100 Jahre «Höngger»: Der erste Rückblick von 1926 bis 1936

Am Freitag, 1. Oktober 1926, erschien das «Korrespondenzblatt» der Gemeinden Höngg und Oberengstringen. Den Titel «Höngger» trug die Zeitung aber erst sieben Jahre später. Wir blicken zurück auf die erste Dekade, in der die Eingemeindung eine Rolle spielte.

Die erste Titelseite vom Korrespondenzblatt und die Front vom ersten «Höngger».

«Zum Geleite» lautete der Titel des ersten Textes auf der Frontseite des «Korrespondenzblattes», das am 1. Oktober 1926 für die Gemeinden Höngg und Oberengstringen erschien. Der erste Satz lautete: «Ein neues Blatt erblickt das Licht der Welt und macht den ersten Schritt ins Leben!»; ein Blatt mit sechs Seiten, das für seine Leserschaft «ein Freund» werden wollte, herausgegeben von der Buchdruckerei Gebrüder Moos – Anton und Franz –, in «Höngg-Zürich».

Der jährliche Abonnementspreis betrug 3 Franken, die Werbung pro einspaltige Zeile 20 Rappen. Erscheinen wird das «Korrespondenzblatt» von da an wöchentlich, jeweils am Freitag.

Man wolle für die Vereine sowie für die Handels- und Gewerbetreibenden ein «sicherwirkendes» Publikationsorgan werden, so der Grundsatz. Doch das neue «Lokalblatt», wie es von den Herausgebern selbst bezeichnet wurde, musste sich neben populären Tageszeitungen behaupten. Die Gebrüder Moos setzten auf Neutralität: Sie wollten von Beginn an keine religiöse oder politische Gesinnung repräsentieren, sondern informieren. Nach Angaben der Nachkommen stammten die Texte meist aus eigener Feder.

Die Gemeinde Höngg wuchs in den 1920er-Jahren: Laut der «Ortsgeschichte Höngg» von Georg Sibler zählte man Anfang des 20. Jahrhunderts noch rund 3000 Einwohnende, im Jahr 1930 waren es schon 5307. Und in den Jahren 1924 bis 1933 entstanden gemäss Siblers Nachschlagewerk nicht weniger als 444 neue Bauten, darunter 408 Wohnhäuser. Das Höngger Tram fuhr bereits seit 1898, seit 1923 aber als städtische Linie.

Die erste Ausgabe

Das Dorfleben hielt Einzug in das «Korrespondenzblatt», professionell und inhaltlich gehaltvoll, allerdings noch ohne Abbildungen: Der erste Artikel (nach dem einleitenden Grusswort «Zum Geleite») galt dem Turnverein Höngg. Es war ein Rückblick auf dessen Vereinsjahr und mit dem Hinweis, dass im selben Jahr, am 1. August, der Sportplatz auf dem Hönggerberg eingeweiht wurde.

Gedruckt wurde weiter ein Feuilleton-Text («Am Tannweid-See») sowie amtliche Hinweise, darunter das Flurverbot in Höngg: «Das Betreten von Gärten, Feldern, Wiesen und Rebgelände ist Unberechtigten untersagt». Bei den kirchlichen Anzeigen erfährt man, wer am Sonntag, 3. Oktober 1926, die Predigt hielt: Pfarrer Paul Trautvetter.

Amüsant sind die ersten Inserate: Frau Maurers Cigarrenhandlung im Gässli 4 bot eine Hausmischung an, bei A. Appenzeller an der Regensdorferstrasse 19 gab es «von den einfachsten bis zu den elegantesten Schirmen», das Coiffeur-Geschäft Hans Ruckstuhl an der damaligen Zürcherstrasse 116 empfahl seine Parfümerie- und Toilettenartikel und der Turnverein Höngg lud am 2. Oktober in die «Mühlehalde» zur Abendunterhaltung mit Damenriege ein. Der Turnverein gehört bis heute zu den Inserenten der Zeitung.

