Von Pia Soldan

Es war ein Interview mit Autorin und Biologin Florianne Koechlin, das die studierte Dokumentar- und Experimentalfilmerin Antshi von Moos sofort für das Thema der Biokommunikation einnahm. «Im 20. Jahrhundert ist die Mauer zwischen Mensch und Tier löchrig geworden», sagte Koechlin im März 2018 gegenüber der «Emma». «Jetzt gerät die Mauer zwischen Mensch und Pflanzen ins Wanken.»

Sehr zur Freude von Antshi von Moos. Entspannt sitzt die 40-Jährige auf einer Waldlichtung auf dem Hönggerberg und schildert ein Beispiel für die Kommunikation zwischen Pflanzen und Schlupfwespen. Ihre Augen leuchten, als sie erklärt, der Baum erkenne am Speichel die Art der seine Blätter anknabbernden Raupe.

Entsprechend kombiniere er seine Duftstoffe in der jeweils passenden Dosis – «wie bei einem Parfüm», um exakt die Schlupfwespe anzulocken, die ihn vor dem Gefressenwerden retten kann. Er kreiert den Duft mit der Nachricht: «Hilfe, ich werde angefressen!»

Die Schlupfwespe befällt die Raupe und legt ihre Eier im Raupenkörper ab, sodass die Schlupfwespenlarven das Tier allmählich von innen her verspeisen. Gleichzeitig «spricht» der Baum mit seinen Nachbarn: «Achtung, es kommt Gefahr!»

Poetisch und wissenschaftlich

Mit dem Menschen hingegen kommunizieren die Pflanzen nicht auf diese direkte Weise. Aber Antshi von Moss fasziniert es, «dass wir immer umgeben sind von dieser Kommunikation». Auch von der wohltuenden Wirkung der Duftstoffe auf den Menschen ist die leidenschaftliche Gärtnerin überzeugt. Seit der Zufall sie nach Höngg führte, schätzt sie es daher, so nahe am Wald zu leben.

Im Jahr 2021 bewarb sich Antshi von Moos mit einem Konzept für einen Dokumentarfilm an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK), der das Zusammenspiel zwischen Mensch, Insekt und Pflanze auf ebenso poetische und philosophische wie naturwissenschaftliche Weise in den Blick nehmen sollte. Von den ersten Ideen an erarbeitete sie sich auf dem Toni-Areal den gesamten Produktionsprozess eines Dokumentarfilms.

Während der Produktion nahm Antshi von Moos Kontakt zu Florianne Koechlin auf. Über die Biologin, die acht Bücher über Pflanzenkommunikation vorzuweisen hat, sagt die Regisseurin: «Sie stellt im Film die grossen Fragen: Was bedeutet es für uns als Gesellschaft, wenn wir lernen, dass Pflanzen lebende Organismen sind?»

Szene aus dem Film «Unter Pflanzen». (Foto: Vinca Film)

Für ihren Film wählte Antshi von Moos Personen aus, die tagtäglich mit Pflanzen arbeiten. Auf diese Weise kam ein feines Geflecht aus Perspektiven zustande. Neben Florianne Koechlin holte die Filmerin auch Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger vor die Kamera. In seinem Permakulturgarten hebt das künstlerische Duo die Grenzen zwischen Mensch und Pflanze auf.

Jörg Lenzlinger erklärt gar den Begriff der Natur als solchen für absurd, da dieser den Menschen als ausserhalb der Natur definiere, «als ob das zwei verschiedene Dinge sind. Aber so kann es ja gar nicht sein! Weil wir ja voll von diesem Leben sind und der sogenannten Natur gar nie entkommen können». An der Perspektive von Steiner und Lenzlinger schätzt Antshi von Moos unter anderem, dass sie einen humorvollen Blick auf diese Beziehung werfen, wie sie sagt.

Empathie entwickeln

Aus dem Experimentalfilm kommend bewegt sich die Regisseurin sicher in der Kunst. Auch ihre eigene künstlerische Perspektive lässt sie in «Unter Pflanzen» einfliessen: «Den poetisch-sinnlichen Zugang sieht man sicher in den Makroaufnahmen von den Pflanzen, Schnecken und Insekten.»

Entstanden sind diese in Zusammenarbeit mit Pascal Kohler, der zuvor einen Film über Wildbienen gedreht hatte und Erfahrungen mitbrachte, die sich für Antshi von Moos‘ Projekt als äusserst wertvoll erwiesen. Die so entstandenen Aufnahmen stehen für sich, ohne Ergänzung durch einen Off-Text, widerstrebte es der Regisseurin aber, die Pflanzen ausschliesslich «top-down» zu betrachten, wie sie sagt.

Stattdessen wollte sie «Empathie mit Pflanzen entwickeln, ohne sie zu vermenschlichen». Um diese Sequenzen hörbar zu machen, setzte sie hochsensitive im Boden versenkbare Mikrofone ein. «Man sieht nur die Pflanzen und man hört akustische Interpretationen dessen, was wir mit dem Mikrofon gehört haben.» Hierfür hat Pablo Jókay eine ganz spezielle Filmmusik entwickelt.

Um das auf diese Weise Hör- und Sichtbare einzuordnen, wandte sich Antshi von Moos an eine «absolute Expertin und Pionierin». Prof. Dr. Consuelo de Moraes leitet an der ETH Zürich die Biocommunication Group. Bei ihr lernte die Regisseurin die Hintergründe der Duftstoffkommunikation kennen und erhielt Einblicke in die Forschung zum Florigen, einem Stoff, der Pflanzen zum Blühen bringen könnte.

Der offizielle Trailer zum Film «Unter Pflanzen – Ein Perspektivenwechsel».

Auf Inszenierungen verzichtete Antshi von Moos bei ihren Dreharbeiten im Labor: «Ich wollte den wissenschaftlichen Alltag zeigen.» Weisse Kittel etwa spielen in «Unter Pflanzen» keine Rolle. Hier an der Rämistrasse erfuhr sie zum ersten Mal von der Vielfalt der Forschung zum Thema. Wöchentlich, so sagte man ihr, erschienen Artikel zu den unterschiedlichsten Aspekten der Biokommunikation.

Doch die Auseinandersetzung mit ihnen ende oft an den Hochschultüren und zwischen den Heftumschlägen. Für Antshi von Moos ist das Grund genug, mit «Unter Pflanzen» einen Beitrag zu leisten, das Wissen aus den Laboren in die Gesellschaft zu tragen.

Der Filmstart

Die Gelegenheit, etwas davon aufzuschnappen, gibt es am 20. Mai um 14.10 Uhr beim Special Screening mit Biologin und Autorin Florianne Koechlin und Antshi von Moos im Houdini an der Badenerstrasse 173. Wer sich ein wenig Praxis wünscht, kommt am 21. Mai um 18.30 Uhr ins Houdini, denn von dort aus bietet Yvonne Christ von Grün Stadt Zürich einen Rundgang zum Thema Siedlungsökologie an. Am 14. Mai kommt «Unter Pflanzen» in die Deutschschweizer Kinos. Mehr Infos gibt es unter vincafilm.ch oder unterpflanzen.ch