«Noch nie musste ich mir mein Mittagessen so schwer verdienen»

Sechs Stunden Arbeit für ein Mittagessen im Sonnegg in Höngg: Unsere Redaktorin Jasmine Osterwalder durfte einen Tag lang hinter die Kulissen des monatlichen «Mittagessen für alle» blicken und mitanpacken.

Die Erdbeertorten gelingen immer besser. (Foto: zvg.)
Trudy Weber bereitet das Besteck vor. (Foto: jao)
In der Küche wird gebrutzelt. (Foto: jao)
Fleissige Schöpferinnen. (Foto: jao)
Küchenchef Rolf erklärt, wie gross die Portionen sein sollen. (Foto: pen)
Poulet-Tajine mit Aprikosen, Datteln, Bulgur und Gemüse. (Foto: jao)
Zufriedene Gäste im Sonnegg. (Foto: jao)
Ruth Weidmann ist die Abwasch-Chefin. (Foto: jao)
Nach dem Kochen war es nicht vorbei: Der Abwasch stand noch bevor. (Foto: jao)
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Um 8 Uhr morgens schien die Sonne bereits kräftig über Höngg. Ich hingegen war noch etwas verschlafen. Das Eishockey-WM-Spiel vom Vorabend steckte mir noch in den Knochen. Im Saal im Sonnegg herrschte dagegen bereits reges Treiben. Einige Helferinnen waren schon bereit, unterhielten sich angeregt und begrüssten mich herzlich.

Kurz darauf eröffnete Rolf Pulfer die Morgenbesprechung und verriet das heutige Menü. Er ist der Verantwortliche, Küchenchef und Mann für alles beim «Mittagessen für alle» im Sonnegg. Er sei schnell in diese Rolle gerutscht: «Ich habe immer gesagt, dass ich im Sonnegg mithelfe, wenn ich pensioniert bin.» Schon nach sechs Monaten übernahm er die Leitung, dies bereits vor sieben Jahren. Für ein einziges Mittagessen investiert er insgesamt rund drei Arbeitstage.

Ein eingespieltes Team

Die Aufgaben waren schnell verteilt. Das Team wirkte routiniert und jede Person hatte ihre Rolle. Helferin Ruth Weidmann erklärte mir: «Alles hat hier ein System und die Leute wissen, wie die anderen ticken.» Ich landete mit der jungen Freiwilligen Josephine Imboden beim Dessert: Erdbeertorte steht auf dem Programm. Ohne grosse Worte begannen alle mit dem Mise en Place. Es wurde gerüstet, geschnitten und gleichzeitig viel gelacht und geplaudert.

Die Gäste geniessen den sonnigen Tag am Schatten. (Foto: pen)

Zum Team gehören insgesamt 19 Freiwillige. Heute musste das Menü angepasst werden, weil einige Helfende fehlten. Auch wegen der angekündigten Hitze hatten mehrere Gäste abgesagt. Die meisten Freiwilligen sind pensioniert und schätzen vor allem das Zusammensein. «Wir haben den Plausch miteinander», sagte Ruth.

Trudy Weber erzählte, dass sie neben dem Sonnegg noch zwei weitere Freiwilligenjobs ausübt. «Zu Hause wäre mir langweilig», meinte sie schmunzelnd. Josephine wiederum schätzt die praktische Erfahrung: «Ich lerne hier viel übers Kochen und probiere neue Rezepte aus.» Alle arbeiten ehrenamtlich. Die Einnahmen des Mittagessens werden jeweils für einen wohltätigen Zweck gespendet.

Das Highlight: die Znünipause

Punkt 9.30 Uhr wurden alle an einen grossen Tisch zusammengetrommelt. Es gab Kaffee, Gipfeli und dazu jede Menge Sprüche und Anekdoten. Das Team wirkte eingespielt und kannte sich sichtlich gut. Rolf nutzte die Pause gleich für organisatorische Informationen. Beim nächsten Mittagessen werde eine 18-köpfige Delegation aus Deutschland erwartet. Anschliessend präsentierte er seinen neuen Menüvorschlag. Sofort entstand eine lebhafte Diskussion über die passende Beilage: Wildreis, Gratin oder doch lieber Spaghetti?

Gegen 11 Uhr stiessen weitere Helferinnen dazu. Sie deckten die Tische, falteten Servietten und bereiteten den Service vor. Aus der Küche zog inzwischen der Duft von gebratenem Poulet und Oliven durch den Saal. Immer wieder wurde probiert und an der Sauce gefeilt. «Irgendetwas fehlt noch», meinte jemand. Nach kurzer Diskussion landeten Senf und Butter im Topf, bis alle zufrieden waren. Auch unsere sechs Erdbeertorten nahmen langsam Form an. Mit jeder gelang es ein bisschen besser und die letzte konnte sich definitiv sehen lassen.

Das Trio diskutiert über die Sauce. (Foto: jao)

Plötzlich wurde es hektisch

Während die Küche heiss lief, trafen die ersten Gäste ein. Einige setzten sich in den Saal, andere suchten draussen im Schatten einen Platz. Das Team begrüsste alle herzlich und nahm erste Bestellungen entgegen. Nach dem Insalata mista folgte Poulet-Tajine mit Aprikosen, Datteln, Bulgur und Gemüse. «Wir probieren gerne neue Gerichte aus, um die Leute zu überraschen», erzählte Rolf.

Ich half beim Schöpfen und merkte schnell: Ich war zu langsam. Während einige Gäste noch gemütlich die Vorspeise assen, verlangten andere bereits eine zweite Portion oder wünschten schon das Dessert. Dazu kamen Spezialwünsche und vegetarische Menüs. Als die Veggie-Portionen ausgingen, improvisierte Rolf kurzerhand und zauberte in wenigen Minuten eine neue Portion aus der Pfanne.

Die Küche wurde immer hektischer. Teller klapperten, jemand rief nach Besteck, andere schöpften, servierten oder standen am Abwasch. Für einen Moment schien alles gleichzeitig zu passieren.

Das wohlverdiente Mittagessen


Draussen bei den Gästen war von dieser Hektik nichts zu merken. Sie genossen das Essen und das entspannte Miteinander. Mehrere wünschten sich sogar, dass das Quartiermittagessen häufiger stattfinden würde. Auch das Feedback zum Essen fiel positiv aus. Ein Gast namens Charles habe das Dessert «so schnell verschlungen wie noch nie», erzählte jemand lachend. Bei mir selbst wuchs der Hunger inzwischen von Minute zu Minute.

Langsam merkte man den Helferinnen die Müdigkeit an. Doch Feierabend war noch nicht in Sicht: Erst gegen 13.30 Uhr verliessen die letzten Gäste ihre Plätze, einige wären wohl gerne noch länger geblieben. Danach folgten Abräumen und Abwasch. Gläser klirrten und Stühle und Tische wurden verschoben.

Kurz nach 14 Uhr war das Gröbste geschafft. Draussen im Schatten deckten wir einen langen Tisch und liessen uns endlich selbst das Menü schmecken. Die Anspannung sank, jemand schenkte Wein ein und plötzlich wurde wieder laut gelacht und gescherzt. Ich genoss die gemütliche Runde, vor allem aber genoss ich das Essen. Noch nie musste ich mir mein Mittagessen so schwer verdienen und selten hat eines besser geschmeckt.

Mittagessen für alle

Das nächste Mittagessen findet am 15. Juli statt.

Anmeldung unter mittagessen@kk10.ch.

 

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