Ab der ersten Ausgabe waren Inserate essenziell für das Bestehen der Zeitung. Hier die erste Seite mit der Werbung von damals.

Eine interessante Themenvielfalt

Bereits ein Jahr später entschieden sich die Gebrüder Moos für ein grösseres Format. Es war einiges los in Höngg (und natürlich auch in Oberengstringen), sodass das «Korrespondenzblatt» rege über das Vereinsleben und das Gewerbe informierte. Meldungen aus dem Gemeinderat kamen dazu, auch zu den Wahlen, Informationen aus der reformierten Kirche und immer wieder Ankündigungen von Anlässen und Veranstaltungen. Auch Todesanzeigen kamen vor und kurze Nachrufe. Weihnachtsausgaben warteten mit einem Weihnachtstext auf, die Silvesterausgaben mit Glückwünschen fürs neue Jahr.

Zwischendurch wurde Humoristisches, Unterhaltendes oder auch Aphorismen gedruckt: «Der gesellschaftliche Verkehr wäre weit angenehmer, wenn es keine unangenehmen Menschen gäbe», stand in einer Ausgabe. Ebenso informierte man über bestimmte Regeln der damaligen Zeit. So kam etwa die Zürcher Zentralschulpflege mit folgender Botschaft zu Wort: «Das Kind gehört nach Einbruch der Dunkelheit in die Wohnstube und nicht mehr auf die Gasse». Und: «Lasst sie in kein Kinotheater gehen!» Aber auch ältere Menschen wurden im Quartier berücksichtigt: Etwa mit der Stiftung «Für das Alter», die für die ältere Generationen Geld sammelte.

Ebenso zu finden waren die Rubrik «Fundgegenstände» (diverse Portemonnaies, so die Angaben), die Warnung vor «Schiessgefahr» auf der «Allmend Höngg», Eheverkündungen sowie Aufforderungen zur Einreichung der Steuererklärungen. Manchmal tauchte auch Internationales oder Klatsch auf (oder war es Prosa?), als etwa geschrieben wurde, dass sich die Geistlichen in Italien in einem Krieg gegen die «allzu moderne Frauentracht» befänden. Besonders eine Dame, «stark dekolletiert», sorgte für Aufsehen.

In der Rubrik «Lokales» wurde man wöchentlich über das Dorfleben informiert.

Eine neue Reichweite

Am 1. Juli 1932 folgte die Expansion: Das «Korrespondenzblatt» erschien auch in Unterengstringen und Weiningen. Der Abopreis stieg inzwischen auf 4.20 Franken. Nachrichten aus dem Kanton und der «Eidgenossenschaft» kamen dazu. Und da war der grosse Kanton: Adolf Hitler und seine Schergen wurden immer bekannter.

So findet sich in der Ausgabe vom 15. Juli 1932 unter der Rubrik «Diverses» der Text «Hitler-Splitter». Er handelte vom Tod eines SS-Mannes in Deutschland. Ein gewisser A. Scherz schrieb: «Unverständlich ist die moralische Einstellung des Hitlertums.» Im Februar 1933 informierte das «Korrespondenzblatt» schliesslich über die «Umwälzung in Deutschland», so der Titel; die Machtübernahme der NSDAP war im Gange.

Und weiter: «Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Kurs der deutschen Politik seit der Pseudo-Machtergreifung durch die Nationalsozialisten eine wenig erfreuliche Verschärfung erfahren hat.» Im Text ist von der «vollständigen Knebelung der letzten Reste eines parlamentarischen Regierungssystems» die Rede.

Die Eingemeindung

Während der Aufstieg der Nationalsozialisten begann, sollte sich eine grosse Änderung für die Gemeinde Höngg ereignen, die mit Ansage kam: die Eingemeindung. Auch darüber informierte das «Korrespondenzblatt» vorab. Im Jahr 1934 war es dann so weit: Höngg und sieben weitere selbstständige Gemeinden wurden ab 1. Januar Teil der Stadt Zürich. Das Quartier wurde damit dem neuen Stadtkreis 10 zugeteilt, wobei gleichzeitig das bereits 1893 eingemeindete Quartier Wipkingen diesem Kreis zugeordnet wurde.

