Höngger Fauna
Familiengartenverein: «Höngg hat einen super Boden»
Der Höngger Familiengarten ist zu einem vielfältigen Treffpunkt für Generationen, Natur und Nachbarschaft geworden. Seit über hundert Jahren prägt der Verein das Quartier – und erfindet sich zwischen Beeten, Wildbienen und Gemeinschaft immer wieder neu.
21. August 2026 — Jasmine Osterwalder
Eine grosse Linde prägt den Eingangsbereich des Areals Tobelegg. Daneben steht die gemütliche Vereinshütte und dahinter liegen 51 ganz unterschiedlichen Gartenparzellen. Einige bieten sogar Aussicht über die Stadt bis zum Uetliberg. Zwischen Gemüsebeeten, Blumen, Obstbäumen und wilden Ecken zeigt sich, wie vielfältig so ein Familiengarten heute sein kann.
Der Familiengartenverein Höngg blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück. Gegründet wurde er 1919 in einer Zeit, in der viele Familien auf den Anbau eigener Lebensmittel angewiesen waren. Die Gärten dienten damals nicht in erster Linie der Erholung, sondern halfen, schwierige wirtschaftliche Zeiten zu überbrücken. «Früher waren die Gärten stark auf Gemüseanbau ausgerichtet», erzählt Co-Präsidentin Dörthe Führer. «Der ursprüngliche Gründungsgedanke war, dass sich die Leute in schwierigen Zeiten selbst helfen konnten.»
Heute ist daraus eine andere Gartenkultur entstanden. Neben Gemüse wachsen Blumen, Obstbäume und mediterrane Kräuter. Auch ungewöhnlichere Pflanzen wie Ingwer, Safran oder Kiwis gedeihen dort. «Höngg hat einen super Boden», sagt Führer. «Der feuchte Lehmboden ist perfekt zum Gärtnern. Man muss ihn etwas auflockern, aber dann wächst fast alles.» Manchmal sogar ganz unerwartet. Ihre Zuckermelonen seien beispielsweise einfach aus dem Kompost entstanden.
Der Verein bewirtschaftet heute 93 Gärten auf drei Arealen: Allmend, Tobelegg und Hohenklingen. Während die 36 Parzellen auf der Allmend am Waldrand liegen, bietet das sonnige Tobelegg in Höngg mit seinen 51 Gärten beste Bedingungen für wärmeliebende Pflanzen. Hohenklingen ist mit sechs Parzellen die kleinste und ruhigste Anlage.
Ein Garten für neue Generationen
Das Bild vom Familiengarten als Hobby älterer Generationen gehört längst der Vergangenheit an. «Früher galt der Familiengarten als etwas bünzlig und nur für alte Leute», sagt Führer. «Das hat sich komplett verändert. Heute haben wir viele junge Leute und Familien.»
Co-Präsidentin Helena Bucher erlebt diese Entwicklung seit fast drei Jahrzehnten. Sie ist seit 1996 Pächterin und hat ihr Kind im Garten aufwachsen sehen. «Früher habe ich sogar das Laufgitter meines Sohnes mit in den Garten genommen», erzählt sie. «Kinder sollen lernen, dass Gemüse und Früchte aus dem Garten und nicht aus dem Laden kommen.»
Wer einen Garten möchte, braucht Geduld
Die Nachfrage nach den Höngger Familiengärten ist gross. Besonders während der Pandemie stieg das Interesse stark an. Heute ist die Warteliste so lang, dass sie vorübergehend geschlossen werden musste. «Damit es weniger Leute auf der Warteliste hat, haben wir begonnen, Gärten zu teilen und einen Gemeinschaftsgarten eingerichtet», erklärt Führer. «Vielleicht können wir die Warteliste auf das nächste Gartenjahr wieder öffnen.»
Voraussetzung für eine eigene Parzelle ist der Wohnsitz in der Stadt Zürich. Für Bucher ist das sinnvoll: «Wenn jemand zu weit weg wohnt, macht der Garten keinen Sinn. Man sollte schon regelmässig hier sein.» Der Garten braucht Zeit, Pflege und Verbundenheit mit dem Ort. Führer verbringt gar einen vollen Arbeitstag pro Woche mit dem Gärtnern.
Auch die Gemeinschaft innerhalb des Vereins hat sich gewandelt. «Früher gab es ein Wettrennen, wer zuerst Karotten oder Erbsen erntet», erinnert sich Bucher. «Manche Leute waren sogar eifersüchtig und haben die Gärten anderer beschädigt.» Diese Zeiten seien vorbei. Heute werden Werkzeuge ausgeliehen, Pflanzen verschenkt und Erfahrungen ausgetauscht.
