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Lockdown – das Unwort des Jahres für das Gastgewerbe

23. Dezember 2020 von

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Online seit
23. Dezember 2020

Printausgabe vom
31. Dezember 2020
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Kaum eine Branche war im Corona-Jahr 2020 derartigen Turbulenzen ausgesetzt wie das Gastgewerbe und die Hotellerie. Emotional und geschäftlich glich das Geschäftsjahr einer Fahrt auf der Achterbahn. Wie schaffte das Höngger Gastgewerbe diesen Höllenritt?

Meinen Freunden und mir kam es am gastronomischen Black Friday vom 11. Dezember vor wie bei einer Henkersmahlzeit. Zum letzten Mal eine kräftige Minestrone, dann zweimal Piccata Milanese und einmal Ossobuco mit Risotto. Küchenchefin «La Mamma» Anna gab noch einmal alles in der Küche der Osteria da Biagio. Wein und Grappa flossen in kürzeren Intervallen als sonst üblich. Schlag 22 Uhr war Feierabend. Alle mussten fast fluchtartig das Lokal verlassen. Biagio, Vito, Carlos und Marco sind Gastgeber aus Leidenschaft. Sie litten an diesem Abend und wir Gäste mit ihnen. Die jüngsten Covid-19-Massnahmen des Bundesrates sind einschneidend. Vom 12. Dezember an galt die Sperrstunde 19 Uhr. Zehn Tage später wurden die Restaurants ganz geschlossen. Dabei sitzt der Lockdown vom Frühling der Branche noch in den Knochen.

Als 1992 Windsor Castle brannte, sprach die Queen von einem «Annus Horribilis». Dieser Begriff passt exakt zum wirtschaftlichen Wellenbad der Gastronomie im Corona-Jahr 2020. Zahlen und Fakten belegen das Elend: Die Arbeitslosigkeit steigt zweistellig, Umsätze brechen bis über 50 Prozent ein, Betriebe schliessen, eine Konkurswelle ungekannten Ausmasses rollt an. Die von Bund und Kantonen getroffenen Massnahmen zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie wie Kurzarbeitsentschädigung, Covid-19-Kredite, Härtefallverordnung sind politisch und in ihrer Wirkung umstritten. Das Covid-19-Geschäftsmietegesetz ist gescheitert.

Mit zwei prominenten Vertretern der Höngger Gastronomie liess ich bei einem Glas Wein das Jahr Revue passieren. Nicolas Blangey vom Restaurant Grünwald hätte 2020 ohne Corona dank anhaltend schönem Wetter und Gartenwirtschaft auf ein Spitzenjahr hoffen dürfen. Der Lockdown Mitte März vernichtete aber sein ganzes Frühlingsgeschäft. Wichtige Umsatztreiber wie Konfirmationen, Kommunionen, Vereins- und Stockwerkeigentümerversammlungen wurden gleich dutzendfach abgesagt. Dank Kurzarbeit konnte das Stamm-Team über die Runden gerettet werden. Ganz ohne Entlassungen ging es aber nicht. Ernst Geering, der Vermieter des Restaurants Grünwald, zeigte sich verständnisvoll. Schon im Frühling verzichtete er auf zwei Monatsmieten; jetzt folgt eine weitere Mietzinsreduktion. Wirtschaftlich klug und vernünftig verstehen sich Vermieter und Mieter als Partner in der Corona-Krise. Sehr positiv erlebte Nicolas Blangey die menschlichen Aspekte der Krise. Die Teamfähigkeit seiner Mitarbeitenden hat sich spürbar verbessert, und die Gäste geniessen die soziale Funktion der Gastronomie noch bewusster als vorher.

Ein ähnliches Bild zeichnet Biagio Martella, der Wirt der Osteria da Biagio. Auch in seinem Betrieb hinterliess die zweimonatige Betriebsschliessung deutliche Spuren. Seit der Wiedereröffnung verhindern Abstandsvorschriften das Arbeiten auf Vorjahresniveau. Aber wie sein Berufskollege Blangey passt auch Martella sein Konzept ständig den sich verändernden Rahmenbedingungen an. Das zeigt sich etwa im stark ausgebauten Take-away-Angebot beider Betriebe.
Tief beeindruckt haben mich die ausgeprägte Vitalität und der positive Unternehmergeist der beiden Höngger Gastronomen. Trotz hartnäckigem Nachfragen bin ich auf keine Anzeichen von Zermürbung oder beruflicher Erschöpfung gestossen. «Es gibt immer eine Lösung!» – diese Einstellung gehört zur DNA der beiden. Der Erfolg gibt ihnen Recht.

Bruno Dohner, Höngger Gastroanwalt

 

 

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