Zivilcourage: «Wichtig ist es, überhaupt aktiv zu werden»

Der Frauenverein Höngg organisierte zum zweiten Mal einen Workshop zum Thema Zivilcourage. Er bot den Teilnehmenden mit Rollenspielen, Diskussionsrunden und theoretischen Inputs einen kurzweiligen und interaktiven Einstieg in das Thema.

Szene aus dem Zivilcourage-Kurs: Eine Frau wird belästigt. (Foto: das)

Eine Frau sitzt allein in einem Zugabteil, in ein Buch vertieft. Ein Mann kommt hinzu, lümmelt sich in den Sitz gegenüber und fragt nach einer Zigarette.  Sie blickt kurz auf, verneint und wendet sich wieder ihrer Lektüre zu. Doch das lässt er nicht zu. Immer wieder spricht er sie an, zunehmend aggressiv. Er wechselt den Platz, setzt sich nun neben sie, kommt ihr bedrohlich nahe und reisst ihr schliesslich sogar das Buch aus der Hand.

Was hier geschieht, ist ein ganz «alltäglicher» Übergriff. Das Besondere: Diese Tätlichkeit ist gespielt. Inszeniert von Christa Sulimann von Amnesty International und Melvin Hasler, Theaterpädagoge. Sie findet auch nicht in einem Zug statt, sondern im GZ Höngg und unter der Beobachtung von 17 Teilnehmenden des Zivilcourage-Workshops. Dieser vom Frauenverein Höngg mit Unterstützung des GZ sowie der Stadt Zürich organisierte Workshop soll Mut und Wissen vermitteln, um sich in Krisensituationen für andere Menschen einzusetzen.

Erfolgreich interveniert

In der nächsten Runde werden die Teilnehmenden selbst aktiv: Vier Frauen steigen in die Szene ein, sitzen nun im fiktiven Abteil der Frau gegenüber. Als der Täter die Frau bedrängt, entwickeln die vier eine Strategie, wie sie ihr helfen können: Sie laden die Betroffene ganz einfach ein, sich zu ihnen zu setzen.

Ein Vorgehen, das Melvin, den Schauspieler, beeindruckt: Diese Form der Intervention sei eine der erfolgreichsten gewesen, die er je erlebt habe, lobt er. Auch die Umstehenden sind überrascht: «Auf die Idee, die Frau einzuladen, sich zu ihnen zu setzen, wäre ich gar nicht gekommen», sagt eine von ihnen. Damit ist bereits eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Es ist ratsam, sich bei der Intervention auf das Opfer zu konzentrieren – und nicht auf den Täter.

Warum tut niemand etwas?

Die Realität aber sieht oft anders aus. Viele Menschen schauen lieber weg, als sich zu engagieren. Dafür gebe es, so erklären die Kursleitenden, eine Vielzahl von Gründen: Etwa die Angst um die eigene Sicherheit oder die Befürchtung, falsch zu handeln. Auch der sogenannte «Bystander-Effekt» ist hinderlich: Je mehr Leute eine Situation beobachten, desto unwahrscheinlicher wird es, dass jemand eingreift – weil sich alle darauf verlassen, dass schon «irgendjemand» etwas unternimmt.

Die Bedenken sind teilweise verständlich: Beim Eingreifen, so die beiden Coaches, habe die eigene Sicherheit unbedingt Priorität. Bei gefährlichen Situationen sei daher der Anruf bei der Polizei die einzige Alternative. Anders sehe es jedoch mit der Angst davor aus, etwas falsch zu machen: Die könne man überwinden. «Wichtig ist es, überhaupt etwas zu tun – auch wenn es meistens nicht perfekt ist», so Melvin. Und gegen den genannten Effekt sei es hilfreich, Umstehende direkt anzusprechen. Denn wer persönlich um Hilfe gebeten werde, könne sich der Situation schlechter entziehen.

Zum Abschluss wird nochmals geübt: In Kleingruppen werden reale Situationen nachgespielt. Dabei zeigt sich auch, wie gelähmt man oft ist, wenn man selbst Opfer eines Übergriffs wird. Und wie wichtig es ist, dass andere aufmerksam sind und einschreiten. Damit kommt der Kurs zum Abschluss. Die dreieinhalb Stunden vergingen wie im Flug und machen Lust auf mehr. Den mit der Zivilcourage ist es wie mit vielen anderen Dingen: Übung macht den Meister.

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