Ein Artikel von François G. Baer
Eigentlich war Heinrich von Herzogenbergs (1843–1900) Komposition «Die Passion» mit ihren expressiven Chorpartien und die an Johann Sebastian Bach erinnernden Rezitative als «grosse Kiste» für Solisten, Gemeindechoräle – und neu – auch mit der Mitwirkung des Publikums gedacht.
Das passte Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland gut zum neuerblühenden kirchlich-liturgischen Leben und zum Stilmix des Eklektizismus der Gründerzeit. So stehen sich in Herzogenbergs «Passion» ein grosses Streichorchester, vier Solisten, ein Chor, die Orgel und «die Gemeinde» gegenüber.
Der neue Kantor und Chorleiter des reformierten Kirchenchores sowie Peter Areggers Nachfolger, Igor Marinkovic, verschlankte für «Musik und Wort zum Gründonnerstag» das Werk, indem er einzelne Teile neu zusammenfügte und die Choräle statt durch die Gemeinde durch einen Chor singen liess.
Das Orchester
Das Orchester wurde durch das neu gegründete Ad-hoc-Ensemble mit Victoria Lytvinenko (Violine 1), Andrea Octaviano Kogima (Violine 2), Remea Friedrich (Bratsche) und Sonja Marjanovic (Cello), ersetzt. Robert Schmid konnte glücklicherweise anstelle der erkrankten Tamar Midelashvili Good die Orgelpartitur übernehmen.
Für die Gesangsrollen konnte Marinkovic den mexikanischen Tenor Salvador Villanueva Zuzuárregui, Mitglied des Internationalen Opernstudios, für die Rolle des Evangelisten sowie den amerikanischen Bariton Thomas Hughes als Jesus und Petrus gewinnen, der 2020 in Zürich sein Studium mit dem Master of Music in Concert Performance abschloss und nun mit seiner Frau Laura in Luzern lebt.
Herzogenbergs «Passion» umfasst zwei Teile, Gründonnerstag und Karfreitag, und dauert über zweieinhalb Stunden. Mit seiner Auswahl kürzte sie Marinkovic auf eine Stunde, ergänzte sie mit gelesenen, karfreitäglichen Texten von Josef Eichendorff, Richard Koppin, Julius Sturm und der Bibel. Basis für das Libretto ist das Evangelium nach Johannes.
Dramatischer Höhepunkt
Herzogenberg kannte natürlich Bachs dramatische «Johannes-Passion», worin die Evangelisten kurze Erzählstücke haben, für barock-geschulte Ohren ungewöhnlich. Also komponierte Herzogenberg längere ariose Rezitative, basierend auf zwei Kirchenliedern und wertete dadurch die Rolle auf. Dramatischer Höhepunkt bei der Aufführung am Gründonnerstag war die Gerichtsverhandlung vor Pontius Pilatus. Bange singt der Chor «Herr, wohin sollen wir gehen?»
In kanonischen Imitationen wechseln sich die klaren Stimmen mit der Melodie ab, kontrapunktisch dazu baut das Orchester in dunklen, schweren unheilschwangeren Akkorden die düstere Stimmung auf. Nicht aufgeregt wie bei Bach, sondern langsam und getragen, sodass der Chor als Klangkörper brillieren kann. Diese bildhafte Komposition mit dem sich langsam nähernden Unheil könnte Filmmusik sein.
Eine Kantorei Höngg?
Interessant ist die Idee, mit einem Ad-hoc-Ensemble aus professionellen Musikern, die an der renommierten Zürcher Hochschule der Künste studiert haben oder die in Höngg leben oder unterrichten, eine Auftrittsmöglichkeit zusammen mit Chor, aber auch Solisten in verschiedenen Besetzungen, zu bieten.
Wenn damit ein Netz von Höngg-affinen Musikerinnen und Musikern wachsen kann, können alle Beteiligten – und wir als Publikum – nur gewinnen. Wenn schon so ein Momentum, so ist es dem 1933 gegründeten Kirchenchor erlaubt, sich nun «Kantorei Höngg» zu nennen.
Seit einigen Jahren steht nicht mehr das Etikett «reformiert» im Vordergrund, und die Öffnung zu Projektgruppen ermöglicht es, auch grössere, respektive komplexere Werke einzustudieren und aufzuführen.