Führer muss schmunzeln: «Was ich schon alles an Pflanzen von anderen Gärtnerinnen und Gärtnern bekommen habe. Blumen, Gemüsesetzlinge, dieses Jahr sogar eine Passionsfrucht.» Gerade diese Mischung macht für sie den Reiz aus. Unterschiedliche Generationen, Kulturen und Lebensgeschichten treffen zwischen den Beeten aufeinander.
Wo Pflanzen wachsen, entsteht Lebensraum
Der Wandel der Familiengärten zeigt sich auch in der Natur. Wo früher vor allem Gemüse für die eigene Küche angebaut wurde, entstehen heute immer mehr vielfältige Lebensräume. Wildbienen, Schmetterlinge und Vögel finden zwischen Blumen, Sträuchern und Bäumen Nahrung und Rückzugsorte. Auf einer Parzelle steht bewusst der Stamm eines abgestorbenen Apfelbaums. Heute leben darin Holzbienen und andere Insekten.
Auch nachts sind die Gärten belebt. Füchse, Marder, Dachse und Igel ziehen durch die Anlagen. Einige Mitglieder können mit Kameras beobachten, welche tierischen Besucher ihre Parzellen durchqueren.
Damit diese Vielfalt erhalten bleibt, setzt der Verein auf naturnahes Gärtnern. Pflanzengifte sind grundsätzlich verboten. Erlaubt sind nur wenige biologische Mittel. Auch Plastik soll möglichst vermieden werden. Regenwasser wird gesammelt und wieder zum Giessen verwendet. Kürzlich erhielt der Verein von Grün Stadt Zürich 30 grosse Tonnen, die zuvor am Universitätsspital im Einsatz waren. Heute dienen sie als Wasserspeicher. Netze verhindern, dass sich darin Tigermücken ausbreiten.
Ein solcher Garten entsteht nicht von selbst: Viele Mitglieder engagieren sich freiwillig, mähen Rasen, reparieren Wasserleitungen, erneuern Zäune oder kümmern sich um Gemeinschaftseinrichtungen. Eine wichtige Rolle spielt Arealchef Tom Schoemaker. Er sorgt dafür, dass Regeln eingehalten, Neophyten entfernt und die Anlagen gepflegt werden. Gleichzeitig ist er Ansprechpartner für die verschiedensten Fragen rund um den Garten. «Ich schaue, dass die Leute die Regeln einhalten und die Neophyten beseitigt werden», sagt er. Auch ein gutes Miteinander ist ihm ein grosses Anliegen.
Die Tobelegg-Hütte als Herzstück des Vereins
Ein wichtiger Treffpunkt ist die Tobelegghütte. Sie gehört zum gleichnamigen Areal und feiert dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Die Hütte kann für private Anlässe gemietet werden und ist ein Ort, an dem die Gemeinschaft über die einzelnen Parzellen hinaus zusammenkommt. Im vergangenen Jahr wurde der Eingangsbereich erneuert. Der Zugang ist nun rollstuhlgängig, zudem entstanden ein Naschgarten und ein neuer Lebensraum für Insekten.
Trotz der vielen positiven Entwicklungen stehen die Familiengärten vor Herausforderungen. Die zunehmende Hitze macht den Pflanzen zurzeit zu schaffen. Gelegentlich kommt es auch zu Einbrüchen oder Vandalismus.
Die grösste Sorge gilt jedoch der Zukunft der Flächen. «Wir hoffen, dass die Gärten bestehen bleiben und nicht zu Bauland werden», sagt Bucher. Für Führer sind die Familiengärten längst Teil einer zukunftsfähigen Stadt. «Ich hoffe, Leute erkennen, wie wichtig diese Gartenareale in der Stadt sind, um Grünschneisen, Lebensraum und Kühlung zu haben.»
Gartentipps aus Höngg
Auch ohne eigene Parzelle lässt sich ein Stück Garten nach Hause holen. Auf dem Balkon lassen sich wunderbar Tomaten oder Zucchetti anpflanzen. Führer schwört auf Mulchen, damit der Boden feucht bleibt. Sie setzt auch auf Kompost: «Kompost ist der beste Dünger. Bei mir sind darin sogar schon Kartoffeln und Melonen gewachsen.» Helena ergänzt: «Ich entsorge den Kaffeesatz im Kompost, was auch ein prima Dünger ist.» Ebenso wichtig sei eine lockere Erde. «Gut hacken und die Erde auflockern ist das A und O.»
Einen fertigen Garten gibt es für Helena ohnehin nicht: «Jedes Jahr hat man wieder neue Ideen.» Genau das hält die Familiengärten Höngg seit über hundert Jahren lebendig: Sie verändern sich ständig und bleiben doch ein vertrauter Ort im Quartier.




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