«Mir ist es wichtig, Brücken zu schlagen»

Nina Zhao-Seiler hat in ihrem Leben viel gesehen und vieles erlebt. Bereits in ihrer Jugend wusste sie, dass sie medizinisch tätig sein möchte, allerdings nicht in der Schulmedizin. Mit der Traditionellen Chinesischen Medizin hat sie ihren Weg gefunden.

Nina Zhao-Seiler im Rütihof. (Foto: zvg.)

Ich bin vor 60 Jahren in Zürich geboren, doch die erste Hälfte meines Lebens habe ich kaum in Zürich verbracht. So richtig in der Schweiz wohnhaft bin ich erst seit etwas weniger als 30 Jahren. Aber von Anfang an: Mein Vater ist von Beruf Physiker und hatte vor meiner Geburt gerade sein Studium abgeschlossen. Nun standen für ihn Forschung und Stellensuche an, weswegen wir, als ich gerade anderthalb Jahre alt war, in die USA auswanderten, wo mein Vater seinen Postdoc absolvierte.

Vier Jahre später ging es zurück nach Europa: Wir machten Station in Cassis in Südfrankreich, bevor wir ein Jahr später nach West-Berlin weiterzogen. Ich habe diese Kindheitsjahre sehr positiv in Erinnerung und weiss es zu schätzen, durch das viele Reisen die Möglichkeit gehabt zu haben, verschiedenste Sprachen zu lernen.

Leider zerbrach unsere Familie in Berlin: Meine Mutter verliess die Hausgemeinschaft und zog mit ihrem neuen Partner zusammen. Mich belastete die mangelnde Kommunikation in der Familie sehr, ich sehnte mich danach, mit Menschen zusammenleben, die eine wirkliche Gemeinschaft bilden.

Radikal denkend

Im Berlin der frühen 1980er-Jahre herrschte Aufbruchsstimmung, die Hausbesetzerszene war sehr aktiv. Auch ich wollte etwas bewegen. Deshalb zog ich im Alter von nur 15 Jahren aus und besetzte gemeinsam mit Bekannten ein eigenes Haus. Meine Schulbildung brach ich einige Monate vor Abschluss der mittleren Reife ab – ich hatte damals das Gefühl, in der Schule nicht wirklich die wichtigen Dinge zu lernen. Meine Familie versuchte zwar, mich von einer abgeschlossenen Schulbildung zu überzeugen, doch ich war eine radikal denkende Jugendliche, die ohne Rücksicht auf eigene Verluste handelte.

Die Zeit in Kommune und politischer Jugendbewegung war intensiv und eindrücklich, aber nach rund einem Jahr merkte ich, dass weder dieses Leben noch dieser Weg für mich ist. Mit Tagen ohne Rhythmus und ständiger Überreizung verlor ich das Gefühl für mich selbst und begann an mir zu zweifeln. Ich beschloss, die Stadt zu verlassen, um Boden unter den Füssen zu finden.

Viel später fand ich schliesslich heraus, dass ich eine Person bin, die aus sich heraus kaum Routine entwickelt und gleichzeitig sehr sensibel auf Umgebungsreize reagiert. Die «Flucht» aus dem geteilten Zentrum der Grossstadt Berlin war ein wichtiger Schritt in meinem Leben. Auf der Suche nach Wald und Einfachheit sowie nach meinen Schweizer Wurzeln gelangte ich über einen Kontakt meiner Mutter an einen biodynamisch geführten Bauernhof im Unterengadin, wo ich arbeiten und leben konnte. Ein Jahr lang verbrachte ich täglich viele Stunden im Stall, was für mich sehr heilsam war.

