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Buchstäblich alles in die Waagschale gelegt

18. August 2015 von

Foto: www.nadinefischer.com

Der Höngger Lukas Weber führt, ganz rechts, das Feld an, vor dem Weltmeister Vittorio Podesta in blau.

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Online seit
18. August 2015

Printausgabe vom
20. August 2015
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Der Höngger Handbiker Lukas Weber gewann an den Paracycling-Weltmeisterschaften zwei Bronze-Medaillen. Kurz danach brach er sich bei einem Trainingsunfall den Fuss mehrfach.

Bei den Paracycling-Weltmeisterschaften, die vom 28. Juli bis 2. August im Luzernischen Nottwil stattfanden, gewann Lukas Weber im Strassenrennen und im Zeitfahren Bronze, vor dem Italiener Vittorio Podesta und dem unverwüstlichen Schweizer Heinz Frei. «Das waren meine bisher schönsten Erfolge! Es war wie ein Traum, alles hat gestimmt!» beschreibt Weber die unvergesslichen Momente vor heimischem Publikum.
Zu einer Medaille bei internationalen Titelkämpfen hat es dem Höngger in seiner zehnjährigen Spitzensportkarriere erst einmal gereicht, vor fünf Jahren gewann er Bronze an den Weltmeisterschaften im Kanadischen Baie Comaux. Bei den Paralympics in London fehlten dem 45-Jjährigen jeweils nur wenige Sekunden fürs Podest. Seine grössten Erfolge feierte er 2011 mit dem Sieg des Gesamtweltcups und dem Doppelsieg beim Weltcup in Sydney. Weber ist seit acht Jahren in der Nationalmannschaft und wird durch das Athletengefäss «Paratop-Athletes» von Rollstuhlsport Schweiz der Schweizer Paraplegiker Stiftung unterstützt, doch private Sponsoren hat er bisher keine.
Besonders gefreut hat er sich über die Bronze-Medaillen in Nottwil, weil dieser Erfolg sehr überraschend war. «Ich hätte niemals damit gerechnet, da ich vor der WM überhaupt nicht wusste, wo ich stehe. Diese Saison war ich bei vielen Wettkämpfen krank oder nicht in Form.» Und letzte Saison war er gesperrt, weil er Meldefristen verpasst hatte. «Als Athlet im Doping-Kontrollpool von Swiss Olympic muss ich jeweils einen detaillierten Kalender einreichen und mitteilen, wann ich wo bin. Die Daten habe ich einige Tage zu spät eingereicht, das war fahrlässig. Früher war das nie ein Problem, doch nun ist alles strenger geworden rund um Dopingkontrollen», erklärt Weber. Ein ganzes Jahr wurde er von Swiss Olympic gesperrt, obwohl er keine Kontrollen verpasst hatte und alle Instanzen bestätigten, dass er nicht mutwillig gehandelt hatte.

«Das fahrt mega i!»

Der Erfolg bei den Weltmeisterschaften führt Lukas Weber auf seine akribische Vorbereitung zurück. Und auf den Heimvorteil, da er die Strecken rund ums Trainingszentrum in Nottwil perfekt kennt. In der Vorbereitung hat der Informatiker, der Teilzeit arbeitet, seine Arbeit weiter stark reduziert, um bis zu 25 Stunden pro Woche trainieren zu können.
Um neue Reize zu setzen ist er vor der WM mehrere Male pro Woche 140 Kilometer gefahren, oft gespickt mit bis zu 1600 Höhenmetern. Eine seiner Lieblingsstrecken war dabei eine grosse Schlaufe über die Sattelegg, zurück um den Obersee und entlang dem Greifensee. Und das in rund fünfeinhalb Stunden. «Es war jedes Mal ein unglaubliches Feeling! Unbeschreiblich, wenn ich mit den Armen etwas bewältige, das ich vor dem Unfall mit den Beinen nicht geschafft hätte, das fahrt mega i!»
Dieses Hochgefühl ist es auch, was ihn zum Training antreibt: «Der Unterschied, ob ich im Rollstuhl unterwegs bin oder im Handbike, ist riesig. Cool ist auch, dass die meisten Verkehrsteilnehmer uns Handbiker nicht als Behinderte wahrnehmen. Das merke ich jeweils daran, wenn zum Beispiel eine Gruppe Schülerinnen hysterisch kreischt, oder Autofahrer genervt hupen. Das nervt zwar auch, doch es ist immer noch besser, als wenn ich nur vorsichtig aus den Augenwinkeln betrachtet werde, wie wenn ich im Rollstuhl unterwegs bin.» Auf den Rollstuhl ist Lukas Weber, der in Obersiggenthal mit seinen Drillingsgeschwistern aufgewachsen ist, seit einem Fahrradunfall 1999 angewiesen, bei diesem hat er sich mehrere Rückenwirbel gebrochen und ist seither vom vierten Brustwirbel an abwärts gelähmt.

Alles auf die Waagschale gelegt

Vor dem Unfall hatte er an der ETH Physik studiert, und dies kam ihm nun bei den Berechnungen, wie viel ihm eine Gewichtsersparnis auf der WM-Rennstrecke bringt, auch zu Gute,. Da jede Runde mit 250 Höhenmetern gespickt war, bringen ein Kilogramm zwölf Sekunden Zeitersparnis und im Strassenrennen über drei Runden mehr als dreissig Sekunden, rechnet er vor. Deshalb reduzierte er nicht nur sein Körpergewicht, sondern auch das Gewicht seines Handbikes. Dazu schraubte er sämtliche Teile von seinem Handbike ab, legte sie auf die Küchenwaage und machte sich auf die Suche nach den leichtesten Komponenten auf dem Markt. «Ich habe mich da so reingesteigert, dass ich kurz vor der WM zu einer Pause gezwungen war, da ich mein Bike wieder zusammenbauen musste. Das war gut, da es mir sonst immer sehr schwer fällt, weniger zu trainieren und mich optimal zu erholen.» Wie leicht sein Carbon-Bike am Ende war, will er aber nicht verraten, da er es der Konkurrenz nicht zu leicht machen will, sein Tuning nachzuahmen. Nur so viel, sein Bike war am Ende unter zehn Kilo und 2,5 Kilo leichter als zuvor.

Vorbereitung für Rio durch Trainingsunfall nicht gefährdet

Der Interviewtermin nach den Weltmeisterschaften musste verschoben werden, weil Weber im Krankenhaus lag: Beim Training war ihm der rechte Fuss zweimal ins Vorderrad geraten. «So etwas ist mir noch nie passiert! Ich habe neue Schuhe ausprobiert und durch die ungewohnte Fussstellung Spastiken bekommen. Solche unkontrollierten Muskelzuckungen gibt es bei uns Paraplegikern öfters, doch so heftig ist das bei mir noch nicht vorgekommen», beschrieb er den Vorfall, noch von der Notfallstation aus am Telefon, «das einzig Gute daran ist, dass ich in meinen Beinen nichts spüre, aber es sieht heftig aus!». Ein offener Bruch am Zeh und zwei weitere Brüche am Fuss wurden in einer mehrstündigen Operation wieder zusammen geflickt. «Die Heilung verläuft ok, aber ob ich Mitte September am Weltcupfinale in Südafrika starten kann, ist noch ungewiss», berichtete Weber einige Tage später. «Die Vorbereitungen für die Paralympics in Rio sind aber nicht gefährdet, da die meisten Selektionswettkämpfe erst nächstes Jahr stattfinden.»

Eingesandt von Nadine Fischer, www.nadinefischer.com

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