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Der Auto(handel)-Flüsterer

25. Januar 2017 von

Foto: Fredy Haffner

In der Garage in Höngg: (v.l.n.r) Marco Belfanti, Hylki Muhadri, Christian Piperno, Sandra Floresta, Mario Santoli.

Von

Online seit
25. Januar 2017

Printausgabe vom
26. Januar 2017
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Marco Belfanti, Inhaber der Auto Höngg AG, erzählt im Gespräch mit dem «Höngger» von seiner Lehre damals im Kreis 5 und blickt in die Zukunft des ganzen Autogewerbes, die schneller kommt, als manche denken. Und die ganze Gesellschaft betreffen wird.

Wie kommt ein leidenschaftlicher Autohändler dazu, zu sagen, er würde heute nicht mehr Autohändler werden? Das, was er bereits als Jugendlicher hatte werden wollen? Doch der Reihe nach. Aufgewachsen in Wipkingen, trieb sich der junge Marco auf jedem Auto-Occasionsplatz herum. Der Berufsberater aber fand bloss, Autoverkäufer, das sei doch kein Beruf und der junge Mann solle doch besser eine KV-Lehre machen, vielleicht ja in einer Autowerkstatt. «Also schnupperte ich als Kaufmann», erinnert sich Belfanti, «und stellte natürlich fest, dass man da kaum je ein Auto wirklich sieht». Also lernte er doch Automechaniker. In einem Betrieb im Kreis 5, was eine prägende Zeit und Umgebung gewesen sei. In jedem Hinterhof, wo heute oft nur noch Restaurants sind, gab es Kleingewerbe. Belfantis Lehrbetrieb reparierte alles, was vier Räder hatte, besonders aber Fiat und Alfa: «Die Machaniker stammten aus verschiedenen Ländern und jeder gab mir sein Wissen weiter». Trotzdem glaubte der Zweitlehrjahrstift, noch zu wenig zu können. Bis ihm der Werkstattchef von Fiat an der Badenerstrasse sagte, dass das, was er, Belfanti, in seiner «kleinen Bude» bereits gelernt habe, jenseits dessen sei, was seine eigenen «Stifte» durften. «Motoren und Getriebe komplett zerlegen und wieder zusammenschrauben, in meinem Lehrbetrieb durfte ich das einfach ausprobieren, scheitern und wieder neu beginnen», blickt Belfanti zurück. Und tat dies auch nach Feierabend weiter. In einer kleinen Garagenbox reparierte er die Motorräder und Autos seiner Freunde, bevor es wieder «is Foifi» in den Ausgang ging, wo ja auch die ganze Kundschaft verkehrte. Noch bevor er selber den Fahrausweis hatte, begann Belfanti mit Autos zu handeln – sein ursprünglicher Berufswunsch hatte sich durchgesetzt. 
Drei Jahre nach der Lehre, Belfanti hatte unterdessen noch eine Handelsschule absolviert, begann zusammen mit einem Kollegen die Suche nach einer richtigen Autowerkstatt. In Höngg wurden sie1978 fündig. Der Betrieb an der Limmattalstrasse 136 war geschlossen, und der Hausbesitzer wollte zuerst nicht an die beiden Jungen vermieten. Doch einen Tag später stand Belfanti erneut bei ihm auf der Matte, mit Businessplänen und der ganzen Buchhaltung seiner bisherigen Aktivitäten. Nun fand er Gehör, und «Auto Höngg» war geboren. Der Hausbesitzer sagte ihm später noch oft, wie ihn die Hartnäckigkeit des jungen Belfantis damals beeindruckt habe.

Kompliziert, uneinheitlich, teuer

Weil es technisch am anspruchsvollsten war, entschied sich Belfanti, eine Citroën-Vertretung zu übernehmen. Später kam Renault dazu, und zuerst war es den beiden Franzosen egal, gleich neben der Konkurrenz zu stehen. Bis ein neuer Chef bei Citroën Schweiz anderer Meinung war und Belfanti, der sich eine treue Citroën-Kundschaft aufgebaut hatte, abgeben musste. Oder eben hätte abgeben müssen, denn er wollte seine Kundschaft nicht verlieren, nutzte eine Rechtslücke aus und nannte sich fortan «freier Citroën-Händler». «Frei» bedeutete nichts Anderes als vertragslos. Nun begann Belfantis Engagement für den freien Autohandel, denn bis 1998, als die Schweiz die europäischen Zulassungsbestimmungen übernahm, konnte man zwar Autos selbst importieren, doch die Einzelzulassung bei den Strassenverkehrsämtern war kompliziert, uneinheitlich und kostete mehrere Tausend Franken. Und weil Einzelbetriebe kaum Gehör fanden, übernahm Belfanti ab 1995 während zehn Jahren das Präsidium des Verbandes freier Autohändler Schweiz und erweiterte dessen Einflussbereich. Doch auch nach 1998 wurde, was Bern entschieden hatte, in den Kantonen noch lange nicht umgesetzt. Also wehrte sich Präsident Belfanti, die Zulassungsbestimmungen in der einen und die Anforderungsliste der Strassenverkehrsämter in der anderen Hand, in Bern für den Direktimport, an dessen Zukunft er glaubte. «Eine Zeit lang assen wir hartes Brot», blickt er zurück, «heute aber kann jedermann problemlos selbst eine Neuzulassung durchbringen».