Heilen lernen

Nach weiteren zwei Jahren auf Biobauernhöfen, ich war inzwischen 19 Jahre alt, wurde mir das Landleben aber zu einsam. So näherte ich mich doch wieder einer Stadt: In Zürich war ich in verschiedenen Jobs tätig, etwa als Verkäuferin im Bioladen oder als Köchin im Frauenzentrum. Gleichzeitig suchte ich nach einem Beruf, etwas Sozialem, mit dem ich auch meine Leidenschaft fürs Heilen kombinieren konnte. Die technische Herangehensweise der Schulmedizin war jedoch nicht meins, das merkte ich deutlich.

Über die Selbstverteidigung, die ich in Wendo-Kursen für Frauen kennenlernte, begann ich mich mit asiatischer Kampfkunst zu beschäftigen und sie nach Erlangung des schwarzen Gurtes selbst zu unterrichten. Dabei entdeckte ich die östliche Philosophie, deren Ernährungslehre und Zugang zum Heilen. Allein die Ernährungslehre hat mir sehr geholfen: Seit meiner Jugend hatte ich Probleme mit der Ernährung gehabt und eine Magersucht überlebt, konnte jedoch erst mit der makrobiotischen und der «5-Elemente»-Lehre der Ernährung ein positives Verhältnis zum Essen wiederfinden.

Die chinesische Medizin habe ich dann bei einem Aufenthalt in San Francisco Ende der 1980er-Jahre kennengelernt. Dort hatte ich die Gelegenheit, bei einer niedergelassenen TCM-Ärztin mitzuhelfen. Es war die Hochphase von Aids. Sie behandelte und begleitete ihre zum Teil schwer erkrankten Patienten mit Akupunktur, Arzneipflanzenrezepturen und viel Zuwendung. Ich merkte, dass diese Methoden nicht alles heilen, aber viel Leiden lindern können. Deswegen suchte und fand ich, zurück in der Schweiz, eine Ausbildungsmöglichkeit in Traditioneller Chinesischer Medizin. Drei Jahre lang ging die Ausbildung, nach deren Abschluss unser Lehrer uns ein sechswöchiges Praktikum in China in Aussicht stellte.

Im fernen Osten

Und so geschah es: 1995 schloss ich die Schule ab und reiste mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China. Eine Woche war ich unterwegs – und als der Zug nach der Durchquerung der mongolischen Steppe chinesisches Gebiet erreichte, mit den Bergen und der Terrassen-Agrarwirtschaft, hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen.

Nach sechs Wochen Ausbildung blieb ich in Chengdu. In den nächsten drei Jahren lebte ich hier, war im Spital tätig und lernte Chinesisch. Auch privat tat sich einiges: Ich lernte meinen Partner kennen, 1997 gebar ich unseren Sohn Manuel. Als kleine Familie kamen wir 1998 nach Zürich und fanden 1999 unsere erste Wohnung in Höngg.

Seit meiner Rückkehr aus China betreibe ich in Zürich eine Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin. Ich verstehe meine Arbeit als integrative Medizin – mir ist es wichtig, Brücken zu schlagen zwischen der Schulmedizin und der chinesischen Herangehensweise. Das Studium der Sinologie, das ich hier in Zürich nach Abschluss der Erwachsenenmatur absolvierte, hilft mir dabei.

Im Garten. (Foto: zvg.)

Vor zehn Jahren erhielt ich die Gelegenheit, einen öffentlichen Kräutergarten der TCM an der ZHAW in Wädenswil mitaufzubauen. Dort wachsen inzwischen 130 der am meisten gebrauchten Arzneipflanzen. Ich liebe Pflanzen, gehe sprichwörtlich gerne bis an die Wurzeln. Für mich ist es wichtig, eine Beziehung zu den Pflanzen zu haben, die ich als Arzneikräuter verwende. So kann ich auch ihre Wirkung besser verstehen.

Nina Zhao-Seiler organisiert Kräuterreisen nach China. (Foto: zvg.)

Um die Arzneipflanzenkultur auch anderen zugänglich zu machen, habe ich 2003 begonnen, Kräuterreisen nach China zu organisieren. Die nächste Reise ist noch in diesem Jahr geplant.

Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

0 Kommentare


Themen entdecken