Dagmar schreibt
Ein Abgesang
Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute schwelgt sie in Erinnerungen an längst vergessene Alltagsgegenstände, wie den Videorecorder oder das Telefonbuch.
22. März 2026 — Dagmar Schräder
Ich hatte Sie ja bereits gewarnt. Sie werden, wenn Sie diese Zeilen regelmässig lesen, nicht umhinkommen, an meiner sich anbahnenden Midlife-Crisis teilzuhaben. Aber keine Sorge, heute wird es nicht allzu ernst. Ich musste nur kürzlich darüber nachdenken, mit welchen Alltagsgegenständen ich aufgewachsen bin. Dinge, die selbstverständlich zu meinem Leben gehörten oder, noch viel aufregender, als neue Errungenschaften in mein Leben traten.
Und dann schaute ich mich in meiner Wohnung um und stellte fest – die gibt’s alle gar nicht mehr! Was in meiner Jugend noch brandneu und aktuell war, fristet heute bestenfalls noch in den verstaubten Regalen der Brockenhäuser ein trauriges Dasein.
«Beverly Hills 90210»
Zum Beispiel die Videorecorder. Ich weiss noch genau, wie lange ich meine Eltern bearbeiten musste, bis sie sich einen anschafften. Und wie gross die Freude über dieses Gerät war. Was für neue Möglichkeiten sich damit boten! Endlich konnte man Lieblingssendungen konservieren und musste nicht mehr jeden Samstagnachmittag genau dann zu Hause sein, wenn «Beverly Hills 90210» ausgestrahlt wurde.
Gut, ein bisschen anstrengend war die Tatsache, dass man das Gerät gar nicht timen konnte, sondern am Anfang und Ende der Sendung noch den «Rekord»- und «Stop»-Knopf drücken musste. Da musste man entweder die Eltern anstellen (die dann natürlich regelmässig den Anfang der Serie verpassten und die Aufnahme erst ab Minute drei starteten), oder doch selbst zu Hause sein. Aber egal: Man konnte die besten Szenen der Lieblingsserie endlich immer und immer wieder anschauen, so lange, bis das Band der Videokassette riss. Fühlte sich für mich wie ein Quantensprung der Technologie an.
Doch urplötzlich waren die Videorecorder out, weil es DVDs gab. Da sahen die Filme tausendmal besser aus. Also lieh und kaufte ich mir halt die Silberlinge. Für gefühlt zwei Jahre, bis diese wieder abgelöst wurden durch Blu-Ray. Und die … naja, die waren so schnell wieder weg, dass sie komplett an mir vorbeigingen. Von den Audiokassetten müssen wir gar nicht reden: Schallplatten, CDs, Walkman, Discman, alles Schnee von gestern. Obwohl Vinyl ja wieder angesagt ist.
Ein dicker Schinken
Auch vom Wählscheibentelefon und meiner Aufregung über den ersten Anrufbeantworter fang ich gar nicht erst an, das Thema Handy hatten wir ja schon zur Genüge. Aber das Telefonbuch. Dieser dicke Schinken gehörte doch in jeden Haushalt. Wann wurde das eigentlich abgeschafft? Nicht, dass ich noch Verwendung dafür gehabt hätte. Früher aber, da war es wichtig. Vor allem dann, wenn man jemanden kennengelernt hatte und nur den Nachnamen, aber nicht die Telefonnummer kannte.
Bis man da im Telefonbuch die richtige Nummer ermittelt hatte, musste man oft einiges an Detektivarbeit leisten, weil es oft mehrere Personen des gleichen Namens gab. Wenn man dann die Nummer endlich hatte, hiess es, mit klopfendem Herzen und trockenem Mund anzurufen – natürlich nur, um sofort aufzuhängen, sobald jemand dranging. Immer wieder. Was das brachte? Keine Ahnung, aber es war hoch spannend. Könnte man heute nicht mehr machen.
Ach, ich könnte noch ewig so weiter schwelgen. Welche Geschichten diese alten Geräte alle so erzählen! Langweile ich Sie damit etwa? Ich sage doch, ich werde alt…





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