Kultur
Mega, mega – ein Kantor stellt sich vor
Im Oktober luden die Kantorei Höngg unter der Leitung von Igor Marinkovic zusammen mit dem Ad-hoc-Ensemble Kammerorchester Höngg in die reformierte Höngger Kirche ein. Auf dem Programm standen Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und von Joseph Haydn.
29. Oktober 2026 — François Baer
Samstagabend um Acht in der vollen Höngger Kirche: Nach dem Abklingen des Geläuts herrscht spannungsvolle Stille bis sich die grosse Türe ächzend öffnet und ein grossgewachsener bärtiger Mann mit feiner Brille durch den Mittelgang schreitet, sich vor dem Orchester und dem dahinterstehenden grossen Chor aufstellt und diesem den Takt zu Mozarts Motette «Ave, verum Corpus…» gibt.
Langsam, feierlich schwingt sich der Choral in die Höhe um an die letzten Momente von Jesus am Kreuz »dessen durchbohrte Seite floss über von Wasser und Blut» zu erinnern – zum Glück ist der Text lateinisch und nur im Programmheft übersetzt – und bleibt deshalb einfach nur Wohlklang …
Dann dreht sich der Mann um – es ist Igor Marinkovic, der neue Kantor des vormaligen reformierten Kirchenchors und neu der «Kantorei Höngg», der sich dem Publikum zuwendet und erklärt, wie er sich «mega-mega» freut, hier in Höngg als Kantor und Chorleiter wirken zu dürfen.
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Er macht dies mit Charme und seine Begeisterung ist ansteckend, als er anschliessend das Publikum bittet, mit ihm und dem Orchester das Alleluja aus Mozarts Kantate «Exultate, Jubilate» als Kanon zu singen und es fertigbringt, dass die ganze Kirche mit Inbrunst «Alleluja, alleluja» singt.
Das Kammerorchester Höngg
Mit Mozarts Sinfonie Nr. 29 (KV 201) und der Nikolai Messe von Haydn führt Igor Marinkovic auch das neu gegründete Ad hoc-Ensemble «Kammerorchester Höngg» ein, das aus professionellen Musikerinnen und Musikern, alles Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste, besteht, und denen hier in der Kirche Höngg eine Plattform für Auftritte in unterschiedlichen
Besetzungen geboten wird. Konzertmeisterin des neuen Ensembles ist Viktoria Lytvinenko. Sicher eine Win-win-Situation.
Mit Schwung und Verve beginnt das Allegro moderato mit einer ungewöhnlichen Lautstärke und dennoch intim – Mozart ohne jede Tändelei auch in den Streicherpartien – jede einzelne Orchesterstimme spricht mit den anderen, gibt Antwort und fügt sich wieder ein. Und da sind die Bläser – Oboen und zwei Waldhörner – die immer wieder helle, auch grelle, Akzente
setzen.
Das folgende Andante erlaubt dann in einer melodisch «eleganten Strenge» ein kurzes Verschnaufen, um dann im Menuett einen tänzerischen Dialog zwischen freundlichen bejahenden StreicherInnen, «Ja-so-ist-es»-Mitstimmenden (die immer beiden Seiten rechtgeben…) und dem «männlichen» Konterpart, der massiv mit harten Streichern und Bläserstimmen dagegen hält im Sinne von «wo kommen wir denn da hin?» zu komponieren.
Dass sich die «Frauenpartei» mehr und mehr durchsetzt und in einem «Frieden, Freude, Eierkuchen-Schluss», dem die
einstimmenden Bläser noch etwas Goldglanz draufgeben, endet, ist wohl Mozarts Lebenserfahrung zuzuschreiben.
Gott erbarme dich
Wenn Igor Marinkovic den Konzertabend mit einer «frühen» Sinfonie von Mozart einstimmte, so ist auch Haydns Missa Sancti Nicolai ein frühes kirchliches Werk. Haydn war 1772 zwar bereits vierzig, aber von Jugend an als Chorknabe mit Kirchenmusik vertraut und hatte seine 12 erhaltenen Messen ausschliesslich für den kirchlichen Gebrauch geschrieben und diese je länger je mehr immer sinfonischer, instrumentaler geschrieben; Mozart war 1774 18jährig und noch im kirchlichen Dienst in Salzburg, aber bereits auf dem Weg zur Selbständigkeit und der Beherrschung sämtlicher Genres der Musik.
Kyrie eleison – Gott erbarme dich – ist schon im theologischen Sinn eine demutsvolle Aufforderung und sie wird hier von Orchester, Chor und den vier Solisten unmissverständlich als gewaltiger Auftakt dargeboten. Das folgende Gloria nimmt den Impetus auf, der vielstimmige Chor und die Sopranistin ergänzen und steigern sich mit Schwung bis zum Amen, amen. Dann wird es leiser, getragener, das Credo, das Glaubensbekenntnis, ist ja auch keine leichtfertige Sache.
Zum Chor und dem Orchester stimmen nun abwechselnd und zusammen auch alle vier Solisten und Solistinnen mit ihren bewegenden Stimmen in das Werk ein, das quasi hier im Moment erarbeitet wird – gewaltig.
Sanctus, Benedictus und Agnus Dei beschliessen eine Messe, die Gläubigen sollen gestärkt die Kirche verlassen können. Haydn ist ganz dieser Meinung und lässt den Chor mal behutsam, dann bejahend Sanctus, sanctus singen, im Benedictus die Solisten in allen Stimmlagen Hosianna in excelsis und zum Schluss alle zusammen »Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden» – Dona nobis pacem, pacem… – und wir sind wieder im Hier und Heute
und wünschen uns nichts anderes mehr.
Igor Marinkovic lässt hier nochmals alle Anwesenden einen Haydn-Kanon singen, der nichts von Frieden aussagt, und eigentlich das i-Pünktchen zuviel nach diesem bewegenden Konzertabend ist mit einem aufgestellten Chor, überzeugenden Solisten und Solistinnen mit anrührenden Stimmen und einem neuen Orchester, von dem man noch mehr hören und sehen möchte.
Aber dennoch und überhaupt: Mega, mega!
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