Kurze Zeit vorher wurde aus dem «Korrespondenzblatt» mit der Ausgabe vom 27. Oktober 1933 schliesslich «Der Höngger». Herausgeber war seit März 1932 nur noch einer der Brüder Moos, nämlich Anton Moos, nachdem Franz Moos verstorben war. Die Druckerei und die Redaktion waren mittlerweile im Wohnhaus der Familie Moos an der Ackersteinstrasse untergebracht.

Erste Abbildungen hielten Einzug in die Zeitung, so wie hier: die Strassenbahn Zürich-Höngg. Meist beim Feuilleton-Artikel.

«Der Höngger» hatte zudem eine grössere Reichweite: Neu galt er als Gemeinde- und Korrespondenzblatt von Höngg, Ober- und Unterengstringen, Weiningen, Affoltern, Regensdorf und Watt. Es finden sich zu dieser Zeit auch die ersten Bilder in der Zeitung wieder, meist zum Feuilleton auf Seite 1. Die Ausgabe vom 29. Dezember 1933 hatte aber nicht etwa die Eingemeindung als Hauptthema, sondern ein Grossfeuer in Höngg.

Es soll sich auf dem Hönggerberg beim Bauernhaus der Familie Ernst Schäfer zugetragen haben: Während die Familie zusammensass, brach in der Scheune ein Brand aus. Nach kaum fünf Minuten stand das gesamte Gebäude in einem «Flammenmeer», wie «Der Höngger» schrieb. Doch Vieh, Menschen und Hauptgebäude wurden gerettet. Schliesslich wurde am 5. Januar 1934 unter dem Titel «Gross-Zürich» vermeldet: «Die Eingemeindung ist verwirklicht!»

Zehn Jahre und es geht weiter

«Der Höngger» startete mit der Ausgabe vom 3. Januar 1936 in sein 10-Jahr-Jubiläum. Im selben Zeitraum wurde «100 Jahre Sekundarschule Höngg» zelebriert. Mittlerweile wurde über die Zunft Höngg berichtet, die nach der Eingemeindung gegründet wurde, und «Der Höngger» zeigte sich kritisch in Beiträgen wie «Zürich Flora verarmt».

In der Ausgabe vom 18. September 1936 erschien ein Text mit dem Titel «Pro Patria», gerichtet an die Schweizer Frauen, die sich an die Seite der Väter, Brüder, Männer und Söhne stellen sollten. Es ging um die Wehranleihen, mindestens von 100 Franken: Die Vaterlandsverteidiger sollten «gut bewehrt und ausgerüstet» sein, wenn der Notfall eintrete. Die politischen Ereignisse aus dem Nachbarland warfen langsam ihre Schatten auf die Schweiz.

Lesen Sie im Februar: 100 Jahre «Höngger»; 1936 bis 1946

Das digitale Archiv: Dank an die Schmid-Wörner-Stiftung

Stöbern, Recherchieren, Entdecken, Wiederfinden oder Suchen: 100 Jahre «Höngger Zeitung» bedeuten eine Menge Lesestoff – und gleichzeitig sind diese Informationen auch zeitgeschichtliche Dokumente. Die Zentralbibliothek Zürich hat im Auftrag der «Höngger Zeitung» sämtliche Ausgaben ab dem 1. Oktober 1926 eingescannt und stellt das digitale Archiv nun laufend kostenfrei auf ihrer Website zur Verfügung.

Ein Vorhaben, das dank der Schmid-Wörner-Stiftung in Höngg realisierbar war, welche die Kosten übernommen hat. Die Stiftung unterstützt Kultur und Soziales, gemeinnützige Projekte und Institutionen sowie Bedürftige im Quartier Zürich-Höngg. Herzlichen Dank an den Stiftungsrat der Schmid-Wörner-Stiftung, der damit das digitale Archiv ermöglicht hat.

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