefe, keine Skizzen, keine Dokumente aus dem Familienbesitz seien erhalten, erklärt Weiss. Deshalb näherte er sich Murer über dessen Werke und über historische Quellen. Daraus entstand eine Zeitachse mit den wichtigsten Stationen seines Lebens.

Ein Multitalent

Murer wurde 1530 geboren und starb 50 Jahre später. In seiner Lebenszeit erwies er sich als wahres Multitalent: Er war Glasmaler, Illustrator, Kartograf, Schriftsteller, Theatermacher und Dichter. Und er war Familienvater: Mit seiner Frau Barbara hatte er zwölf Kinder; nur eines starb früh, was für jene Zeit aussergewöhnlich war.

Murer war zudem Ratsherr und ein wohlhabender Bürger. Es erstaunt daher wenig, dass er ein «Star» war, der die Zwinglistadt begeisterte – und zugleich ein tiefreligiöser Mann, wie Weiss sagt. Im damaligen Kontext war Religion für praktisch alle Menschen prägend und leitend. Man glaubte an Gott und an den Teufel.

Diese Umstände wusste Murer auch als Dramatiker zu nutzen. So verfasste er Theaterstücke, die auf dem Fraumünsterhof aufgeführt wurden (die Frauenrollen wurden damals noch von Männern gespielt). Er schrieb nicht nur die Texte, sondern führte auch Regie und gestaltete die Kulissen und Kostüme. Es waren Spektakel: Marktstände, Gaukler sowie Essen und Trinken gehörten dazu.

Eines seiner Stücke, «Naboth», überlebte die Jahrhunderte: In den 1970er-Jahren wurde es nochmals unter freiem Himmel auf dem St.-Peter-Platz aufgeführt.

Kein Fach-, sondern Lesebuch

Das Werk des Höngger Autors ist aber keine klassische Biografie. Kapitel für Kapitel führt es an jene Orte in Zürich, die mit Murers Leben verbunden sind: sein Elternhaus, die Schule, das Grossmünster, die Werkstätten oder Schauplätze seiner Arbeiten.

Und wo es die Situation verlangt, nutzte der Autor freie erzählerische Mittel. Er schildert etwa, wie ein Raum ausgesehen haben könnte, den Murer einst betrat – das Arbeitszimmer des Zürcher Musik- und Lateinprofessors Johannes Fries, für den Murer Illustrationen kreierte.

Weiss beschreibt das Zimmer mit den vielen Büchern, Notenblättern und einer Laute. Diese Szenen seien als Annäherung gedacht, nicht als behauptete Tatsache. So erhält «Jos Murer und der Murerplan» einen unterhaltenden Lesefluss. Ganz im Sinne des Autors: «Das Buch ist kein Fachbuch, sondern ein reich bebildertes Lesebuch, das zu einer spannenden Zeitreise einlädt.»

Für Weiss, der bereits zahlreiche Dokumentarfilme, Bücher über Kultur- und Kunstgeschichte sowie zwei Globi-Bücher verfasst hat, waren die letzten drei Jahre mit Murer ein Abenteuer, wie er sagt. Eines, das noch nicht beendet ist: Wie wird das Buch aufgenommen? Wird Murer vielleicht seinen einstigen Status als «Star» zurückerlangen?

Man wird jedenfalls noch einige Male Gelegenheit haben, Murer und auch Weiss «gemeinsam» zu erleben. Begleitet wird die Veröffentlichung durch eine Ausstellung im Haus zum Rech im Stadtarchiv am Neumarkt 4. Zudem sind zwei Führungen zu Murers Spuren in Zürich geplant: Im Rahmen von «Zürich liest» führt Weiss am Samstag, 24., und am Sonntag, 25. Oktober, zu den Schauplätzen Murers in der Altstadt. Es sind noch wenige Plätze frei. Weitere Führungen sollen folgen.

Jos Murer und der Murerplan

Ein künstlerisches Multitalent im Zürich des 16. Jahrhunderts
Von Martin Weiss. 320 Seiten, Verlag Hier und jetzt
ISBN 978-3-03919-671-5
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