Die Zukunft kommt schneller als erwartet

Würde er heute nochmals Automechaniker lernen? «Nein, denn heute heisst das Mechatroniker», lacht Belfanti. Dann aber zögert er kurz, bevor er sagt: «Es ist eine gute Grundausbildung. Ein Auto ist etwas sehr Vielseitiges, und man muss sich mit verschiedensten Materialien auskennen. Und mit Elektronik, die ein grosses und rasant wachsendes Thema ist». Dann schiebt er spontan nach, dass es aber eine andere Frage wäre, ob er wieder ins Autogewerbe einsteigen würde. Wie bitte? Er, der gerade einen Renault Zoe gekauft hat, um zu sehen, ob das Elektrofahrzeug auf dem Markt eine Chance hat? Der Autoleasing anbot, bevor eine Bank auf die Idee kam? Er zweifelt am Autogewerbe? Ja, denn Marco Belfanti ist überzeugt, dass sich das Autogewerbe in den nächsten zehn bis 20 Jahren mehr verändern wird als in den letzten 50 zusammen: «Die komplett selbstfahrenden Autos werden ab 2021 soweit sein, dass jeder Hersteller sie im Programm hat. Gesetzgebung und Versicherungen sind noch nicht so weit, und natürlich hat man heute noch Probleme, wenn solche Autos zum Beispiel Verkehrssignale missachten oder bei Schneefall nicht klarkommen. Aber schneller als erwartet werden diese Probleme Vergangenheit sein».

Science-Fiction? Nein.

Über die Folgen dieser Entwicklung kann man bereits mehr als bloss spekulieren: «Man fährt zur Arbeit, und dann sucht das Auto selbständig einen Parkplatz. Oder fährt wieder nach Hause, um die Kinder zur Schule zu fahren. Strassen werden redimensioniert, weil die intelligenten Fahrzeuge Staus nicht entstehen lassen oder umfahren. Bis 2030 wird sich die Mobilität komplett verändert haben», ist sich Belfanti sicher. Was dann Autowerkstätten und -handel noch für eine Funktion haben, weiss auch er nicht. Doch wenn man seinen Gedanken weiterspinnt, dann kauft man Autos nach einer virtuellen Probefahrt nur noch im Internet: «Wenn man Autos nicht mehr selber fährt, sondern nur noch darin sitzen will, wer geht dann noch zu einem Händler für eine Probefahrt?», fragt sich Belfanti. Man konfiguriert sich am Computer sein Wunschfahrzeug, bestellt, und es fährt direkt von der Fabrik vor die Haustüre. Es sucht sich autonom die nächste Werkstatt für den Service, organisiert einen Ersatzwagen und meldet sich so lange ab. Science-Fiction? «Nein», sinniert Belfanti, «2013 wurde man noch ausgelacht, wenn man prophezeite, dass in zehn Jahren Autos selbst fahren werden – fünf Jahre später können sie es bereits. Das Autogewerbe wird sich total verändern und gewisse Dienstleister werden komplett verschwinden». Doch heute und bis Belfanti in Pension geht – falls ein Innovator wie er überhaupt einen Ruhestand kennt – sind Autohandel und Autogaragen noch ein Geschäft, dem er und sein Team für die Kundschaft treu bleiben werden. Und er, der «autoverrückte Junge aus Wipkingen», präsidiert wie seit 2005 weiterhin auch den «European Association of Independent Vehicle Traders» (EAIVT), den europäischen Verband der Freien Autohändler.

Auto Höngg Zürich
Limmattalstrasse 136
8049 Zürich
Montag bis Freitag 7 bis 12 Uhr und 13 bis 18 Uhr
Samstag, Verkauf, 9 bis 13 Uhr
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Verkauf 044 344 14 44
Garage 044 341 00 00
www.a-h.ch

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